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Billenhausen/Landkreis

30.04.2016

Sogar der Papst schätzt schwäbische Blasmusik

Besuch einer Delegation des ASM beim Papst im Jahr 2000: Unser Bild zeigt Karl Kling (rechts) und Papst Johannes Paul II.
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Besuch einer Delegation des ASM beim Papst im Jahr 2000: Unser Bild zeigt Karl Kling (rechts) und Papst Johannes Paul II.
Foto: Sammlung Kling

Wie der Allgäu-Schwäbische Musikbund in 90 Jahren Strahlkraft weit über Bayerisch-Schwaben hinaus entwickelt hat. Und warum er eine „Schule fürs Leben“ ist

An die Ellenbogenstöße kann sich Franz Josef Pschierer noch gut erinnern. In der Bedernauer Blaskapelle war er einer der jungen Nachwuchsmusiker und natürlich gab es in seinem Posaunenspiel noch etwas „Luft nach oben“. Das ließ ihn auch sein etwa 50 Jahre älterer Nachbarmusiker immer wieder spüren. „Wenn ich mit einem Ton nicht richtig lag, gab es von ihm einen Stoß mit dem Ellbogen“, erzählt Pschierer. Der 59-jährige Pschierer ist heute bayerischer Wirtschaftsstaatssekretär und Präsident des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes (ASM). Seine Zeit in der heimatlichen Blaskapelle Bedernau liegt schon etliche Jahre zurück. Aber an seinen ersten Auftritt mit der Kapelle mit etwa 13 Jahren kann er sich noch gut erinnern. Und er erinnert sich auch daran, dass damals die musikalische Ausbildung kaum organisiert war. „Das war mehr oder weniger Learning by doing“, sagt er.

Vieles hat sich seitdem geändert. Die Musikkapellen arbeiten bei der Ausbildung eng mit den verschiedenen Sing- und Musikschulen zusammen. Intensiv ist der Kontakt zur Krumbacher Berufsfachschule für Musik, in den Kapellen selbst gibt es zahlreiche Ausbilder und Übungsleiter. Es ist nicht zuletzt die exzellent organisierte musikalische Ausbildung, die Teil der Erfolgsgeschichte des ASM ist. 1926 wurde der Musikbund gegründet. In diesem Jahr feiert der ASM sein 90-jähriges Bestehen.

Zum Gespräch über die Geschichte des Musikbundes ist Pschierer in die Geschäftsstelle des ASM gekommen. Die ist im altehrwürdigen Dossenberger-Pfarrhof im Krumbacher Ortsteil Billenhausen untergebracht. Seit 2001 arbeitet dort der 63-jährige Josef Jäger als hauptamtlicher Geschäftsführer. Auf seinem Tisch stapeln sich Akten und viel Papier, darauf abgedruckt Zahlen, Statistiken und und und ... Jäger wirft einen Blick über die Seiten. Mit einem zufriedenen Lächeln nennt er dann die Zahl 803. So viele Kapellen gehören derzeit dem ASM an. „Es sind so viele wie nie zuvor“, sagt Jäger. Der ASM trotzt sozusagen dem demografischen Wandel – und er wird, wie Pschierer und Jäger erklären, „jünger und weiblicher“. „Zu meiner Zeit gab es nur Männer in der Blaskapelle Bedernau“, denkt Pschierer zurück. Inzwischen liegt der Frauenanteil im ASM bei 47,6 Prozent. Nachwuchssorgen gibt es bislang keine. „Es zählen Leistung und Können, aber auch Freundschaft, Kameradschaft und Arbeit im Team“, sagt Pschierer. Junge Menschen würden Dinge lernen, die sie auch im Berufsleben gut brauchen könnten. Die Mitgliedschaft in einer Kapelle sei in einer gewissen Weise eine „Schule fürs Leben“, betont Pschierer.

Der amtierende Präsident blickt auf vier Porträtfotos, die an einer Wand im Dossenberger-Pfarrhof hängen. Es sind die Fotos von vier Präsidenten: Anton Mayer (1926 bis 1963), Georg Mayer (1963 bis 1979), Professor Karl Kling (1979 bis 2003) und Franz Josef Pschierer (seit 2003). „Nur vier Präsidenten in 90 Jahren. Das gibt es wohl kaum in einer anderen Organisation“, meint Pschierer.

