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28.02.2009

Picasso, New York und Thannhauser

Thannhausen, Hürben, New York "Die Mühle von La Galette" und "Junge mit Pferd": Es sind zwei bekannte Gemälde von Pablo Picasso. Um die 1900 und 1906 gemalten Bilder gab es einen mitunter erbittert geführten Rechtsstreit zwischen den Erben des früheren Besitzers, ein renommierter jüdischer Berliner Bankier und zwei bedeutenden New Yorker Museen. Die Auseinandersetzung endete mit einer überraschenden Einigung. Die Bilder werden demnach im New Yorker Guggenheim-Museum und im Museum of Modern Art (Moma) bleiben können - wenn ihr Weg dorthin dokumentiert wird. Dieser Weg gleicht mitunter einer tragischen Odyssee. Wer nach Spuren sucht, stößt auf einen bemerkenswerten Namen: Thannhauser. Picasso und Thannhauser? Das ist eine ungewöhnliche Verbindung der Kunstgeschichte. "Die Mühle von La Galette" und "Junge mit Pferd" befanden sich vorübergehend auch im Besitz des jüdischen Kunsthändlers Justin K. Thannhauser. Die Wurzeln der Familie Thannhauser liegen in Mittelschwaben.

"Die Mühle von La Galette" und "Junge mit Pferd" sind in den 30er- Jahren bedeutende Werke der großen Kunstsammlung des jüdischen Berliner Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy, eines Großneffen des berühmten Komponisten. Als die Nazis 1933 an die Macht kommen, setzt er alles daran, dass seine umfangreiche Gemäldesammlung nicht in ihre Hände gerät. "Die Mühle von La Galette" und "Junge mit Pferd" verkauft Mendelssohn-Bartholdy an Justin K. Thannhauser, der zunächst in die Schweiz und später in die USA emigriert.

Emigration: Es ist eine auf merkwürdige Weise verkehrte Welt. Denn im Ersten Weltkrieg hatte Justin K. Thannhauser noch die Uniform der kaiserlichen Armee getragen. Nun muss er seine Heimat verlassen - ein denkwürdiger, bitterer Bruch in einer Familientradition, in der Thannhausen und der heutige Krumbacher Ortsteil Hürben eine wichtige Rolle spielen.

Rückblende: Nach der Vertreibung aus Thannhausen im Jahr 1718 lässt sich die Familie in Hürben nieder, sie nimmt in Erinnerung an die alte Heimat den Namen Thannhauser an. 1869 zieht die Familie nach München. In der bayerischen Hauptstadt wird der 1859 noch in Hürben geborene Heinrich Thannhauser zu einem Wegbereiter der künstlerischen Moderne.

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1909 eröffnet er in der Theatinerstraße 7 in den renovierten Räumen des Arcopalais die "Moderne Galerie". Kandinsky nennt sie die "vielleicht schönsten Ausstellungsräume in ganz München". Die "Moderne Galerie" stellt unter anderem auch zahlreiche Werke von Picasso aus. Die "Moderne Galerie" scheint ein regelrechter Brückenschlag hinaus in die Welt zu sein. Doch dem massigen Gewicht des schwül aufgeheizten Nationalismus kann diese Brücke nicht standhalten. Dem verlorenen Ersten Weltkrieg folgt 1933 die "Machtergreifung" der Nazis, immer mehr Juden spüren, dass ihr Leben bedroht ist. Die Thannhausers fliehen zunächst in die Schweiz, später in die USA. Heinrich Thannhauser stirbt 1935 in Luzern. Sein Sohn Justin K. Thannhauser, ebenfalls Kunsthändler, emigriert in die USA. Nach dem Krieg in die Schweiz zurückgekehrt, stirbt er 1976 in Bern. 1963 hatte er seine wertvolle Kunstsammlung, darunter auch die "Mühle von La Galette", dem New Yorker Guggenheim-Museum überlassen. Es gab keine Erben für die großartige Sammlung. Einer von Justins Söhnen war 1944 über Frankreich abgeschossen worden, der zweite nahm sich 1952 das Leben. Bei der Übergabe der Sammlung 1963 an die Guggenheim-Stiftung fasst dies Justin in vordergründig beinahe trockene Worte: "Meine Familie ist, nachdem sie fünfhundert Jahre in Deutschland gelebt hat, jetzt ausgelöscht. Das ist der Grund, warum ich mit meiner Sammlung so verfahre, wie ich es jetzt tue."

Seine Sammlung, die im Guggenheim-Museum als Thannhauser-Flügel eingerichtet wurde, rückte mit dem jüngsten Rechtsstreit noch einmal in den Blickpunkt. Das zweite Picassobild, um das es in dieser Auseinandersetzung ging, "Junge mit Pferd", ist heute im Besitz des Museums of Modern Art (Moma) in New York.

Die Erben des jüdischen Berliner Bankiers Paul von Mendelssohn-Bartholdy, in dessen Besitz sich die Bilder in den frühen 30er-Jahren befunden hatten, forderten beide Bilder zurück. Justin K. Thannhauser hatte 1936, ein Jahr nach dem Tod von Mendelssohn-Bartholdy, den "Jungen mit Pferd" an Moma-Chef William Paley veräußert. "Die Mühle von Galette" blieb hingegen bis 1963 im Besitz Thannhausers, dessen Name im Guggenheim-Museum in New York verewigt ist.

Im Jüdischen Museum

New York, Thannhauser, Mittelschwaben? Bereits im Jahr 2000 spürte der Thannhauser Josef Schuster dieser Verbindung nach (MN, 15. April 2000), später beschäftigte sich der ehemalige Bundesfinanzminister Dr. Theo Waigel intensiv mit dieser ungewöhnlichen Familiengeschichte, die durch den jüngsten Kunst-Rechtsstreit wieder ins Bewusstsein rückte.

Die Verbindung zwischen Picasso und dem Namen Thannhauser wurde im Jahr 2008 auch im Rahmen einer Ausstellung im Jüdischen Museum in München umfassend gewürdigt. Thannhauser: Der Name steht bis heute für den Aufbruch der künstlerischen Moderne.

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