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Wirtschaft

23.05.2015

Sie bringt die Zeitung zu den Lesern

Erika Bihlmaier trägt seit zehn Jahren in Balzhausen die Zeitung aus. Das Austragen sei für sie auch eine Art Morgensport, der sie fit halte, berichtet sie.
Bild: Peter Bauer

Für viele Zusteller ist die Einführung des Mindestlohns ein Gewinn. Ihre Arbeit wird nun noch gerechter entlohnt. Für Verlage bringt das Gesetz aber auch Probleme mit sich – und so manche sind noch nicht gelöst

Aufstehen um 2.30 Uhr? Für Erika Bihlmaier kein Problem, im Gegenteil. „Das ist für mich wie Morgensport und hält mich fit“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Seit zehn Jahren trägt die 55-jährige Mutter von vier Kindern in Balzhausen die Mittelschwäbischen Nachrichten aus.

Bezahlt wurde sie bislang nach der Zahl der zugestellten Zeitungen und Briefe. Mit der Einführung des Mindestlohns im Januar hat sich die Situation geändert: „Wir bekommen jetzt 8,70 Euro pro Stunde sowie Nachtzuschläge.“ Der große Vorteil sei, dass seitdem die „Ist-Zeit“ gelte. „Wenn wir wegen des Wetters länger brauchen als vorgesehen, dann kriegen wir mehr gezahlt“, freut sie sich.

Für die Mediengruppe Pressedruck, in der die Augsburger Allgemeine und ihre Heimatzeitungen erscheinen – eine davon die Mittelschwäbischen Nachrichten – bringt die Einführung des Mindestlohns Änderungen mit sich – vor allem finanzielle. Die Zusteller bekommen seit Januar einschließlich Nachtzuschlag mindestens 9,35 Euro pro Stunde.

„Die gesetzliche Sonderregelung für die Vergütung der Zeitungszustellung wird von uns nicht in Anspruch genommen, da dies einerseits einer Geringschätzung der wertvollen Zustellleistung gleichkäme und andererseits auch nur im Fall einer ausschließlichen Zustellung von Zeitungen oder Zeitschriften zulässig wäre. Unsere Zusteller tragen aber überwiegend auch Briefe und Prospekte aus“, sagt Kay Helmecke, Geschäftsführer der PDV Logistik Holding GmbH, die für die Zustellung verantwortlich ist, und fügt an: „Wir rechnen dadurch mit erheblichen Mehrkosten.“ Wie hoch sie sein werden, lasse sich noch nicht sagen: „Das hängt von verschiedenen Faktoren wie Witterung, Umfängen und Gewicht ab.“

Ein weiteres Problem sind laut Helmecke die bürokratischen Hürden. Verträge mussten neu geschrieben, Vertriebs- und Personalsysteme umgestellt werden. Das kostete nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Die Einsatzzeiten der Zusteller müssen seit Januar exakt dokumentiert werden. „Allein bei der Augsburger Allgemeinen und ihren Heimatzeitungen bringt dies eine Verarbeitung von über 100 000 Datensätzen im Monat mit sich. Das Mindestlohngesetz ist zu einem bürokratischen Monster geworden, hier bedarf es dringend einer Nachbesserung durch den Gesetzgeber.“

Für Erika Bihlmaier aus Balzhausen bedeutet die Einführung des Mindestlohns aber auch mehr Schreibarbeit. Die Arbeitszeiten, die von den Zustellern beim Arbeitgeber angegeben werden, gleicht dieser mit der Zeit ab, die er für den Bezirk veranschlagt hat. Dies setzt ein hohes Maß an Vertrauen voraus: „Wenn wir die Zeitungen nachts an den Abholstellen ablegen, wissen wir nicht, wann der Austräger sie holt“, sagt Helmecke. Dann gebe es Austräger, die sehr schnell seien und andere, die für einen Bezirk länger brauchen. Einige, vor allem ältere Mitarbeiter, habe die Einführung des Mindestlohns deshalb verunsichert: Konnten sie sich ihre Zeit bislang frei einteilen, sich für eine Route so viel Zeit nehmen, wie sie brauchten, arbeite man nun zeitorientierter: „Wir müssten eigentlich mit der Stoppuhr hinter den Zustellern stehen und prüfen, ob alles im Zeitrahmen läuft.“

Die Augsburger Allgemeine verfahre nicht nach diesem System: Bezahlt wird die Zeit, die der Zusteller benötigt. Man mache sich außerdem Gedanken, ob man in einigen Fällen die Arbeit zum Beispiel durch E-Bikes unterstützen könnte. Ein E-Bike könnte sich auch Erika Bihlmaier gut vorstellen. Einen Teil der Zeitungen in Balzhausen liefert sie mit dem Rad aus und in ihrem Gebiet sei es doch recht bergig. Das Verbreitungsgebiet der Augsburger Allgemeinen und ihrer Heimatzeitungen ist vielseitig. Es umfasst große Städte wie Neu-Ulm und Augsburg, aber auch sehr ländliche Gebiete wie den Raum Mittelschwaben, in denen die Abonnenten weit auseinander wohnen. Wie viele Zeitungen ein Zusteller austrägt, hängt auch davon ab. Wer in Augsburg Zeitungen verteilt, schafft dies in der Regel schneller, da die Wohnungen beziehungsweise Briefkästen näher beieinanderliegen, als ein Austräger im Landkreis Günzburg mit seinen vielen Dörfern. Der Mindestlohn hat dazu geführt, dass die „Lohngerechtigkeit“ größer ist als zu Zeiten, in denen nach der Zahl der ausgetragenen Zeitungen bezahlt wurde.

Viele Zeitungszusteller schätzen an ihrer Arbeit die Flexibilität. „Ich bin mit der Arbeit fertig, wenn andere anfangen“, sagt Erika Bihlmaier. Derzeit erlebe sie immer wieder großartige Sonnenaufgänge und das intensive Gezwitscher der Vögel. Auch das sei etwas ganz Besonderes. Ihr Leben ist mit der Zeitung schon seit Langem fest verbunden. Von 1975 bis 1978 absolvierte sie im Krumbacher Heimatverlag Ziegler eine Ausbildung zur Bürokauffrau. Dann kamen vier Kinder (heute 28, 26, 23 und 16 Jahre alt) zur Welt. Sie berichtet von ihrem Vater, dem bekannten „Gebele Hans“, der viele Jahre als freier Mitarbeiter für die Mittelschwäbischen Nachrichten schrieb. Sie selbst bringt seit vielen Jahren, auch bei Regen, Schnee und Eis, druckfrische Exemplare der Zeitung an die Haustüre. Zu den Lesern hat sie ein herzliches Verhältnis, viele kennt die Balzhauserin seit langer Zeit. Und manchmal hält die Natur mit farbenfrohen Sonnenaufgängen ja ganz besondere Belohnungen bereit.

Wer sich vorstellen kann, die Mittelschwäbischen Nachrichten auszutragen, kann sich unter der Telefonnummer 08282/907-45 über Möglichkeiten und Konditionen informieren.

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