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Thannhausen

11.02.2018

Sie helfen beim Arzt, beim Einkaufen, bei der Wohnungssuche

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2 Bilder
Der Integrationsbegleiter Mehmet Aksakal (links) in seiner Moschee in Thannhausen und sein „Schützling“, der Syrer Riad Mahmo.
Bild: Josef Osteried

Mehmet Aksakal aus Thannhausen und Beate Dillinger aus Leipheim sind ehrenamtliche Integrationsbegleiter.

Der Vater, von Beruf Koch, mit einer Festanstellung ab März, seine älteste Tochter, Ausbildung zur Sozialpflegerin, die jüngeren Kinder in Grundschule und Berufsschule, der Zweijährige „bei der Mama“, wohnen in einem Reihenhaus, keine Kopftücher, flüssiges, akzentfreies Deutsch der älteren Kinder. Die Familie des kurdischen Syrers Riad Mahmo ist in ihrer neuen Heimat, ist in Mittelschwaben angekommen. Sie hat sich in zwei Jahren integriert, eine Vorzeigefamilie, eine Erfolgsgeschichte.

Ihr gutes Leben heute verdanken sie vielen Menschen, ganz besonders jedoch Mehmet Aksakal von der Ditib Moschee in Thannhausen. Er sah die Familie zum ersten Mal bei einem Kennenlern-Treffen der katholischen Kirche in Thannhausen und ist seitdem an ihrer Seite. Ohne Auto – Vater und 18-jährige Tochter machen gerade den Führerschein – ist man in Ursberg öfter mal auf Hilfe angewiesen. Die Einkäufe in Thannhausen wären zu Fuß oder mit dem Fahrrad schwer zu bewältigen. Umzug, Möbelsuche, Montage der Küche, Arztbesuch in Augsburg: Wo Aksakal nicht allein helfen kann, wendet er sich an andere Moscheemitglieder und findet stets Unterstützung.

Aksakal: „Armen zu helfen ist religiöse Pflicht“

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Aksakal ist erster Vorstand der Moschee am Krautgarten in Thannhausen und Zweiter Vorstand des Ditib Landeselternverbandes Südbayern, er ist Familienvater mit drei Kindern und einem Enkel und bei der Firma Gartner in Gundelfingen tätig. Trotzdem hat er die Aufgabe als Flüchtlingshelfer oder, wie es heute heißt, als „Integrationsbegleiter“ übernommen. Weshalb diese zusätzliche ehrenamtliche Tätigkeit? „Weil wir Menschen in Not helfen wollen. Armen zu helfen ist religiöse Pflicht,“ sagt Aksakal. Dabei macht er – und er bezieht immer die anderen Helfer mit ein – keinen Unterschied nach Herkunft, ob Syrien, Irak, Afghanistan oder nach Religion: Muslime und Christen erhalten gleichermaßen Hilfe. Mehmet Aksakal lobt die gute Zusammenarbeit mit Antje Mühlenbein, der Integrationslotsin des Landratsamtes Günzburg und Meinrad Gackowski, dem rührigen Leiter der Abteilung Familie, Demografie und Integration in Günzburg.

Doch zunächst zu Beate Dillinger aus Leipheim und Mansur Semakula, der heute in Ulm wohnt und vor sieben Jahren aus Uganda in Zentralafrika geflüchtet ist. Semakula ist, wie die syrische Familie in Ursberg, bereits als Flüchtling anerkannt. Er arbeitet heute in Vollzeit für die Firma Wanzl in Leipheim und versorgt mit seinem Einkommen sich und sein zweieinhalbjähriges Kind. Seine Integrationsbegleiterin, Beate Dillinger, bedauert sehr, dass ihr „Schützling“– ein junger Mann, der wie die syrische Familie, eine große Wärme und Herzlichkeit ausstrahlt, seine Lehre abbrach, um in einem Helferjob kurzfristig mehr Geld zu verdienen.

