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Oberegg

07.09.2019

Oberegg: Eine Kindheit in fremder Umgebung

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2 Bilder
Anton Manhalter am heute noch erhaltenen Häuschen der Wasserwacht am Oberegger Weiher.
Bild: Ralph Manhalter

Anton Manhalter kam als Achtjähriger aus der ungarischen Batschka nach Oberegg. Nun erinnert er sich an die frühe Nachkriegszeit.

Es gibt sie tatsächlich: Jene Orte, welchen ein gewisser Zauber innewohnt, die etwas Mystisches ausstrahlen, definierbar lediglich als „genius loci“. Natürlich erfolgt die Wahl dieser Plätze oft individuell. Was dem einen bedeutend und wichtig erscheint, mag sich dem anderen nicht erschließen, bleibt ihm fremd und unbegreiflich. Nicht selten liegt dieser Bedeutung etwas Familiäres zugrunde, was sie zu einer persönlichen, intimen Begegnung mit dem Gegenstand zu führen vermag.

In meinem Fall müssen wir in die frühe Nachkriegszeit zurückgreifen. Deutsche Städte lagen in Schutt und Asche, auf dem Land war das Leben zwar etwas erträglicher aber immer noch beschwerlich. Zudem hatte man Heimatvertriebene und Flüchtlinge in Haus und Hof einzuquartieren. Es lag auf der Hand, dass diese Menschen nicht gerade freundlich aufgenommen wurden. Zu jener Zeit dachte niemand daran, dass dieser fürchterliche Krieg von deutschem Volk, von deutschem Boden initiiert wurde. Eines dieser Vertriebenenkinder war mein Vater, der 1946 aus Südungarn nach Oberegg verteilt wurde. Alleine mit seiner Mutter, meiner Großmutter – der Vater war von den Sowjets in die Ukraine deportiert worden und niemand wusste, ob die Familie je wieder vereint sein würde.

Traurige, beinahe trostlose Umstände müssen es gewesen sein, als die Menschen mit ihren fremd anmutenden Kleidern und wenigen Habseligkeiten sich an den Ufern der Günz niederließen. Dabei „war man daheim wer“, wie immer wieder das frühere Leben als wohlhabender Bauer in Ungarn beschrieben wurde. Untergebracht unter anderem in einem Wirtshaus, lebten alle auf sehr beengtem Raum. Erst später wurde ein eigenes Gebäude für die Neuankömmlinge errichtet, am Dorfrand – möglichst weit von der alteingesessenen Gemeinschaft.

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Bei all den zu ertragenden Beschwernissen fand eine technische Einrichtung die Aufmerksamkeit meines Vaters; etwas was in der früheren Heimat bislang unbekannt war. Wenige Jahre zuvor wurde nämlich durch die Firmen Bisle und Pohl ein Kraftwerk an der Günz mit dem dazugehörenden Stausee erbaut. Zunächst waren deutsche Arbeiter beschäftigt, nach Kriegsbeginn wurden französische und zuletzt russische Zwangsverpflichtete eingesetzt. Um den Weiher zu speisen, musste der alte Flusslauf abgebogen werden. Natürlich hätte durch diese Maßnahme die Oberegger Mühle das Nachsehen gehabt, bezog sie die Wasserkraft für das Mahlwerk doch an der nun nahezu trockengelegten Alt-Günz. Die Lösung gestaltete sich in der Form, als das Kraftwerk fortab kostenfrei Strom zur Mühle lieferte, was einen Weiterbetrieb ermöglichte.

Oft seien die Krumbacher aus der Stadt an den Kanal unterhalb des Weihers gekommen, um dort zu Baden, erinnerte sich mein Vater weiter. An heißen Tagen lagen sie Körper an Körper an der betonierten Uferböschung. Auf der gegenüberliegenden Seite errichtete die Wasserwacht schließlich 1953 einen Stützpunkt. Das Freibad in Krumbach war noch nicht gebaut, sodass sich das nasse Freizeitvergnügen in erster Linie entlang der Flüsse abspielte. Gleich neben den ehemaligen Flüchtlingsgärten im Übrigen, welche zwischen Damm und Fahrweg begrenzt wurden und von denen heute nichts mehr zu sehen ist. In Kriegszeiten befanden sich auf demselben Gelände die Gefangenenlager für die zahlreichen Zwangsarbeiter.

Mein Vater hatte bereits 1953 Oberegg verlassen und ist nach Neu-Ulm gezogen. Mein Großvater war zwischenzeitlich wieder zu seiner Familie zurückgekehrt und in der Stadt gab es Arbeit. Es mag schwerfallen, sich der Vorstellung hinzugeben, wie der Weiher zu jener Zeit ausgesehen hat. Es waren keine Bäume da, so mein Vater. Wo heute dichtes Buschwerk oft den Zugang versperrt, waren Wiesen. Auch das Gelände zwischen See und Alter Günz war landwirtschaftlich nicht genutzt. Lediglich Torfabbau wurde hier und dort betrieben.

Dass Landleben mitunter recht dramatisch werden konnte, zeigte sich bei einem Vorfall Ende der 40er Jahre. In Krumbach stationierte GIs der amerikanischen Truppen befanden sich auf einem Jagdausflug am Weiher. Eine geschossene Ente fiel ins Wasser und beim Versuch, das Tier an Land zu holen, geriet ein Amerikaner in ein ehemaliges Torfloch. Da weder er, noch seine Kameraden des Schwimmens mächtig waren, ertrank der Jäger, ohne dass ihm jemand zur Hilfe eilen konnte. Erst Stunden später konnte er durch herbeigerufene Rettungseinheiten an das Ufer gezogen werden. Es war aber schon viel zu spät. Er habe noch niemals einen so blassen, weißen Körper gesehen, erinnert sich mein Vater an dieses Ereignis. Dabei war das nicht das einzige Todesopfer dort: Wenige Jahre später stürzte ein Radfahrer mitsamt seinem Gefährt in den Günzkanal.

Ja, es sind diese Erzählungen, diese Ereignisse, welche das Erlebte wieder lebendig werden lassen. Der Geist des Ortes animiert das Unbewusste, lange scheinbar vergessene Erinnerungen werden wach, und wirken auf einmal, als sei das Berichtete erst gestern gewesen. Für die Mehrheit mag der Oberegger Weiher ein gewöhnlicher Stausee, ein Vogelparadies sein. Ich kann dank den lebendigen Erzählungen meines Vaters diesem Ort eine bestimmte Aura entlocken.

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