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Oberrohr

20.04.2019

Theo Waigel: „Ja, will denn jemand wie in den 50er-Jahren leben?“

Auf den Bühnen der Weltpolitik unterwegs, der Heimat aber immer verbunden: Dr. Theo Waigel wird 80 Jahre alt. In seinen Händen hält er ein Buch des katholischen Philosophen Joseph Bernhart, hinten Fotos, die Begegnungen mit Bush und Gorbatschow zeigen.
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Auf den Bühnen der Weltpolitik unterwegs, der Heimat aber immer verbunden: Dr. Theo Waigel wird 80 Jahre alt. In seinen Händen hält er ein Buch des katholischen Philosophen Joseph Bernhart, hinten Fotos, die Begegnungen mit Bush und Gorbatschow zeigen.
Bild: Waigel

Anlässlich seines 80. Geburtstags blickt Theo Waigel zurück auf die gesellschaftlichen Brüche der Nachkriegszeit und seine Jugend in Oberrohr. Warum er heute noch ein Vokabelheft bei sich hat.

„Weigel, Theodor, Oberrohr“ heißt es in der „Niederschrift über die am 27.03.1957 durchgeführten Neuwahlen“ der Jungen Union im „Kreisverband Krumbach“. Dr. Theo Waigel schmunzelt, als er diese Zeilen liest. Geschrieben haben sie ihn (1957 in den „Kreisausschuss“ gewählt) damals noch fälschlicherweise „Weigel“. Aber wer konnte im März des Jahres 1957 ahnen, dass Theo Waigel als Politiker den Lauf der deutschen und der europäischen Geschichte maßgeblich prägen sollte? Am 22. April wird Theo Waigel 80 Jahre alt. In unserem Interview blickt er zurück auf die zahlreichen politischen Höhepunkte seines Lebens. Aber deutlich wird auch, dass er die Bindung zu seiner Heimat nie verloren hat. Und er gibt ungewöhnliche Einblicke in seine Kindheit und Jugend, seinen ersten Fußball 1949, eine unvergessliche Theaterfahrt nach München 1955, die Blinddarmoperation im Jahr 1958, seinen ersten Italien-Urlaub – und warum er noch heute Vokabeln paukt. Theo Waigel erzählt humorvoll, doch die Wendungen der Kriegs- und Nachkriegszeit sind im Gespräch immer wieder auch wie ein dunkler Schatten spürbar. Waigel spricht lange über den tragischen Tod seines Bruders in der Endphase des Zweiten Weltkrieges – und darüber, warum „Europa“ eine „großartige Botschaft“ bleibt.

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Herr Dr. Waigel, wir treffen uns in einer „öden Gegend“…

Theo Waigel: Ich weiß, auf was Sie anspielen. Diese Textpassage, die mir vor Kurzem bei der Lektüre der Tagebücher des Schriftstellers Lion Feuchtwanger aufgefallen ist. Er war 1909 in meinem Heimatort Oberrohr wohl in der sogenannten Haller-Villa eines örtlichen Unternehmers zu Gast. Feuchtwanger schrieb in der Tat, dass die Gegend hier öd sei. Auf dem Land zu leben, das war damals noch ganz anders und wohl wirklich nicht besonders aufregend. Heute bietet das Leben auf dem Land viele Vorteile. Die Wohnqualität ist hoch, gegebenenfalls ist eine Großstadt schnell erreicht und man kann die Natur genießen, wie etwa diesen Apfelsaft, der hier auf dem Tisch steht.

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Mit Äpfeln aus Ihrem Oberrohrer Garten?

Waigel: Ja, die Äpfel sind von den Bäumen hier im Garten. Die Bäume sind teilweise bis zu 100 Jahre alt. Die Äpfel lagern wir in einer Garage, in der früher der 11-PS-Deutz-Traktor Baujahr 1948 meines Vaters stand. Die Äpfel halten sich hier hervorragend. Der Saft wird dann von meinem Hausmeister Alfred Hieber gemostet.

In Ihren Lebenserinnerungen, die Sie vor Kurzem verfasst haben, spielt das Thema Heimat eine zentrale Rolle. Mit welchem Lebensgefühl ist Heimat für Sie verbunden?

Waigel: Heimat ist in einer globalisierten Welt sehr wichtig. Und das Wort Heimat ist für mich natürlich mit vielen Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend hier in Oberrohr verknüpft. Jeder Baum sagt hier gewissermaßen grüß Gott, das ist für mich erlebte Heimat. Wenn ich zwischen meinem heutigen Lebensmittelpunkt Seeg und Oberrohr unterwegs bin, fahre ich bewusst übers Land und durch die wunderbaren Täler – ich spüre Heimat.