Beate Dillinger spricht offen über die Belastungen ihrer ehrenamtlichen Helfertätigkeit, etwa über die Kritik von entfernteren Bekannten auf ihrer Facebookseite. „Was kümmerst du dich um Muslime? Schau, was die Böses tun!“ Doch Frau Dillinger hat bisher „nur anständige Muslime“ kennengelernt. So lässt sie die Kritik nicht allzu nah an sich ran kommen. Sie löscht die Kritik, diese Kontakte schlafen ein. In ihrem engeren Kreis – Familie, Freunde, Kirchenmitglieder – erfährt sie nur Respekt und Unterstützung.

Beate Dillinger hat viel Freude an ihrer neuen Aufgabe. Ihre Kinder sind groß und nun hat sie Zeit, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren. Sie ist in einer christlichen Kirchengemeinde aktiv, in der Fremde willkommen sind. Ihr Vorbild ist der barmherzige Samariter, wie er in der Bibel beschrieben wird. Ihren Zeitaufwand beziffert sie auf etwa zehn Stunden die Woche. Zusammen mit anderen betreut sie auch eine Familie aus Nigeria/Westafrika. „Arbeit ist essenziell, ist sinnstiftend, gibt dem Tag eine Struktur, verhindert ein Abgleiten in die Kriminalität“, sagt Dillinger. Aus diesen Gründen schrieb sie schon viele Bewerbungen für Flüchtlinge. Wichtig sei auch die Sprache; deshalb hilft sie beim Deutsch lernen und wichtig sei natürlich eine Wohnung außerhalb der Sammelunterkünfte. „Wenn ich mich um eine Wohnung für einen Flüchtling bemühe, werde ich schnell abgewiesen. Wenn ich aber das Gespräch gleich an den Flüchtling weiter reiche, sind die Chancen viel höher.“ Die Warmherzigkeit mancher Flüchtlinge lässt schnell das Eis brechen.

Die Arbeit der Helfer wird professionalisiert

Die Integrationsbegleiter, also ehrenamtliche Helfer wie Mehmet Aksakal und Beate Dillinger, werden seit einem Jahr in zweitägigen Qualifizierungskursen ausgebildet und schließen einen Vertrag mit dem Landratsamt ab, in dem sie sich unter anderem zur Verschwiegenheit verpflichten. Bisher wurden im Kreis 16 Begleiter geschult. Sie betreuen ihre „Schützlinge“, wie oben beschrieben, und stehen in ständigem Kontakt mit Antje Mühlenbein, ihrer Integrationslotsin. Diese hält die Qualifizierungskurse ab, bildet die Begleiter, auch Paten genannt, aus. Letztes Jahr waren es zwei Kurse.

Die Zielgruppen der Integrationsbegleiter sind sowohl die neuen Flüchtlinge, als auch Migranten aus Osteuropa, wie Rumänien und Bulgarien. Die Kursinhalte erstrecken sich auf die Bereiche Sprache, Schule, Arbeit, Beruf, Wohnung – „Wie verhalte ich mich als Mieter?“ – , Kita, Kultur, Freizeit, Arztbesuche, Ämtergänge. Nach der Übergabe der Zertifikate unterstützen die Begleiter Familien wie Einzelpersonen. Sie können über die Integrationslotsenstelle im Landratsamt, also über Antje Mühlenbein, angefordert werden.

Die Arbeit der Helfer wird professionalisiert, indem sie durch das Landratsamt fachlich unterstützt wird. Bayerns Integrationsministerin Emilia Müller fördert die Lotsenstelle im Landkreis Günzburg mit 60000 Euro. „Bayern ist das Land der gelingenden Integration. Dazu tragen auch die vielen ehrenamtlichen Helfer überall im Freistaat bei. Sie leisten hier Großartiges“, sagte Johannes Hintersberger, Staatssekretär in Müllers Ministerium jüngst dazu.

Dieses Jahr werden zwei weitere Qualifizierungskurse stattfinden: In Günzburg am 20. und 21. April und am 4. und 5. Mai. In Thannhausen im Oktober und November.

Kontakt Informationen und Anmeldungen bei der Integrationslotsenstelle des Landratsamtes, Antje Mühlenbein, unter Telefon 08221/95183, oder per Mail integration@landkreis-guenzburg.de

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