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Ulm

16.06.2017

Rare Rennräder

Leidenschaftliche Radfans: Wilhelm Layer (links) und Miguel Mosquera in ihrer Werkstätte am Ulmer Judenhof.
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Leidenschaftliche Radfans: Wilhelm Layer (links) und Miguel Mosquera in ihrer Werkstätte am Ulmer Judenhof.
Bild: Oliver Helmstädter

Zwei Ulmer Schrauber haben sich auf Rundumerneuerung von einstmals edlen Velos spezialisiert. Damit treffen sie offenbar den Nerv vieler Retro-Fans.  

Für Wilhelm Layer und Miguel Mosquera sind es keine Fahrräder, sondern wahlweise Rennmaschinen, Meisterwerke der Ingenieurskunst oder schlichtweg Augenschmeichler. Mit ihrer Werkstatt für Radgestaltung „Hommage“ am Ulmer Judenhof haben die zwei für Radfans, denen beim Anblick eines echten Rennrads das Herz aufgeht, eine Anlaufstelle geschaffen.

Rennräder aus den 60ern bis in die 90er sind ihre Passion, die langsam auch zum Beruf wird. Wilhelm Layer, 28, verdient seine Brötchen eigentlich mit Online-Marketing und Miguel Mosquera, 44, arbeitet bei Kässbohrer in Laupheim. Doch ihre aufgemöbelten Alt-Räder finden immer mehr Freunde. Und die sind oft zahlungskräftig: Bei 600 Euro beginnt die Preisspanne aber auch 3000 Euro und mehr werden erreicht. Denn die Rohware ist knapp, weswegen ihre Geschäftsidee aufwendig umzusetzen ist: Die gebrauchten Edelräder müssen erst auf den Dachböden und Flohmärkten Europas entdeckt und erworben werden und dann mit generalüberholten Originalteilen wieder in den Quasi-Neu-Zustand versetzt zu werden.

Das größte Glück der Schrauber ist es dann, etwa einen Rahmen der italienischen Edel-Schmiede Chesini aufzutreiben. Das kann dann etwa auch dazu führen, dass das gute Stück in die immer noch bestehende Manufaktur in Verona verfrachtet wird, um wieder in der originalen Lackierung zu erstrahlen. Selbst die Typenschilder und Beklebungen treiben die zwei auf.

Die Begeisterung für Radsport bekam der Spanier Mosquera in die Wiege gelegt: Wenn die Tour de France übertragen wurde, lief im madridlenischen Elternhaus immer der Fernseher. Doch die Leidenschaft geht weit über den eigentlichen Sport hinaus. „Schauen Sie sich diese Verarbeitung an“, sagt er und streicht fast zärtlich über eine Chesini „X-Uno RH 58“. Das Paket versetzt den Spanier in einen Freudentaumel: gebaut mit Columbus SL Rohrsatz und einer Campagnolo C-Record Gruppe mit den unverwechselbaren Delta-Bremsen. Lackzustand 1A, Aero Schalthebel, schwarzer 3ttt Vorbau und einem San Marco Rolls Ledersattel.

Die kleinste Ritze wird porentief rein

Komplett wird das Ganze dann noch mit der seltenen Campagnolo Aero Trinkflasche. Fast zu schade zum Fahren: Das Rad stammt zwar aus den 80ern doch kein Öl, kein bisschen Dreck trübt den Traum aus Leder, Chrom, Stahl und Lack. Jede Schraube, jede Feder sämtlicher Bauteile wird in einem Ultraschallbad behandelt, sodass auch die kleinste Ritze porentief rein wird. Seit zwölf Jahren lebt Mosquera in Ulm.

In dieser Zeit ist der Judenhof auch zu einem Stück Heimat geworden: Mehrere Kreative teilen sich die mietbaren Arbeitsplätze des „Co-Working-Büros“ im Zentrum Ulms. Ihr Glück war, dass der fensterlose Raum aus dem 17. Jahrhundert, in dem die zwei an ihren Rädern schrauben, sich kaum als Büro eignet – aber wie gemacht ist für eine stilechte Werkstatt.

Geschraubt wird am Feierabend und samstags, wenn ihre Werkstatt geöffnet hat. Zu einer Verpflichtung dürfe die Leidenschaft aber nicht werden, denn dann gehe sie verloren. „Wir machen das, wie es uns reinpasst“, sagt Layer. Planbar sei das Geschäft mit dem Retro-Kult sowieso nur sehr schwer: Denn die Nachfrage nach Rad-Oldtimern sei in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, Namen wie Bottecchia, Chesini oder Battaglin haben wieder an Klang gewonnen. Entsprechend würden auch die Preise für die Rad-Oldtimer selbst im unrenovierten Zustand steigen.

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