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Landkreis Günzburg

13.12.2020

So wird Nachbarschaftshilfe in Krumbach und im Landkreis Günzburg gelebt

Edith Micheler (links) engagiert sich ehrenamtlich in der Krumbacher Nachbarschaftshilfe, deren Koordinatorin Sophia Schmid (Mitte) ist. Die Projektleitung hat das Freiwilligenzentrum „Stellwerk“ in Günzburg, das Inge Schmidt leitet.
Bild: Manuela Rapp

Plus Ehrenamtliche Helfer kümmern sich in Krumbach und dem ganzen Landkreis Günzburg um Menschen, die Unterstützung benötigen. Wie das auch in Zeiten von Corona funktioniert.

Edith Micheler packt ihre Zufriedenheit in kleine Päckchen. Die existieren nicht real, sondern in ihrem Kopf. Ihr Inhalt? Das kann mal ein nettes Wort oder eine verständnisvolle Geste sein – beispielsweise von Autofahrern, was ihr, die als Politesse arbeitet, viel bedeutet. „Ich ziehe aus jeder Situation das Positive für mich heraus. Man bekommt alles zurück“, sagt sie. Dafür sei nur etwas Geduld nötig. Eben weil sie so denkt, engagiert sie sich unter anderem ehrenamtlich in der Krumbacher Nachbarschaftshilfe.

Etwas für andere tun – mit ihrer Haltung ist Micheler nicht alleine. „Ich habe das Gefühl, die Leute denken bewusster darüber nach, wo sie sich einbringen können“, sagt Sophia Schmid. Bei ihr im städtischen Bürgerhaus laufen die Fäden in Sachen Nachbarschaftshilfe zusammen. Das sei ein Netzwerk aus Bürgern, eine niederschwellige Hilfe für Mitbürger. Aktuell habe sie 33 Helfer in ihrer Kartei. Eine gute Zahl, wie sie findet: „Man kann sie immer recht schnell vermitteln.“

Das Freiwilligenzentrum „Stellwerk“, das für den gesamten Landkreis Günzburg zuständig ist, betreut das Projekt Nachbarschaftshilfe. Das ehrenamtliche Format sei eine gute Lösung für gelebte Nachbarschaftshilfe, sagt Leiterin Inge Schmidt. Während der ersten Ausgangsbeschränkungen hätten sich im Landkreis über 600 Menschen spontan gemeldet, darunter auch viele junge Leute. Diese seien sonst gar nicht als Helfer registriert gewesen. Inge Schmidt lobt diese Hilfsbereitschaft. Als einen Grund für das große Interesse nennt sie die geschlossenen Universitäten im März und April. Mittlerweile sei diese Personengruppe aufgrund der veränderten Gegebenheiten allerdings wieder weggebrochen. „ Corona war eine Notsituation, die man nicht so genau einschätzen konnte“, erinnert sie sich an die erste Welle. Auch das sei ein Motiv, gerade für die jüngeren Menschen, gewesen.

Im Landkreis Günzburg gibt es mehr Helfer als Nachfrage

Während Sophia Schmid von dauerhaft Freiwilligen bei ihr in der Krumbacher Nachbarschaftshilfe berichtet, resümiert Inge Schmidt: „Im Landkreis gibt es wesentlich mehr Helfer als Nachfrage.“ Dies führe schon mal zu Enttäuschungen. Manche von anfangs 30 Helfergruppen existierten nicht mehr, weil sie nicht abgerufen wurden. Im „Stellwerk“ bemühe man sich dennoch, den Kontakt zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Zehn Nachbarschaftshilfen zählt Inge Schmidt im Landkreis. Der Krumbacher Ableger gehört seit 2012/13 dazu. „In der Regel handelt es sich um Einkaufs- und Besuchsdienst, um Begleitung oder Hilfe beim Abfassen von Schriftstücken oder auch mal um Kinderbetreuung“, fasst die „Stellwerk“-Leiterin zusammen. Ihre Erfahrung: „Je konkreter eine ehrenamtliche Tätigkeit benennbar ist, desto mehr fühlen sich Menschen angesprochen.“

Doch wie weit darf das gehen? Sophia Schmid hat da eine klare Antwort: „Alles, was ein gewerblicher Dienstleister macht, das machen wir nicht.“ Es solle keine Konkurrenz entstehen, „das dürfen und wollen wir nicht.“ Gartenarbeiten oder haushaltsnahe Dienstleistungen, die regelmäßig ausgeführt werden, sind so ein Beispiel.

Generell fühlten sich schon eher Ältere ab 60 Jahren angesprochen, sich bei der Nachbarschaftshilfe einzubringen, berichtet Inge Schmidt. Dabei spiele der Zeitfaktor eine Rolle: „Ehrenamt bedeutet Zeit schenken.“ Was ebenfalls hinzukomme: Ältere Menschen verfügten über eine längere Lebenserfahrung. „Viele Personen im Rentenalter überdenken, was sie tun können“, sagt Sophia Schmid. Sie erlebe oft, dass Interessenten zu ihr kommen, weil sie bei der Rentenberatung einen Flyer gesehen hätten. Aber auch Mund-zu-Mund-Empfehlungen seien von Bedeutung. „Manche Helfer sind für alles offen, manche benennen konkret, was sie wollen“, sagt die Koordinatorin.

Corona macht das Helfen nicht leichter

Es sei hinterlegt, was jeder machen möchte, erzählt Edith Micheler aus der Praxis. Seit sie 2015 bei einem interkulturellen Frühstück darauf hingewiesen wurde, hilft sie in diesem Rahmen immer wieder Menschen, kauft für sie ein oder fährt sie mal zum Arzt. „Im Vorfeld der ersten Begegnung schaue ich, möglichst viele Informationen zu bekommen.“ Ob die Chemie stimme, spüre man gleich: „Die Leute verstellen sich nicht.“ Sie fühle sich sehr verantwortlich gegenüber der hilfesuchenden Person, zeige aber auch ihre Grenzen auf. „Wenn jemand einen ausnutzen will, bekommt man das ganz schnell mit“, sagt sie. „Die Helfer entscheiden grundsätzlich selber, wo ihre Grenzen sind“, betont ebenfalls die „Stellwerk“-Chefin. Sie seien nicht verpflichtet, gewisse Tätigkeiten zu erledigen. Ganz wichtig: Kein Frust solle entstehen im Ehrenamt.

Das gilt auch im Umgang mit Covid-19: „Wenn jemand von den Helfern wegen Corona Angst hat, wo hinzugehen, dann akzeptieren wir das.“ Schmidt und Schmid verweisen dabei auch gleich auf die geltenden Hygieneregeln. „Meist handelt es sich nur um eine Bezugsperson, es ist ein festes Verhältnis“, beschreibt Sophia Schmid.

Nachbarschaftshilfe noch in einer ganz anderen Hinsicht erlebt Edith Micheler übrigens auch. Alle Nachbarn kümmerten sich um ihre Eltern, die in einem Nachbarort lebten, wenn sie mal nicht kurzfristig zur Stelle sein könne. „Ein sehr gutes Gefühl“ sei das.

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