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Neuburg

16.11.2019

Plötzlich war der 17-Jährige ein Angehöriger der SS

Wilhelm Lochbrunner aus Neuburg als 17-Jähriger Soldat.
3 Bilder
Wilhelm Lochbrunner aus Neuburg als 17-Jähriger Soldat.
Bild: Sammlung Lochbronner

Wilhelm Lochbronner aus Neuburg ist einer der letzten noch lebenden Soldaten, die das Ende des Zweiten Weltkrieges miterlebten.

Das Frühjahr 1945 war für den 17-jährigen Wilhelm Lochbronner ein einziges Abenteuer: Anfangs Januar wurde er zum Reichsarbeitsdienst abgeordnet, sechs Wochen später war er einen Monat lang Pionier bei der Wehrmacht, erhielt im März die neue Uniform als Mitglied der SS (Schutzstaffel), geriet am 24. April in amerikanische Gefangenschaft, wurde am 18. Mai entlassen und kehrte wenige Tage später gesund nach Neuburg zurück. Diese vier Monate prägten jedoch das ganze Leben des jungen Mannes bis zum heutigen Tag. In seinen schriftlich aufgezeichneten „Erinnerungen“ beansprucht seine Kriegszeit zwar nur wenige Zeilen, kommt der fast 92-Jährige aber aus Anlass des morgigen Volkstrauertags zum Erzählen, so wird daraus ein spannender Krimi.

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Beginnen wir von vorn: Geboren ist Wilhelm Lochbronner am 20. März 1928 in Pfaffenhausen, wo er zusammen mit seinem Bruder Martin die Kindheit verbrachte. 1937 pachteten die Eltern die Neuburger Schlosswirtschaft. Es machte Spaß, hoch über dem Kammelmarkt zu wohnen, Gäste und Wanderer zu bewirten und als Kegelbube das erste Taschengeld zu verdienen. Aber schon bald wurde er mit dem sich verändernden Leben und dem Geschehen des Dritten Reichs konfrontiert. Dies begann mit zehn Jahren. Er und seine Kameraden Bruno Konrad und Vinzenz Schnatterer (beide aus Neuburg) fanden aufgrund ihrer sportlichen Leistungen Aufnahme in der Hitler-Jugend. Wilhelm Lochbronner erinnert sich noch gut: „Es war schon ein besonderes Ereignis, in kurzer Hose, braunem Hemd und Dreieckstuch mit Lederknoten auftreten zu können.“ Zudem interessierte sie der Sport, aber es gab auch schon politischen Unterricht sowie Singen und Marschieren.

Einen Einschnitt in dieser „tollen Jugendzeit“ brachte schlagartig die Sonnwendfeier am 21. Juni 1939 in der Neuburger Sandhühle. Mit der Fackel entzündete er zusammen mit seinen zwei Schulkameraden und dem Ruf „Flamme empor!“ den Holzhaufen. Es gab eine furchtbare Explosion, da vorher von Unbekannten Benzin in das dürre Holz geschüttet worden war. Der Elfjährige erlitt schwerste Brandwunden im Gesicht. Lassen wir ihn selbst berichten: „Mir wurde vom Arzt mit einer Pinzette die gesamte Gesichtshaut von der Stirn bis zum Kinn abgezogen. Meine Lippen waren miteinander verschmolzen und bis zum Herbst wurde ich nur durch eine Mundöffnung mittels Glasrohr mit Suppen und Getränken ernährt.“ Eine weitere Folge: „Erst mit 28 Jahren brauchte ich mich erstmals rasieren.“

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Großes Leid brachten die ersten Kriegsjahre seiner Familie: Im Alter von 39 Jahren wurde der Vater im Januar 1941 zum Kriegsdienst einberufen. Ein Jahr später trat der 14-jährige Wilhelm bei der Krumbacher Kerzenfabrik Moritz Sallinger in der Nassauer Straße die Lehre als Industriekaufmann an, die er im Januar 1945 erfolgreich abschloss. Im Herbst 1943 wurde dann auch der Bruder Martin eingezogen und so war die Mutter gezwungen, die Gastwirtschaft aufzugeben und als Köchin bei der Munitionsanstalt in Kötz zu arbeiten. Noch schlimmer traf es die Familie im Jahre 1944: Im März kam der Großvater mit 64 Jahren bei einem Angriff auf den Flugplatz Memmingerberg ums Leben, im Juli starb der Vater bei Minsk an der russischen Front und im Juli verlor der Bruder mit 18 Jahren bei einem Panzerangriff in Italien nahe Florenz sein junges Leben. In den Todesanzeigen stand jeweils geschrieben: „Sie starben für Führer, Volk und Vaterland“.

