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Landkreis Günzburg

10.08.2019

Sepsis: Ein Notfall, bei dem jede Minute zählt

Eine Sepsis ist ein echter Notfall, bei dem jede Minute zählt. Zwei Frauen aus dem Landkreis wollen über die Krankheit aufklären.
Bild: Alexander Kaya

Plus Zwei Frauen aus dem Landkreis haben es sich zum Ziel gemacht, über Sepsis aufzuklären. Ihr Vater starb daran.

Zunächst sah es nach einem harmlosen Infekt aus. Vier Tage später war klar: Der Vater ist schwerstkrank. Letztendlich starb er nur fünf Wochen später. Sepsis, im Volksmund auch Blutvergiftung genannt, lautete die Todesursache. Seine beiden Töchter haben es sich nun zum Ziel gemacht, über die Krankheit aufzuklären. „Herzinfarkt und Schlaganfall kennt mittlerweile jeder“, sagen die beiden Frauen. „Aber Sepsis ist kaum jemandem ein Begriff“. Ihren Namen möchten die beiden Frauen aus dem Landkreis Günzburg allerdings nicht in der Zeitung lesen. „Uns geht es um die Sache, wir möchten aufklären“, sagen sie. „Wenn nur einer gerettet werden kann, wenn nur einer dies Leid nicht erleben muss“ – das ist ihr Anliegen.

Mehr als 75000 Menschen sterben in Deutschland pro Jahr an Sepsis, gibt die Sepsis-Stiftung in Jena an, die sich für die Aufklärung über die Krankheit einsetzt. Damit sei die Sepsis die dritthäufigste Todesursache in Deutschland, nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, betont Dr. Theresa Recknagel, die Geschäftsführerin der Stiftung. Was aber ist dem Vater der beiden Frauen passiert? „Unser Vater fühlte sich am Dienstag krank“, erinnern sich die Töchter. „Er kam von der Arbeit heim und fühlte sich schlecht.“ Es rumorte und schmerzte in seinem Bauch. Ein Magen-Darm-Infekt, dachten alle, vor allem weil die Mutter auch kurz davor erkrankt war. Muskelschmerzen kamen im Lauf der Woche dazu und am Samstag ging es dem Vater, gerade 64 Jahre alt, dann so schlecht, dass er ins Krankenhaus gebracht wurde.

„Dort wurde gleich ein septischer Schock festgestellt“, erinnert sich eine Tochter. Der 64-Jährige wurde sofort mit einem Breitband-Antibiotikum behandelt, weil noch nicht klar war, um welchen Keim es sich handelte. Allerdings ging es mit der Erkrankung trotzdem gleich weiter: Eine Hirnblutung kam hinzu, ebenso multiples Organversagen. Lunge, Herz und Nieren haben nicht mehr richtig gearbeitet. Der Vater musste künstlich beatmet werden, eine Dialyse war notwendig, der Kreislauf musste gestützt werden. Später versagte auch die Leber ihren Dienst.

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Eine Sepsis oder eine Blutvergiftung, wie sie der 64-Jährige hatte, ist keine Vergiftung im herkömmlichen Sinne, informiert die Sepsis-Stiftung. Eine Blutvergiftung entstehe, wenn die „körpereigene Abwehrreaktion gegen eine Infektion das eigene Gewebe und die eigenen Organe schädigt.“ Der Körper reagiert also auf Bakterien oder Viren im Blut, kann die Infektion aber nicht mehr lokal begrenzen und schädigt sich durch die überschießende Abwehrreaktion dabei selbst. Schock, Multiorganversagen und Tod sind mögliche Folgen der Sepsis, vor allem wenn die Symptome nicht rechtzeitig erkannt werden. Das ist jedoch gar nicht so leicht, denn es gibt kein Hauptsymptom. Fieber, Verwirrtheit, extremes Krankheitsgefühl, schnelle Atmung und verfärbte Arme und Beine können Anzeichen sein, heißt es im Flyer der Stiftung. Wer mindestens zwei Symptome gleichzeitig habe, solle in ein Krankenhaus gehen.

Mit dem Hubschrauber nach Augsburg gebracht

Bekommen könne eine Sepsis jeder, egal welchen Alters. Wenn sie auftritt, dann sei dies allerdings ein medizinischer Notfall, bei dem jede Minute zähle. Der 64-Jährige aus dem Landkreis war zunächst in Krumbach im Krankenhaus auf der Intensivstation, wurde jedoch bald mit dem Hubschrauber nach Augsburg auf die Intensivstation verlegt. Als es ihm etwas besser ging, kam er nach Günzburg. Die Familie schöpfte Hoffnung, auch wenn die ganze Zeit über in den Krankenhäusern von einem „lebensbedrohlichen Zustand“ gesprochen wurde. Doch der Keim setzte sich auf der Herzklappe fest. Er musste am Herzen operiert werden und kam wieder nach Augsburg. Die Operation habe er noch durchgestanden, aber keine 24 Stunden mehr gelebt, erzählen die Töchter.

Fünf Wochen nach dem vermeintlich zunächst belanglosen Infekt war er tot. „Ärzte und Pflegekräfte haben in allen Krankenhäusern auf höchstem Niveau gearbeitet und alles Menschenmögliche gemacht“, betonen die Schwestern immer wieder. „Sie haben sich auch immer Zeit für uns genommen“, sind sie äußerst dankbar.

Wovon der Vater die Blutvergiftung bekommen hat, wissen die beiden Töchter nicht. Das sei im Fall ihres Vaters nicht mehr herauszufinden gewesen, berichten sie. Laut Sepsis-Stiftung liegt die Ursache einer Blutvergiftung nicht unbedingt in einer sichtbar entzündeten Wunde. Auch Infektionen wie eine Lungenentzündung oder ein Harnwegsinfekt können zur Sepsis führen. Nicht immer werde Sepsis dann auch als Todesursache angegeben. Lungenentzündung stehe beispielsweise häufig auf dem Totenschein, informiert Dr. Recknagel.

Die Zahl wird vermutlich noch zunehmen

Die Zahl der Sepsis-Fälle wird in den nächsten Jahren vermutlich noch zunehmen. Denn die Bevölkerung wird immer älter und damit nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung oder eines schlechter werdenden Immunsystems, das mit einer Sepsis einhergeht, zu. „Aus völliger Gesundheit kann ein schwerstes Krankheitsgefühl entstehen“, erläutert Dr. Recknagel weiter. Insofern sei der Fall des Vaters typisch. Aber auch Jugendliche könnten Opfer einer Sepsis werden, die, wenn sie nicht rechtzeitig mit Antibiotika behandelt wird, ein tödliches Ende nehmen kann.

Ursache der Sepsis sind meist Bakterien oder Viren, seltener Pilze, informiert Dr. Recknagel. Der bekannte rote Strich auf dem Arm ist dabei übrigens kein notwendiges Anzeichen. Er zeige die Entzündung einer Lymphbahn an, die zur Sepsis führen könne, aber nicht müsse. Die meisten Sepsis-Patienten zeigen dieses Symptom nämlich nicht.

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