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80. Geburtstag

21.08.2017

Nicht aus dem „Nirgendwo“

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2 Bilder
Zerrissene Kindheit: Alfons Schier musste zusammen mit seiner Mutter 1945/46 seinen Heimatort Petersdorf/Nordböhmen verlassen. Unser Bild zeigt Alfons Schier (Jahrgang 1937, Siebter von links in der vorderen Reihe) zusammen mit anderen Kindern 1949 auf dem Ebershauser Alten Sportplatz.
Bild: Sammlung Schier

Alfons Schiers Leben steht im Dienst der Menschen. Aber es ist auch geprägt von den Wendungen der Geschichte. Welche Bedeutung der „blaue Himmel“ für ihn hat

Nordböhmen, 1991: Alfons Schier blickt auf die Silhouette von Petersdorf, das jetzt Petrowice heißt. Erstmals seit seiner Vertreibung 1945/1946 ist Schier wieder in seiner alten Heimat. Doch was heißt Heimat in diesem Moment? Schier, der mit seiner Frau und noch einem weiteren Ehepaar unterwegs ist, steigt aus dem Auto, er geht einige Schritte, ist für Augenblicke mit sich allein.

Welche Gedanken gehen einem durch den Kopf in einem solchen Moment? Ein geistreicher und gleichermaßen eloquenter Mann wie Schier weiß auf eine solche Frage meist eine präzise Antwort. Doch jetzt zögert er, er zögert lange. Dann sagt er: „Ich kann das Gefühl nicht beschreiben. Aber als meine Frau Petersdorf sah, da sah sie auch, dass ich als Heimatvertriebener nicht aus dem Nirgendwo komme.“

Bald, im Oktober, möchte er mit seinen beiden Töchtern noch einmal nach Petersdorf fahren. „Und ich möchte ihnen zeigen, dass auch in Petersdorf der Himmel blau ist.“ Schiers Kindheit ist durch die Vertreibung gezeichnet, doch wenn er darüber spricht, dann sind es oft auch versöhnliche Worte, so etwas wie Verbitterung und schrille Klage ist Alfons Schier immer fremd geblieben. Es war dieses Zugehen auf andere, das stets Antrieb seines Lebens war. Und vor allem der Wunsch, anderen Menschen zu helfen. Am heutigen Montag wird Alfons Schier 80 Jahre alt.

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Feiern? Nein, nach Feiern ist Alfons Schier nicht zumute. Seine Frau, mit der er 57 Jahre verheiratet war, ist vor rund einem Jahr gestorben. Immer wieder wird spürbar, wie schwer ihn dies getroffen hat. Aber Schier wäre nicht Schier, wenn er nach schweren Gedanken nicht auch wieder ein Lächeln finden würde. Und die dezente Ironie, mit der er seine Worte gerne würzt. „Meine Frau hat ja immer auch gesagt: A bissle weniger däts au“. So wird dann am Sonntag, 27. August bei der Arbeiterwohlfahrt in Krumbach (AWO) „a bissle weniger“ gefeiert. Einige Reden, Mittagessen, alles insgesamt nicht zu ausladend, wie Schier betont.

