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Krumbach

30.06.2020

Vom Arbeitslosen zum Helfer in Not: Wie Sigfried Göttl sich für andere einsetzt

Sigfried Göttl links ist beim Diakonieverein Krumbach neuer kompetenter Ansprechpartner in Sachen Hartz IV, Wohngeld, Mobbing, Altersarmut und allerlei Problemen mit Behörden oder im persönlichen Bereich. Er hat selber viel durchmachen müssen und weiß, wie Betroffene sich fühlen. Unser Bild zeigt ihn mit Diakoniekoordinator Andreas Reinert vor dem Pfarrhaus in der Jochnerstraße in Krumbach. „Die ersten drei Jahre meiner Arbeitslosigkeit war ich fertig – am Boden!“
Bild: Annegret Döring

Plus Sigfried Göttl war viele Jahre arbeitslos. Jetzt steht er beim Diakonieverein Krumbach anderen Menschen in dieser Situation bei. Bis dahin war es ein langer Weg.

Die Zeit, in der er selber Hilfe brauchte, liegt noch gar nicht lange zurück. Jetzt kann Sigfried Göttl, dank einer guten Fügung, anderen Hilfe geben und das sogar beruflich. In Krumbach ist er beim Diakonieverein mit 30 Wochenstunden angestellt, um sozial Schwachen in allerlei problematischen Lebenslagen und dem Umgang mit Behörden beiseitezustehen. Die Hilfe ist kostenlos für den Hilfesuchenden.

Nach einem Motorradunfall war Göttl schwer verletzt

Kinder, die gemobbt werden in der Schule, Ämter, die einem zustehende Leistungen nicht gewähren oder streichen, Gläubiger, die einem mit Zahlungsaufforderungen im Nacken sitzen, Ratlosigkeit, wie ein Hilfsantrag überhaupt ausgefüllt werden soll oder wie eine schwierige Lebenssituation bewältigt werden kann, das alles hat Sigfried Göttl bereits selber erlebt. Der 58-jährige Vater von vier Kindern ist in Tiefenbach bei Illertissen aufgewachsen und hat einst Automechaniker gelernt. Nach einem Motorradunfall in den 80er Jahren, bei dem er schwer verletzt worden ist, war er erstmals in seinem Leben ganz am Boden. Nach der Genesung fand er Arbeit in der Versicherungsbranche, seit 2004 lebt er im Landkreis Günzburg, aktuell in Mindelzell. Doch auch die Arbeit bei der Versicherung verlor Göttl, blieb lange Jahre arbeitslos und musste selbst Arbeitslosengeld und schließlich Hartz IV in Anspruch nehmen.

Unendlich viele Bewerbungen haben er und seine Frau seitdem geschrieben, mussten mehrmals umziehen und sich gleichzeitig um ein möglichst gesundes Aufwachsen der Kinder kümmern, die heute zwischen 17 und 29 Jahre alt sind und bereits arbeiten oder in Ausbildung sind. Das Geld war da natürlich oft knapp und permanent musste überlegt werden, wie die Familie über die Runden kommt.

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Wenn das Selbstwertgefühl in den Keller geht

„Die ersten drei Jahre meiner Arbeitslosigkeit war ich echt fertig – am Boden. Ich dachte, ich sei nichts mehr wert“, schildert Göttl seine damalige Situation. Auch unter Krankheiten hatte er zu leiden. Bis er, auch durch den Zuspruch seiner Familie, sich sagte, „Schluss damit, das stimmt nicht.“ Göttl hat bereits im Jahr 2013 versucht, auf seine Weise Menschen zu helfen, indem er einen Verein für sozial Schwache gründete. Seine Erfahrung damals: „Die Auslegung der Gesetze hängt viel zu stark vom einzelnen Sachbearbeiter in einem Amt ab.“ Und er wusste genau, wie hoch die bürokratischen Hürden sind, die Menschen überwinden müssen, um Hilfe zu erhalten. Die Vereinsführung gab er später ab, seit Ende 2019 existiert der Verein aber nicht mehr.

Göttl kann verstehen, wie es Menschen geht, die nicht mehr weiter wissen. Das Schlimme in solchen Situationen ist, dass das ganze familiäre Umfeld unter der Situation mit leidet.

