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Landkreis Günzburg

10.11.2018

Pogrome: Ein November, der alles verändert

Der jüdische Friedhof in Krumbach-Hürben: Begegnung mit einer Kultur, die die Region über Jahrhunderte geprägt hat. In den Novemberpogromen des Jahres 1938 zeichnete sich das grausame Ende dieser Kultur ab. 1942 wurden 14 noch in Krumbach verbliebene Juden von den Nazis nach Piaski in das von Deutschland besetzte Polen deportiert und ermordet.
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Der jüdische Friedhof in Krumbach-Hürben: Begegnung mit einer Kultur, die die Region über Jahrhunderte geprägt hat. In den Novemberpogromen des Jahres 1938 zeichnete sich das grausame Ende dieser Kultur ab. 1942 wurden 14 noch in Krumbach verbliebene Juden von den Nazis nach Piaski in das von Deutschland besetzte Polen deportiert und ermordet.
Bild: Maximilian Czysz

Vor 80 Jahren zeichnet sich in einer Orgie der Gewalt das Ende der jüdischen Kultur ab.

Vielleicht ist es gerade der Blick in dieses junge Gesicht, der das Unfassbare des Wortes „Holocaust“ bis heute spürbar werden lässt. Johanna Oettinger aus Krumbach-Hürben ist 19 Jahre alt, als sie deportiert und ermordet wird. Am 1. April 1942 werden die letzten Krumbacher Juden aus ihren Häusern geholt und zum Bahnhof gebracht. Es folgt eine Fahrt in den Tod. Die jüdischen Gemeinden Krumbach-Hürben und Ichenhausen, die Mittelschwaben über Jahrhunderte geprägt haben – ausgelöscht. Es bleiben Gedenksteine und Gedenktafeln. Wie die Tafel, die sich seit 2014 an dem Platz befindet, an dem einst die Hürbener Synagoge stand. Auf der Tafel: Fünfmal der Name Oettinger, auch „Johanna Oettinger aus Krumbach-Hürben, 19 Jahre“. Die Nazis schicken Kinder in den Tod wie den vierjährigen Josua Goldberg. Er könnte heute 80 Jahre alt sein und vielleicht auf ein erfülltes Leben zurückblicken.

Doch vor exakt 80 Jahren beginnt sich das Ende der jüdischen Kultur, der grausame Tod vieler Menschen, deutlich abzuzeichnen. In den Novemberpogromen des Jahres 1938 wird auch Mittelschwaben Schauplatz einer Orgie der Gewalt, betroffen sind insbesondere die jüdischen Gemeinden in Ichenhausen und Krumbach-Hürben. „Nach kurzer Zeit kamen die Leute wieder, brachten mich unter tätlicher Misshandlung in einem Auto zur Synagoge, wobei sie mich mit den Worten ,Du Saujüdin, das ist Deine letzte Fahrt´ anschrien.“ Die Krumbacher Jüdin Bella Spanier, die 1939 nach England und später in die USA emigrieren konnte, schreibt diese Zeilen rückblickend am 29. Juli 1947. Es beginnt in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. In dieser Nacht werden in ganz Deutschland Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte und Wohnungen werden zerstört, Friedhöfe geschändet.

Im Jahr 2004 wurde auf Initiative des Krumbacher Heimatvereins eine Gedenkstätte für die zerstörte Synagoge errichtet. 2014 wurde sie durch eine Tafel, die an die 14 im Jahr 1942 deportierten und ermordeten Juden erinnert, ergänzt.
Bild: Maximilian Czysz

Unfassbares Leid widerfuhr der jüdischen Bevölkerung

Rund 800 jüdische Bürger werden zu Tode geprügelt, niedergestochen oder erschossen oder in den Selbstmord getrieben. Als am Morgen des 10. November die Straßen der deutschen Städte mit Scherben übersät sind, verbreitet sich, so schreibt Historiker Hans-Ulrich Thamer, rasch die Bezeichnung „Kristallnacht“. Es ist ein makaberer, von den Nazis mit zynischem Spott gebrauchter Begriff, der das Grauen des Novembers 1938 nicht einmal andeutungsweise erahnen lässt. In Krumbach beginnt die Orgie der Gewalt am 10. November. Vier Männer, Willi Goldberg, Leopold Oettinger, Julius Buff und Richard Bauer, werden ins KZ Dachau gebracht. „Noch am selben Tag drangen Gestapo-Leute unter der Leitung örtlicher Nazis in jüdische Wohnungen und Geschäfte ein und begingen Plünderungen und Diebstähle“, schreibt Historikerin Dr. Barbara Sallinger in der offiziellen Krumbacher Stadtchronik. Am Tag darauf werden jüdische Familien in die Synagoge geholt. Sie werden beleidigt und körperlich misshandelt und müssen dabei wertvolle religiöse Gegenstände auf die Lastwagen der Gestapo werfen. Isaias Weißkopf gelingt es, die Thora zu retten und später nach Amerika mitzunehmen. Gustav Götz wird gezwungen, in den Leichenwagen zu klettern. Weitere Juden müssen dann unter höhnischem Gelächter den Wagen bis zur Synagoge ziehen. In der Lokalzeitung ist zu lesen: „Die seltene Gelegenheit, von der Arbeit schwitzende Juden zu sehen, wurde von vielen Volksgenossen wahrgenommen.“

1939 wurde die Synagoge in Krumbach-Hürben zerstört.
Bild: Maximilian Czysz


Nach der Ausplünderung als Futterlager genutzt

An den Pogromen beteiligen sich neben auswärtigen Gestapoangehörigen auch Parteimitglieder aus Krumbach und Umgebung aktiv und als Zuschauer. 1947 schreibt Bella Spanier rückblickend: „Viele Krumbacher Einwohner waren Zuschauer bei diesen schmählichen Vorgängen.“ Die Synagoge wird schlimm in Mitleidenschaft gezogen, bleibt aber zunächst von Brandstiftung verschont. Nach ihrer Ausplünderung wird sie als Wehrmachtsfutterlager genutzt.

