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Krumbach

11.01.2019

Vom Zuzug und Wegzug nach Krumbach und Hürben

In der Ortskarte, die der vorderösterreichische Obristwachtmeister Johann Lamert Kolleffel um 1750 zeichnete, sind die Gemeinden Krumbach und Hürben noch getrennt. Für das Jahr 1786 werden im Markt Krumbach „212 Familien mit 883 Seelen“ gezählt; für die Gemeinde Hürben sind im Jahr 1759 „61 Häuser, davon 10 im Besitz von Juden“ registriert.
Bild: Stadtarchiv Krumbach

Wirtschaftliche Gründe waren nur eine Ursache für insgesamt drei Wellen der Aus- und Einwanderung.

 Die Geschichte einer Stadt wird geprägt vom Zusammenleben der Bürger, vom Wesen einer Gemeinschaft und den Leistungen der Einwohnerschaft. Stadtplaner und verantwortliche Gremien, registrieren daher kontinuierlich diverse Statistiken und Erhebungen, analysieren die Bevölkerungsentwicklung, um dann gezielte Maßnahmen zur Infrastruktur und dem Zukunftswachstum anzupeilen. Zu diesem allgemeinen Thema „Bevölkerungswachstum“ hat der frühere Oberregierungsarchivrat Gerhart Nebinger (1911 – 1997) speziell die Dokumente zu „Einwanderung nach und Auswanderung aus Krumbach-Hürben“ im Spiegel der letzten Jahrhunderte erfasst. Das im Stadtarchiv deponierte Skript weist im Ergebnis die lokalen „Aus- und Einwanderungen“ in drei Perioden aus und notiert die jeweiligen zeitgeschichtlichen Hintergründe:

„Ganz allgemein“, so leitet Geschichtsforscher Nebinger seine Aufzeichnungen ein, „sind aufblühendes Gewerbe und sich ausbreitender Handel in erster Linie ursächlich für eine ‚normale Zuwanderung’ in eine Gemeinde. Und im Allgemeinen kommt der Zuwachs aus der näheren Umgebung.“ Dies ist bei Krumbach-Hürben sicher schon früh infolge des wachsenden Handels und Gewerbes insofern modifiziert worden, als Handwerksgesellen und Handlungsbeflissene auch aus den anderen schwäbischen Städten zuzogen, wie umgekehrt junge Krumbacher in diese Städte auswanderten.

Infolge der Zugehörigkeit zur österreichischen Markgrafschaft Burgau, der Herrschaft der Grafen von Lichtenstein mit ihrem Hauptsitz in Tirol und schließlich der unmittelbaren Verwaltung durch Österreich hat natürlich Österreich schon bei Zeiten eine Rolle als Auswanderungsziel wie auch als Mutterland von nach Krumbach kommenden Einwanderern gespielt.

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Aus- und Einwanderungen weist die lokale Geschichte in drei Perioden nach. Die erste Periode ist die des dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648), die allerdings erst ein Jahrzehnt nach dem Ausbruch der Kriegshandlungen, etwa 1629 einsetzt und bis etwa 1676 andauert. Von Auswanderung ist, abgesehen von einigen Flüchtlingen aus dem verheerten Schwaben, nicht zu reden, da der Aderlass des Pestjahres 1635 jeder willigen Arbeitskraft genügend Land und Existenzmöglichkeit bot. So wurden die gewaltigen Lücken in der Krumbach-Hürbener Bevölkerung durch Zuwanderung aufgefüllt, hauptsächlich aus Tirol (genannt werden Adam Eggenfußer, Veit Wismann, Simon Leiter, Jakob Pitsch, Caspar Zettler, Matthäus Bihler, Christian Feichter, Peter Hilber, Matthäus Faschlanger), aus Böhmen (namentlich: Christoph Schnitzer, Andreas Bißler, Georg Scholz, Balthasar Walter); Zuzügler aus Österreich waren Johann Bader, Matthäus Poperzer und vom Erzstift Salzburg sind erfasst ein Egid Helner und Sebastian Albertsstainer; aus der Schweiz zugezogen sind seinerzeit Jakob Boldenmann, Johann Streßler, Christian Lampert.

Die zweite Periode beinhaltet etwa die Jahre 1845 bis 1873. Hier handelt es sich zum Unterschied von der Zeit 1629 bis 1676 um eine starke Auswanderungsbewegung, verursacht durch wirtschaftliche Ursachen, sowie Armut und politisch instabile Verhältnisse. Jedoch erkennt Geschichtsforscher Nebinger, dass bei Krumbach-Hürben die Auswanderer in erster Linie wohl aus wirtschaftlichen Gründen wegzogen, denn die maßgebenden Leute der demokratischen liberalen Gruppen blieben in der Heimat.

156 Auswanderungsfälle

Bei den in den Archiven lagernden diversen Listen der legal Ausgewanderten dokumentiert die Statistik insgesamt 156 Auswanderungsfälle. An der Spitze steht die Auswanderung in die USA mit 75 Personen (48,1 Prozent), es folgt Württemberg mit 39, dann Österreich mit 21, die Schweiz mit 4, Frankreich mit 2, England und die Niederlande mit je einer Person, ferner verließen 13 Personen Krumbach-Hürben mit Ziel in verschiedene deutsche Länder. Die eben angeführten Motive sind für die Auswanderung nach Württemberg nicht zutreffend. „Hier“, so Nebinger, „handelt es sich um eine ganz normale Auswanderung in die schwäbische Nachbarschaft“. Und vielfach ein Wegzug von Israeliten in dortige Judengemeinden, wie etwa nach Laupheim. Dagegen behalten die genannten Motive für die Auswanderung in die USA volle Gültigkeit. Soweit auf Grund der Familiennamen erkennbar, waren mindestens die Hälfte der USA-Auswanderer Mitglieder der Jüdischen Kultusgemeinde Hürben, die ihre neue Heimat jenseits des Atlantik suchten.

Die dritte Periode der großen Bevölkerungsverschiebung ist dann bekanntermaßen in die Neuzeit ab dem Jahr 1945 datiert: Die Vertreibung aus den deutschbesiedelten Ostgebieten. Der Zuzug von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen war die große Herausforderung, der wie andernorts auch, Krumbach mit großen Kraftanstrengungen seitens der Neu-Bürger und der Kommune gerecht wurde: Insbesondere der Wohnungsbau wurde bis in die 1950er Jahre tatkräftig vorangetrieben: Neue Wohnbereiche entstanden, vornehmlich im Nordwesten Krumbachs durch die Wohnsiedlung Höllgehau (damals wurde die „neue Heimat für Heimatlose“ auch „jüngstes Dorf Mittelschwabens“ genannt); am südlichen Stadtkern schloss sich die Sankt-Michaels-Siedlung („Christenvolk baut auf“) an, in Hürben entstand die Lexenrieder Siedlung.

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