Im Herbst 1944 „griff“ dann auch noch der 17-jährige Wilhelm ins Kriegsgeschehen ein. Seine Ausbildung begann mit einer Woche im Wehrertüchtigungslager Harburg, wo er erstmals mit Gewehr, Pistole und Kompass in Berührung kam. Fast zur gleichen Zeit folgte in der Krumbacher Bärenwirtschaft seine Musterung, bei der er für tauglich zum Kriegseinsatz erklärt wurde. Erste Station war unmittelbar danach das Lager Pfeifermühle in Wertach bei einer Einheit des Reichsarbeitsdienstes, wo er aber anstatt mit dem Spaten zu arbeiten, an unterschiedlichen Waffen ausgebildet wurde. Sechs Wochen später folgte die Entlassung vom RAD und die sofortige Einberufung zur Wehrmacht und zwar zuerst in die Kaserne von Augsburg und dann zu einem Pionier-Bataillon in Ingolstadt. Hier gab es für ihn sogar eine besondere Ausbildung mit dem Schlauchboot auf der Donau.

Plötzlich kam für den jungen Soldaten die Verlegung in die SS-Kaserne Dachau, verbunden mit einer neuen Einkleidung, die ihn als Angehörigen der neu gegründeten SS-Division Nibelungen auswies. Eingeteilt wurde er als Maschinengewehr-Schütze 2, also verantwortlich für die Munition, während der MG-Schütze 1 für die Waffe zuständig war. Es folgte die Verlegung in offenen Bahnwaggons in den Raum Freiburg, kurz darauf zurück nach Pfaffenhofen und schließlich nach Vohburg, wo der Truppenteil auf der Donaubrücke von amerikanischen Tieffliegern überrascht wurde. Lochbronner erinnert sich: „Ich fand hinter einem Eisenträger Schutz. Ein paar Meter neben mir aber traf es meinen Kameraden Ernst Bachmann aus Ingstetten/Roggenburg, dessen Eltern ich nach meiner Rückkehr persönlich die Nachricht vom Tod ihres Sohnes überbrachte. Er war einen Tag vorher 17 Jahre alt geworden.“

In amerikanische Gefangenschaft geraten

Das Kriegsende war vorhersehbar: Seine Einheit marschierte gesammelt zurück. Nahe Münchsmünster gerieten alle in amerikanische Gefangenschaft, wurden am 24. April mit Lkws nach Ingolstadt und wenige Tage später nach Regensburg gefahren, wo angeblich 120 000 Gefangene im Freien ihr Dasein fristeten. Lochbronner hat den „Schrei“ nach dem Eintritt in dieses Lager noch immer im Ohr: „Willi!“ Er kam von seinem Schulfreund Bruno Konrad ( er verstarb vor fünf Jahren) - und bereitete beiden unsagbare Freude. „Wir blieben immer zusammen bis zur Entlassung am 18. Mai“ so der Kriegsveteran heute. Wie sich ergab, war Bruno auch kurzzeitig bei der SS gewesen. Es fehlte ihnen beiden jedoch die Nummern-Tätowierung und der spezielle Ausweis. In den Wirren der letzten Kriegstage hatte die Obrigkeit keine Möglichkeit mehr, diese „Kennzeichen“ den vierwöchigen SS-lern zu verabreichen oder auszuhändigen.

Für Beide ein großes Glück. Mit dem Wehrpass konnte sich Wilhelm Lochbronner als Pionier ausweisen. Bruno Konrad hatte diesen verloren und so gab ihm sein Freund die eigene Erkennungsmarke. Das amerikanische Wachpersonal verzichtete auf eine genauere Prüfung und so hatten die beiden Jugendlichen keine Probleme bei ihrer Entlassung am 18. Mai 1945. Mittels Lkw wurden sie nach Günzburg verfrachtet und kamen wenig später in ihrem Heimatort an. Wilhelm Lochbronner erinnert sich: „Wir waren so braun und schmutzig, dass uns die Angehörigen zunächst nicht erkannten. Die größte Freude jedoch hatte wohl meine Mutter, war doch ich der Einzige von der Familie, der diesen schrecklichen Krieg überlebte.“

Der weitere Lebenslauf von Wilhelm Lochbronner in Kürze: Er fand bei dem Neuburger Holzhändler Franz Dopfer Dopfer eine Anstellung, verliebte sich in dessen neun Jahre ältere Tochter und übernahm 1959 mit ihr die elterliche Landwirtschaft samt Lebensmittelgeschäft. 1965 gaben sie den gesamten Betrieb auf. Der junge Vater eines Sohnes absolvierte mehrere Lehrgänge, Seminare und Fortbildungsschulen, trat 1967 als Fachangestellter in das Ausgleichsamt Krumbach ein und wurde dann zwei Jahre später in die Verwaltung des Krumbacher Kreiskrankenhauses berufen, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1988 blieb. „Nebenher“ übernahm er für sechs Jahre von 1972 bis 1978 das Amt des zweiten Bürgermeisters und war 25 Jahre ehrenamtlicher Vorsitzender des Aufsichtsrats und Vorstand bei der Raiffeisenbank Neuburg. Seine Hobbys bis zum heutigen Tag: Fotografieren und Filmen bei allen örtlichen Ereignissen sowie Reisen in alle Welt, wenn auch zuletzt Berchtesgaden und Bayerischer Wald die Ziele waren.

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