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Krumbach

24.11.2019

Reise in die Vergangenheit Mitteleuropas

Der böhmische Schriftsteller Jaroslav Rudis brillierte in Krumbach mit einer gesten- und geschichtenreichen Lesung aus „Winterbergs letzte Reise“, seinem ersten in deutscher Sprache verfassten Roman.
Bild: Gertrud Adlassnig

Der Böhme Jaroslav Rudis las in der Krumbacher Fachakademie aus seinem ersten Roman in deutscher Sprache.

Mit Jaroslav Rudis ist es den Organisatoren des Literaturherbstes wieder einmal gelungen einen der ganz Großen der Literaturszene nach Krumbach zu bringen. Für die zahlreichen Besucher seiner Lesung aus „Winterbergs letzte Reise“ in der Krumbacher Fachakademie bot der Böhme mit seinem perfekten Deutsch eine mitreißende und lebhafte Vorstellung, weniger Lesung als Performance, in die er Erzählungen und Hintergrundinformationen gestenreich einbaute.

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Der Böhme, der in Tschechien Germanistik studiert hat und heute zwischen Berlin und Böhmen pendelt, hat sich in zwei Sprachwelten eingerichtet. Mit „Winterbergs letzte Reise“ legte er nach fünf tschechischen Werken erstmals einen Roman in deutscher Sprache vor. Das, erfährt man während der Lesung, entspricht seiner Wertvorstellung, in der nicht Nationalismus und Trennung einzelnen Völker herrscht, sondern die gegenseitige Befruchtung und Bereicherung der Kulturen, wie sie vor dem Aufkommen des Nationalismus im habsburgischen Kaiserreich, dem Vielvölkerstaat gelebt wurde. Kafka zum Beispiel, erklärt Rudis, sei ein Prager gewesen, habe auf Deutsch geschrieben, aber auch die tschechische Sprache gut beherrscht. Er selbst habe sich für das Germanistikstudium entschlossen, weil er erkannt habe, dass die 400-jährige gemeinsame Geschichte ohne Sprachkenntnisse nicht zu verstehen sei.

In Winterbergs Reise und in Rudis’ Erläuterungen wird dieser Kulturraum als „Mitteleuropa“ bezeichnet. Und der Autor macht sich daran, diesen Kulturkreis in seinen vielfältigen Facetten zu beleben. Die beiden Protagonisten, der dem Sterben nahe Winterberg, ein Heimatvertriebener aus Reichenberg (heute Liberec) und sein Sterbebegleiter Kraus, ein nach dem russischen Einmarsch der Russen in der Tschechoslowakei geflüchtete Böhme treffen im fremden Berlin aufeinander. Zwei Männer, die von den politischen Ereignissen aus der Bahn geworfen wurden, die an ihrer Vergangenheit schwer tragen, die unentwirrbar mit der Geschichte „Mitteleuropas“ und seiner Kultur verknüpft sind. Das ungleiche Paar macht sich auf den Weg. Nun könnte einer der üblichen Roadmovies erzählt werden. Rudis, Abkömmling einer Eisenbahnerfamilie, verlegt die Handlung in die Eisenbahn, dem adäquaten Reisemittel für die Tour in die Vergangenheit. Die Reise soll mithilfe des Baedekers von 1913, der letzten Ausgabe für Österreich-Ungarn, durch Mitteleuropa nach Sarajewo führen. Die Haltepunkte auf dieser Reise in die Vergangenheit, sind rar.

Reise in die Vergangenheit Mitteleuropas

Alles beginnt mit Königgrätz: der Roman, die Lesung, Rudis’ Erläuterungen, aber auch die Wende zu einer neuen Zeit, einer Zeit des Nationalismus mit den Schrecken der beiden Weltkriege. Rudis lässt Winterberg unentwegt reden, dem Singsang der Eisenbahnschienen gleich schwadroniert er durch die Geschichte, lässt eines zum anderen kommen, bis er einschläft, um nach einem Nickerchen seine Suada wieder aufzunehmen. Jaroslav Rudis liest die Auszüge aus seinem 3455 Seiten starken Roman mit Begeisterung, mit Verve, reißt die Zuhörer mit und zieht sie in seinen Bann. Unterbrochen werden die Winterbergschen Monologe durch wortkarge Einschübe von Kraus, der im Roman als Icherzähler auftritt.

Die Besucher der Lesung erhalten Kostproben vom bisweilen morbiden Humor des böhmischen Schriftstellers, der mit Begeisterung die Gesichte des Reichenberger Krematoriums erzählt, und seine Zuhörer mit in die Kapuzinergruft in Wien nimmt, verbunden mit einer reichlich schrägen Geschichte von der Bedienung im „Sarajewo“, einer Gastwirtschaft am Wiener Hauptbahnhof, die sich ein Zubrot als Gruftputzfrau verdient. Dabei setzt er aber nicht auf plumpe Effekte, sondern unterlegt seine Geschichten mit der den Böhmen eigenen Melancholie.

Und dann sind da natürlich, wie könnte es bei einem Böhmen anders sein, auch noch die Geschichten vom Bier …

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