Diakonieverein Krumbach freut sich über Göttl als Mitarbeiter

„Für uns ist Herr Göttl der richtige Mann an der richtigen Stelle“, sagt Diakoniekoordinator Andreas Reinert vom Diakonieverein Krumbach. Ohne Schlips und Anzug kann er als Mitarbeiter in der Sozialarbeit Menschen zuhören, wo sie der Schuh drückt und durch seine eigene Lebensgeschichte und seinen Erfahrungshintergrund Vertrauen aufbauen“, sagt Reinert. Zu Reinert ist Göttl vor Weihnachten 2019 gekommen, um selber um eine Weihnachtsspende zu bitten. Daraus entwickelte sich so viel mehr, was nun in die Arbeitsstelle für Göttl beim Diakonieverein mündete. „Eine gute Fügung“, so Reinert. Man habe sich gefragt, ob man nicht auf andere Weise helfen könne, nachhaltiger und langfristiger als einfach mit einem Betrag. Reinert sprach mit Pfarrer Eugen Ritter von der evangelischen Kirchengemeinde Krumbach, die eng mit dem Diakonieverein verbunden ist, und man beriet sich im Diakonieausschuss. Der Verein gestaltete sowieso gerade seine Handlungsfelder um. Ein Pflegedienst war am Entstehen, da passte das Projekt Sozialarbeit dazu.

Reinert prüfte Göttls Kenntnisse in Sachen Sozialgesetzbuch, die dieser sich in den Jahren seiner Langzeitarbeitslosigkeit angeeignet hatte, und war beeindruckt. Mehrmals hatte Göttl für seine eigene Situation gegen Entscheidungen von Behörden klagen müssen und hatte recht bekommen. Im Rahmen eines Förderungsprojektes des Bundes für Langzeitarbeitslose konnte tatsächlich die Stelle für Göttl geschaffen werden, wofür der Diakonieverein für fünf Jahre Lohnkostenzuschüsse erhält.

Benachteiligten rund um Krumbach zu ihren Rechten verhelfen

Das Ziel von Göttls Arbeit ist, benachteiligten Menschen im Umkreis von Krumbach zu einer gerechten Teilhabe am Leben zu verhelfen. Seine Arbeit richtet sich an Arbeitslosengeldbezieher, Sozialhilfeempfänger oder Senioren, die sich möglicherweise in Altersarmut befinden. Ihnen kann er auf gleicher Ebene begegnen, ihnen entweder konkret selber helfen, indem er deren Bescheide von Ämtern prüft und gegebenenfalls nachbessert, bei Behördengängen unterstützt und bei der Korrespondenz hilft oder er vermittelt sie weiter an externe Dienstleister, die Ehe-, Familien- und Lebensberatung, die Schuldnerberatung, die Seelsorge, an Kinderprojekte oder innerhalb des Diakoniezentrums in Krumbach in die Bereiche Senioren, Alltagsbegleitung oder Haushaltshilfen. Göttl ist unter der Handynummer 0176/47892327 zu erreichen oder per E-Mail unter Sigfried.Göttl@diakonie-krumbach-schwaben.de. Termine gibt es bei ihm nach Vereinbarung und er kommt entweder zu Besuch zum Hilfesuchenden oder aber kann in einem kleinen Büro im Gemeindehaus in der Jochnerstraße getroffen werden. Selbst wenn Göttl den Hilfesuchenden weitervermittelt, bleibt er, wenn gewünscht, weiter dessen Ansprechpartner. Ist das Eis erst einmal gebrochen, die Hilfe zu suchen, die einem laut Sozialgesetzbuch zusteht, dann könne sich auch etwas ändern, damit der Mitmensch seine schlechte Lage überwinden kann. Göttl findet es schlimm, wenn durch Ungewissheit über die eigene Lage und Zukunft das Selbstwertgefühl eines Menschen leidet und psychische Krankheitsbilder entstehen.

„Gemeinsam wollen wir stark sein“, bietet er an. Seit Mai 2020 betreut Göttl fünf Menschen und hat für sie bereits einige Anträge auf den Weg gebracht. Er freut sich auf weitere Menschen, denen er helfen kann. „Der Bedarf ist da, wir wissen nicht, was auf uns zukommt, aber wir stehen bereit“, bekräftigt auch Andreas Reinert.

Freude am gefundenen Arbeitsplatz

Im Gespräch merkt man Sigfried Göttl an, wie viel Freude er an seiner neuen Aufgabe hat und wie froh er ist, endlich nicht mehr selber auf Hartz IV angewiesen zu sein.

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