Große Kontinuität an der Spitze –doch in der Geschichte des ASM spiegeln sich auch die Wechselfälle der Zeitgeschichte. In den Anfangsjahren des Musikbundes spielte das Allgäu eine maßgebliche Rolle. Es war der Immenstädter Musiklehrer Alois Weber, der im Jahr 1925 mit einigen Gleichgesinnten einen ersten Musikbund ins Leben rief, der sich zum Ziel setzte, die Musikkapellen „zu heben in materieller, kameradschaftlicher und musikalischer Beziehung.“ 1926 fand dann in Waltenhofen ein erstes Verbandsmusikfest statt.

Wegweisend für den neuen Allgäuer Musikbund war die Gründungsversammlung in Dietmannsried im Oktober 1926. Dabei schlossen sich sechs Musikkapellen (Immenstadt, Füssen, Altusried, Waltenhofen, Obergünzburg und Wiggensbach) zu einem Allgäuer Musikbund zusammen. Anton Mayer aus Altusried wurde der erste Präsident – ein Amt, das er insgesamt 37 Jahre innehatte.

Jazz wurde von den Nazis nicht geduldet

Der Musikbund war gerade knapp sieben Jahre alt, als mit der Nazizeit eine markante Zäsur erfolgte. Der Musikbund musste dem Süddeutschen Musikverband (SMV) beitreten, der eine Untergliederung der sogenannten Reichsmusikkammer war.

Das Auftreten von Kapellen, die keinen Mitgliedsausweis des SMV hatten, war verboten. „Jazz wurde nicht geduldet. Werke jüdischer Komponisten und nicht-deutsche Musik mussten aus den Literaturvorräten der Orchester aussortiert werden“, heißt es in der offiziellen ASM-Chronik.

Nach dem Krieg war der Weg frei für einen bemerkenswerten Neuanfang des Musikbundes. Im November 1948 wurde er bei einer Versammlung in Dietmannsried neu gegründet. Der Mann dieses Neuanfangs war der Gründer von 1926: Anton Mayer aus Altusried.

Zum Allgäu-Schwäbischen Musikbund, den wir heute kennen, wurde der Bund 1950. Immer mehr Kapellen aus dem mittel- und nordschwäbischen Raum wollten sich dem Allgäuer Musikbund anschließen. Und so wurde aus dem Allgäuer Musikbund schließlich der Allgäu-Schwäbische Musikbund (ASM), der auf 17 Unterbezirke anwuchs und den gesamten Regierungsbezirk Schwaben umfasst.

Von 1963 bis 1979 stand der Hauptlehrer Georg Mayer aus Ottobeuren an der Spitze. Von 1979 bis 2003 war es der Krumbacher Karl Kling. Kling setzte zahlreiche neue Akzente, ein großer Höhepunkt war das Jahr 2000, als Musiker des ASM vor Papst Johannes Paul II. in Rom spielten. Kling wurde schließlich zum Ehrenpräsidenten ernannt.

Im Jahr 2003 wurde der Mindel-heimer Landtagsabgeordnete Franz Pschierer zum neuen ASM-Präsidenten gewählt. Die Zahl der aktiven Mitglieder ging bis zuletzt weiter nach oben. „Wir bieten für jeden etwas“ sagt Pschierer. Die traditionelle Blasmusik wurde mit Elementen aus der Rock- oder der Filmmusik erweitert, auch dies macht die Blasmusik für viele Jugendliche attraktiv. Und die Tradition und Geschichte können einen zeitlosen Zauber entfalten.

Dafür steht auch der Billenhauser Pfarrhof. Der im Jahr 1773 unter der Regie Joseph Dossenbergers erbaute Pfarrhof ist sozusagen das Herz des ASM in Schwabens Mitte. Und dieses Herz schlägt weit über Schwaben hinaus. Seine Schläge reichen gewissermaßen sogar bis nach Rom, wo auch der Papst schwäbische Blasmusik zu schätzen wusste.

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