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Krumbach

19.05.2015

Und einer kam nackt auf die Bühne

Zum Abschluss kamen noch einmal alle Dichter auf die Bühne (von links): Preisträgerin Jing Wu, Jens Frommknecht, Dietmar Wielgosch, Michael Stelzmüller, Verena Papin, Anne Döring, Roman Klarmann und Veranstaltungsleiter Marc Hettich. (Nicht im Bild: Joachim Schimming und Albrecht Rau).
Bild: Petra Nelhübel

Von der Bayerisch-Schwaben-Hymne bis zur Hommage an die Wasserpfeife reichte die Bandbreite der Texte beim Poetry Slam im Jugendzentrum.

„Isch scho g’schwätzt“ war der Titel der Veranstaltung: Doch beim Krumbacher Poetry Slam gab’s noch Einiges zu sagen. Roman Klarmann kam nackt auf die Bühne. Wobei nackt in diesem Fall „ohne Akkordeon“ heißt. So will es die Poetry-Slam-Tradition. Keine Instrumente und keine sonstigen Hilfsmittel sind erlaubt. Ein Mensch, ein Text, ein Mikrofon.

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So sang Klarmann, der älteste Teilnehmer, in Strickjanker und Kniebundhose, seine Bayerisch-Schwaben-Hymne eben ohne Instrumentalbegleitung. Und wenn vielleicht auch der jüngere Teil des Publikums mit dem Text ein wenig fremdelte, so würdigten doch alle den Mut und die Inbrunst des Vortrags. Applaus für den ältesten Slamteilnehmer an diesem Abend.

Der Krumbacher Verein Subkult hatte eingeladen und neun Slammer waren angetreten, sich die Gunst des Publikums zu erobern. Marc Hettich vom Subkult begrüßte ganz ausdrücklich zu Beginn des Abends auch die älteren Teilnehmer des Poetry Slam im Krumbacher Juze. Für alle Neulinge erklärte er kurz die Regeln – zwei Gruppen, sechs Minuten Vortragszeit, keine Hilfsmittel, Publikumsentscheid durch Beifalllautstärke – dann betrat nach Roman Klarmann auch schon Verena Papin die Bühne. In ihrem Text beklagte sie die Hetze des Alltags. Ständig in Gefahr, im Trubel der Notwendigkeiten sich selbst aus den Augen zu verlieren, richtet sie an ihr Publikum den Appell „Halt an, bleib steh’n“.

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Ähnliche Kämpfe mit dem eigenen Selbst focht auch die jüngste Teilnehmerin des Wettbewerbs aus. Bei Jing Wu (19 Jahre) aus München ging es jedoch mehr um die Leere im Kopf angesichts entscheidender Prüfungs- oder Rendezvoussituationen. Und obwohl sie jeden Abend Worte und Gedanken so schön in Schubladen sortiere, bleibe im Akutfall doch immer nur „ein schwaches „Ähh“, ein lausiges „Öhh“ und jede Menge „peinliches Schweigen“. Stürmischen Beifall erntete die zierliche Medizinstudentin.

Den erhielt auch Dietmar Wielgosch (Kaufbeuren) für seine gereimte Kurzfassung der Oper „Lohengrin“. Deftig und derb beschied er darin der jungen Elsa, sich doch einen Mann zu suchen, mit den Worten: „Bleib doch endlich auf dem Boden, zum Regieren braucht man Hoden“.

Deftiges im Beischlafgedicht

Noch deftiger reimte im Anschluss Albrecht Rau aus Augsburg. Während er in seinem ersten Vortragswerk noch seine Schreibblockade beklagte, brachte er im Weiteren satte 17 Vogelarten in einem Beischlafgedicht unter. Sehr zum Vergnügen des Publikums. Trotzdem musste Rau sich geschlagen geben. Weil sich das Publikum nicht entscheiden konnte, kamen in dieser ersten Runde Jing Wu und der Kaufbeurer Dietmar Wielgosch weiter.

Mit Anne Döring betrat nach der Pause wieder eine Krumbacherin die Bühne. Ihre Erfahrungen mit dem TÜV machte sie dabei ebenso zum Thema wie ein tragisches Unfallgeschehen „Im Auto vom Gierd“. Für große Erheiterung sorgte das Mundartgedicht von der Oma, die ihre Enkelin per Handy zu Friseurdiensten heimzitieren will. Die will aber lieber bei den Freundinnen bleiben und Omas Kopf bleibt ohne Locken. Sonntäglicher Kirchenbesuch ausgeschlossen.

Eine Hymne an die Freundschaft brachte Joachim Schimming (Dinkelscherben) auf die Bühne. Die perkussive Sprechweise im Stile eines Rap rissen das Publikum zu Begeisterungsstürmen.

Lyrisch wurde es mit Jens Frommknecht aus Augsburg. Große Gefühle, Karnevalskritik und eine witzige Ode an seine Wasserpfeife zeigten die ganze Bandbreite seiner Dichtkunst.

Wie schön es wär, ein Arschloch zu sein, malte sich Michael Stelzmüller aus Kempten als letzter Vortragskünstler des Abends aus. Lustvoll anarchisch ließ er seinen Protagonisten die größten Gemeinheiten begehen und erntete dafür jubelnden Applaus. Zu einem Stechen zwischen ihm und Joachim Schimming kam es nicht, weil Letzterer keinen weiteren Text im Repertoire hatte. So traten im Finale Jing Wu, Dietmar Wielgosch und Michael Stelzmüller gegeneinander an.

Mit einem zu Tränen rührenden Text über einen alten Mann der, in Erinnerung an seine tote Familie Spieluhren bastelt, gewann Jing Wu den ersten Preis des Abends. Mit wem die zierliche Medizinstudentin die obligatorische große Flasche Schnaps leeren will, blieb ihr Geheimnis. Auf jeden Fall wird sie beim Literaturherbst-Poetry-Slam, der im Oktober im Krumbacher Stadtsaal stattfindet, wieder auf der Bühne stehen. Gemeinsam mit dem Zweit- und Drittplatzierten, Michael Stelzmüller und Dietmar Wielgosch.

Was das zierliche Mädchen nach dem Sieg mit der großen Flasche Schnaps macht, ist noch nicht ganz klar. Verdient hat Jing Wu sie aber auf jeden Fall. So will es die Poetry-Slam-Tradition und so hat es auch das Publikum durch die lauteste Beifallsbekundung am Ende des Abends im Krumbacher Juze entschieden.

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