Wo die Hitlerjugend in Oberrohr ihre Übungen abhielt

In Ihren aktuell erschienenen Lebenserinnerungen schildern Sie, wie Sie 1949 zu Weihnachten einen Fußball geschenkt bekamen …

Waigel: Ja, das war damals etwas Besonderes. Es war der erste richtige Fußball im Dorf. Wir haben auf dem Platz gekickt, auf dem zuvor die Hitlerjugend ihre Übungen abhielt. Und wenn der Ball kaputt war, hat ihn ein Sattler aus Thannhausen wieder zusammengenäht.

Gibt es den Ball noch? Wann heben Sie Dinge bewusst auf?

Waigel: Den Ball gibt es leider nicht mehr. Aber in meinem Büro in Seeg steht eine besondere Tonfigur. Ich bekam sie vor sechs Jahrzehnten von einer Jugendfreundin geschenkt. Die Figur war wohl ihre Abiturarbeit am Krumbacher Gymnasium. Als ich von ihrem Tod hörte, habe ich die Figur lange bei mir gesucht und schließlich gefunden. In meinem Büro hat sie einen besonderen Platz. Die Jugenderinnerung ist etwas bleibend Schönes im Leben.

An einen Urlaub im Ausland war in den ersten Nachkriegsjahren aber nicht zu denken. Wann waren Sie zum ersten Mal in Italien?

Waigel: Das war wohl an Ostern 1960, zusammen mit meinem Freund Robert Fischer aus Ziemetshausen. Er hatte in Rom studiert und arbeitete auch als Reiseleiter. Italien, das war damals eine ganz andere, für uns neue Welt, das Flanieren und Genießen, die sprichwörtliche Gelassenheit und die Ewige Stadt Rom.

Was ist von dem geblieben? In Italien ist der Rechtspopulismus auf dem Vormarsch, Europa rutscht von einer Krise in die andere. Müssen wir uns Sorgen machen?

Waigel: Italien war oft politisch sehr gespalten. Die sind immer wieder zur Vernunft gekommen. Wir sollten uns auch von dem Thema Brexit nicht verrückt machen lassen. Und die Erweiterung der Europäischen Union nach Osten ist und bleibt eine Erfolgsgeschichte. Wir sollten die Vergangenheit nicht ständig verklären. Ich denke da an so manche Episode aus meiner Kindheit und Jugend. 1958 hatte ich eine Blinddarmentzündung. Zunächst bin ich zu meinem Thannhauser Hausarzt geradelt, dann mit dem Bus nach Krumbach, Dr. Max Oettle hat mich operiert, ich lag schließlich in einem Zimmer mit acht Betten. Ich frage mit Blick auf den damaligen Alltag bewusst: Will jemand wie in den 50er-Jahren leben? Ich jedenfalls nicht! Wir leben doch heute hier bei uns in einer insgesamt großartigen Zeit. Wann hatten alte Menschen und Menschen mit Behinderung mehr Rechte und mehr Lebensmöglichkeiten? Da ist sehr viel erreicht worden. Und die 50er-Jahre waren auch mit einer regelrechten Theologie der Angst verbunden, das wünsche ich nicht zurück.

Theologie der Angst?

Waigel: Ja, so kann man die Zeit der 50er-Jahre durchaus umschreiben. Das Denken in Gegensätzen, das Abwägen der Argumente, das oft mit dialektischem Denken umschrieben wird, war dieser Zeit fremd. Ich hatte das Glück, am Krumbacher Gymnasium einen Religionslehrer mit jesuitischer Ausbildung zu erleben. Unsere Deutsch-Lehrerin ist mit uns 1955 ins Münchner Residenztheater gefahren. Eine Fritz-Kortner-Inszenierung, eine der tragenden Rollen hat der junge Klaus Kinski gespielt. Was war das für ein Erlebnis. All das hat mir geholfen, tiefer über mein Leben und die Politik nachzudenken, und ich möchte diesen Weg auch jungen Politikern empfehlen.

Für die Münchner Anwaltskanzlei seines Sohnes in München tätig

„Ehrlichkeit ist eine Währung“ lautet der Titel Ihrer Lebenserinnerungen. Sie haben immer wieder betont, dass zu dieser Ehrlichkeit auch der bewusste Umgang mit der eigenen Zeit gehört. Was bedeutet der 80. Geburtstag für Sie?