Doch zweifellos werden die Redner auf die vielfältigen Leistungen von Alfons Schier zurückblicken, bei der AWO, als Beauftragter für Soziales im Stadtrat, als Kreisrat, die Hilfsaktionen für Kroatien, Rumänien und die Ukraine, seine Hilfe für Übersiedler aus der DDR im Zuge der Wende 1989/90 und, und, und ... Und sie werden auf ein Leben blicken, das durch die Windungen der Geschichte geprägt wurde. Alfons Schier stammt aus Petersdorf/Nordböhmen. Mit seiner Familie (der Vater war Schuhmacher, die Mutter Hausfrau) wurde er 1946 aus seiner Heimat vertrieben und kam nach Mittelschwaben. Als Kind und Jugendlicher erlebte er die Tiefen und Höhen der 50er Jahre. Er lernte Bäcker, war vorübergehend Hilfsarbeiter in einer Schreinerei, zeitweise auch arbeitslos. 1959 wurde er Streckenarbeiter bei der Bahn, wurde schließlich Fahrdienstleiter. Vor seiner Pensionierung 1990 war er Personal- und Verwaltungsbeamter des Bahnbetriebswerkes in Neuoffingen. Schon früh engagierte er sich in der Politik. Schier war und ist in DGB und SPD gleichermaßen aktiv. SPD-Mitglied ist er seit 1965, von 1972 bis 2014 war er Mitglied des Krumbacher Stadtrates und von 1973 bis 2014 im Kreistag und auch einige Jahre stellvertretender Landrat. Bei der Arbeiterwohlfahrt ist er bis heute in vorderster Reihe aktiv. Nach wie vor ist er AWO-Kreisvorsitzender und stellvertretender Bezirksvorsitzender. 2016 wurde sein Engagement von der Stadt Krumbach mit der Verleihung der Goldenen Bürgermedaille gewürdigt.

Doch all diese Daten und Fakten erfassen wohl nicht einmal annähernd die Dimension des Lebens von Alfons Schier. Auch wenn er darüber spricht, kann man diese Dimension allenfalls erahnen. Manchmal erzählt er dann von der Fahrt nach Petersdorf 1991. Von der alten Frau, die an einem Gartenzaun stand. „Suchen Sie etwas, kann ich Ihnen helfen?“, fragt sie auf Deutsch. Dann scheint die Zeit für Augenblicke stehen zu bleiben. „Du bist ja vom alten Alfons der Junge“, sagt sie plötzlich. Der „alte Alfons“, das ist der Vater von Alfons Schier, mit dem die alte Dame gemeinsam die Schulbank gedrückt hat. Da sie später einen Tschechen geheiratet hatte, konnte sie im Dorf bleiben. Ein gnädiges Schicksal? Schier blickt in diesem Jahr 1991 auf die zahlreichen zerstörten Häuser. Im Jahr der Wende 1989 ist seine Mutter gestorben. Die Hausfrau und Waldarbeiterin Anna Schier, Jahrgang 1915, war 1945, als die Vertreibung begann, gerade einmal 30 Jahre alt. Schier beschreibt seine Mutter rückblickend als „streng und fürsorglich gleichermaßen“. Und „wenn sie das nicht gewesen wäre, dann hätte sie diese Situation auch nicht gemeistert.“

Ihr Mann Alfons gerät auf der Halbinsel Kurland am Ende des Krieges in russische Gefangenschaft. Lange gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Anna Schier ist mit ihrem achtjährigen Sohn Alfons allein, als sie ihr Dorf in Nordböhmen verlassen müssen. Es beginnt eine mehrmonatige Odyssee durch zahlreiche Sammellager, in der die Vertriebenen unter erbärmlichen Bedingungen untergebracht werden. Immer wieder wird auch Schiers Mutter zur Arbeit auf Bauernhöfen gezwungen.

Dann kommt Schier mit seiner Mutter nach Mittelschwaben, zunächst in den kleinen Ort Waltenberg. „Als mein Vater 1938 eingezogen wurde, war ich ein Jahr alt. Als er 1949 aus der Gefangenschaft kam, zwölf Jahre. Er war anfangs wie ein fremder Mann für mich“, erinnert sich Schier. Krieg kann sprachlos machen – und Sprache verändern. Schier nimmt bald den schwäbischen Dialekt an. Wenn seine Eltern „unter sich“ reden wollten, sprachen sie den Lausitzer-Zittauer Dialekt. „Ich musste dann immer lachen.“ Das Lachen hat er bei allen Rückschlägen des Lebens nie verloren, auch den Optimismus immer wieder gefunden. Und den „Glauben an den blauen Himmel“, der irgendwie genau dafür steht. Im Oktober möchte er mit seinen Töchtern in seiner alten Heimat diesen blauen Himmel sehen.

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