Der Zweite Weltkrieg hatte gerade begonnen, als die Synagoge am 26. November 1939 brennt. Als Brandstifter wird ein für geistig unzurechnungsfähig erklärter Mann verurteilt. Laut Historikerin Barbara Sallinger wird er in eine Anstalt überwiesen, in der er im Rahmen der Tötungsaktionen, der sogenannten Euthanasie, „verstarb“. Im Rahmen der Serie „500 Jahre – Jüdische Kultur in Krumbach“ führte unsere Redaktion zu den Novemberpogromen Interviews mit Zeitzeugen. Einer von ihnen war der inzwischen verstorbene Lehrer Josef Florian Krämer, 1938 sieben Jahre alt. Er führt an einem Novemberabend des Jahres 1938 Kühe von der Weide, als er Zeuge der Geschehnisse in und um die Synagoge wird. Irgendwie gelangt Krämer in die Synagoge und sieht Schreckliches: „Eine Zerstörungsorgie spielte sich ab. Personen in Uniform standen auf dem Altar. Gewänder und Bilder wurden durch den Gottesraum geworfen.“ Ähnlich wie Krumbach-Hürben ist Ichenhausen in den 30er Jahren eine der wichtigsten jüdischen Gemeinden im ländlichen Raum. Im November 1938 bietet sich dort ein vergleichbar schreckliches Bild wie in Krumbach: „Einige wurden mit Gummiknüppeln geschlagen, mit den Füßen gestoßen, angespien“, erinnert sich der Ichenhauser Pfarrer Heinrich Sinz (der auch die erste umfassende Krumbacher Ortschronik schrieb). Er notiert aber auch: „Die Mehrzahl der Einwohner war empört darüber, auch Christen weinten, wandten sich ab, andere schimpften gehörig.“ Sichtbar wird, dass die Pogrome zentral gelenkt wurden, in Ichenhausen, so ist in der Ichenhauser Stadtchronik nachzulesen, von SS-Angehörigen aus dem benachbarten Günzburg.

Johanna Oettinger, 19 Jahre alt, aus Krumbach. 1942 wurde sie zusammen mit ihrem Bruder Max und ihren Eltern ermordet.
Bild: Maximilian Czysz

Die jüdische Gemeinde Ichenhausen wurde ausgelöscht

In der Chronik ist zu lesen: „Der Günzburger Bezirksamtmann (Landrat) Prieger kam, da zunächst dienstlich verhindert, gegen 15 Uhr nach Ichenhausen.“ Es ist bemerkenswert, dass Prieger 1954 in der demokratischen Bundesrepublik erneut versucht, Günzburger Landrat zu werden. Er unterliegt bei der Wahl gegen Amtsinhaber Ferdinand Merckel. Am 10. November dringt laut Chronik „eine große Menschenmenge, darunter Kinder und Jugendliche, in die Synagoge ein, zerschlugen Fenster, Leuchter und Möbel und zerrissen die Thorarollen.“ Auf dem israelitischen Friedhof werden zahlreiche Gräber zerstört. Nach den Novemberpogromen wird es für die jüdischen Bürger zur Gewissheit, dass ihr Leben systematisch bedroht ist. Manchen gelingt es noch, sich ins Exil zu retten. 80 Ichenhauser Juden und 14 noch in Krumbach verbliebene Juden werden im April 1942 nach Piaski deportiert, keiner kehrt mehr zurück. Mit dem Transport von zehn Juden nach Auschwitz am 8. März 1943 ist die jüdische Gemeinde Ichenhausen ausgelöscht.

Wenn Besucher auf dem jüdischen Friedhof in Krumbach-Hürben unterwegs sind, dann schauen sie manchmal sehr lange auf das Grab von Bella Weiskopf, es ist auch die Geschichte von einer nachdenklich stimmenden Zufälligkeit. Bella Weiskopf wollte in Krumbach bei ihrem Mann beerdigt werden. Bella Weiskopf starb 1948 in München und wurde schließlich auf dem jüdischen Friedhof östlich von Krumbach-Hürben beigesetzt. Als die Krumbacher Juden 1942 von den Nazis ins besetzte Polen deportiert wurden, befand sich die 75-jährige Bella Weiskopf im Krankenhaus. Sie wurde nicht in ein Vernichtungslager, sondern am 12. August 1942 nach Theresienstadt deportiert. Den Holocaust überlebte sie.

Gedenkstunde am Sonntag

Die Arbeitsgemeinschaft „Gegen das Vergessen“ veranstaltet am Sonntag, 11. November, eine Gedenkstunde zur Pogromnacht. Beginn ist um 19 Uhr im Haus der Begegnung/ehemalige Synagoge. Es gibt Lesungen von Schülern der 10. Klasse des Kollegs der Schulbrüder in Illertissen und einen Vortrag von Rudolf Köppler. Umrahmt wird der Abend durch die Gruppe Sax4 (Obergünzburg). (zg)

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