Waigel: Der Tod kommt näher und darauf muss ich mich einstellen. Es tut mir sehr gut, dass ich nach wie vor in der Anwaltskanzlei meines Sohnes in München tätig bin. Ich bin für Airbus in Sachen Compliance viel unterwegs, in all den Konferenzen ist die englische Sprache üblich und es ist gut, dass ich da gefordert werde.

Sie pauken noch Vokabeln?

Waigel: Ja, ich habe ein Vokabelheft bei mir und lerne systematisch den nötigen Wortschatz.

Reizt es Sie, sich noch einmal intensiv in die Tagespolitik einzubringen?

Waigel: Die Politik hat mein Leben Jahrzehnte geprägt, mit großen Höhepunkten wie den Weg zur deutschen Einheit. Die Tagespolitik möchte ich jetzt anderen überlassen. Man muss loslassen können.

Ihr enger Draht zu „Ihrem“ Gymnasium, dem Krumbacher Simpert-Kraemer-Gymnasium, ist nie abgerissen. In einem Gespräch mit Schülern haben Sie gesagt, einmal müsse die Seele gereinigt werden. Sind Ihre Lebenserinnerungen eine Art Seelenreinigung?

Waigel: Der Begriff Seelenreinigung ist für mich mit dem bekannten Historiker Golo Mann verbunden. Als ich ihm vor vielen Jahren zum 75. Geburtstag gratulierte, habe ich ihn gebeten, sich mit Denkanstößen in die Politik weiter einzumischen. Er hat mir dann zurückgeschrieben, er wolle das nicht mehr, es sei für ihn an der Zeit, die Seele zu reinigen.

Den Begriff der Seelenreinigung verbinden viele auch mit einer Lebensrückschau. In Ihren Lebenserinnerungen sind einige Briefe Ihres Bruders abgedruckt. Ihr Bruder fiel 1944 an der Westfront in Frankreich, mit 18 Jahren …

Waigel: Er befand sich damals in einer Situation der Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung. Die Briefe meines Bruders sind Zeugnis einer ausweglosen Lebenssituation und doch der christlichen Hoffnung. Es war mir sehr wichtig, sie ins Buch aufzunehmen. Und heute? Wir fahren einfach über die Grenze nach Frankreich oder in andere Länder und zahlen mit dem gleichen Geld. Das ist und bleibt eine großartige Botschaft. "Bayern, Seite 31

Interview: Peter Bauer


Theo Waigel und sein Leben:


Herkunft Dr. Theo Waigel, von 1989 bis 1998 Bundesfinanzminister, wurde am 22. April 1939 in Oberrohr geboren. Die Eltern betrieben eine Landwirtschaft.

Schule/Studium Nach dem Abitur 1959 in Krumbach studierte er Rechts- und Staatswissenschaften in München und Würzburg.

Politik Von 1966 bis 1972 war er Mitglied des Krumbacher Kreistages. Von 1970 bis 1972 war er persönlicher Referent des bayerischen Wirtschaftsministers Anton Jaumann. 1972 wurde er in den Bundestag gewählt. 1982 wurde er Vorsitzender der CSU-Landesgruppe. 1988 bis 1999 war Waigel Vorsitzender der CSU.

Bundesfinanzminister 1989 wurde Theo Waigel Bundesfinanzminister – und in diesem Amt zu einem maßgeblichen Wegbereiter der deutschen Einheit. Waigel gilt überdies als Vater der europäischen Währung Euro, die 1999/2002 eingeführt wurde. 2002 schied er aus dem Bundestag aus, sein Nachfolger wurde seinerzeit Dr. Georg Nüßlein.

Gegenwart Seit dem Ende seiner politischen Laufbahn ist Waigel unter anderem wieder als Anwalt tätig. Derzeit arbeitet er in der Kanzlei seines Sohnes in München und kümmert sich für Airbus um das Thema Compliance. Für den Weltkonzern Siemens arbeitete er mehrere Jahre als Antikorruptionsbeauftragter („Compliance Monitor“). Im Jahr 2009 wurde Theo Waigel zum Ehrenvorsitzenden der CSU gewählt. Theo Waigel ist auch nach wie vor ein sehr gefragter Vortragsredner.

Lebenserinnerungen Anlässlich seines 80. Geburtstags hat Theo Waigel seine Lebenserinnerungen niedergeschrieben. Das Buch „Ehrlichkeit ist eine Währung, Erinnerungen“ (344 Seiten) ist vor einigen Tagen im Berliner Econ-Verlag erschienen.

Theo Waigel und der Begriff Heimat: Ein weiteres Interview, das in unserer Zeitung erschienen ist:

Theo Waigel blickt zurück: "Das hätte ich mir als Bauernbub nie träumen lassen"



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