1. Startseite
  2. Lokales (Krumbach)
  3. Von Vielfalt und besorgten Bürgern

LAndkreis Günzburg

30.09.2015

Von Vielfalt und besorgten Bürgern

Im Gespräch nach dem Dokumentarfilm „Willkommen auf Deutsch“ bei der Eröffnung der Interkulturellen Woche im Cinepark Krumbach: (von links) Selcuk Karakus, Integrationsbeauftragter Meinrad Gackowski vom Landkreis Günzburg, Leonhard Göppel von der Volkshochschule Krumbach.
Bild: Marc Hettich

 Start der Interkulturellen  in Krumbach mit dem Dokumentarfilm „Willkommen auf Deutsch“.

„Als ich das hörte von dem Protest gegen die Familie, hab ich mich erschrocken und hab gedacht: Oh Gott, was wohnen hier für harte Menschen.“ Die sympathische ältere Dame wirkt aufrichtig betroffen. Ingeborg Neupert kümmert sich unaufgeregt, aber sehr einfühlsam um Flüchtlinge im norddeutschen Tespe. Zusammen mit der tschetschenischen Flüchtlingsfamilie um die 21-jährige Larisa und ihrem kleinen Bruder ist die Rentnerin eine Sympathieträgerin im Dokumentarfilm „Willkommen auf Deutsch“. Die Vorführung im Krumbacher Kino Cinepark war gleichzeitig Auftaktveranstaltung der Interkulturellen Wochen des Landkreises Günzburg. Mit dem Leitsatz der Veranstaltungsreihe – „Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt“ – eröffnete der Günzburger Integrationsbeauftragte Meinrad Gackowski den Abend.

Weiterlesen mit dem Plus+ Paket

Dieser Inhalt ist älter als 30 Tage und steht daher nur Abonnenten mit einem Plus+ Abo zur Verfügung.
Jetzt ab 0,99 € testen

Dass diese Vielfalt von manchen Mitmenschen auch als Bedrohung wahrgenommen wird, verschweigt der Film nicht. Ohne zu kommentieren, zeigen die Filmemacher Carsten Rau und Hauke Wendler nicht nur Flüchtlinge, sondern auch eine Bürgerinitiative aus dem niedersächsischen Appel. Ein 415 Einwohner-Dorf, das im ehemaligen Alten- und Pflegeheim 53 Asylbewerber aufnehmen soll. Das Landratsamt sieht sich vom Druck, monatlich 20 neue Asylbewerber zu verteilen, überfordert. Und manchmal fallen auch Sätze wie „Dann nimm doch deine Neger mit.“ Wo fängt Rassismus an, und wo hört der besorgte Bürger auf?

Manche grinsen, andere stöhnen

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

An dieser und ähnlichen Stellen regt sich auch das Publikum im Krumbacher Cinepark. Manche grinsen beschämt, andere stöhnen empört auf. Der Film stellt der Angst der Anwohner vor dem unbekannten Fremden konkrete Menschen gegenüber. Wenn der kleine tschetschenische Bub freudestrahlend seiner Schwester in die Arme fällt oder eine Gruppe männlicher Flüchtlinge gemeinsam ein Steak anbraten, wirkt die Angst einer Appeller Mutter vor „menschlichen… männlichen Bedürfnissen“ nahezu absurd. Dabei gelingt den Regisseuren das Kunststück, Menschen, wie den Anführer der Bürgerinitiative, nicht voyeuristisch bloßzustellen. Eine Szene, die ihm beim Bewundern der heimatlichen Natur zeigt, lässt erahnen, wie schwer er sich tut, das Unbekannte anzunehmen.

Dem Ansinnen des Filmes, abstrakten Ängsten konkrete Begegnungen gegenüberzustellen, kommen auch die Interkulturellen Wochen nach. In seiner Eröffnung würdigt Meinrad Gackowski die vielen ehrenamtlichen Helfer, von denen viele an diesem Abend im Publikum sitzen. Kooperationspartner Leonhard Göppel von der Volkshochschule Krumbach rief in Erinnerung, dass bereits vor 20 Jahren die ersten Sprachkurse in Griechisch, Russisch und Arabisch dort angeboten wurden. Ab 6. Oktober findet im Rahmen der Interkulturellen Wochen ein Türkisch-Kurs statt. Am Samstag öffnen Moscheen im Landkreis ihre Pforten.

Nach dem Film versorgt der türkische Elternbeirat die Besucher mit kleinen kulinarischen Köstlichkeiten. Darüber freut sich unter anderem Besucherin Jasmin Bußer: „Ich finde toll, dass der türkische Elternbeirat die Bewirtung übernommen hat. Der Film hat mich sehr berührt und zum Nachdenken gebracht: Was man da auf der Leinwand gesehen hat, ist derzeit Realität. Leider können sich einige Anwohner mit dringend benötigten Flüchtlingsunterkünften in ihrer Nachbarschaft nicht anfreunden.“ Gäste konnten sich an Gesprächstischen mit Fachleuten zu Themen wie „Engagementfelder für Ehrenamtliche im Bereich Asyl“ oder„Asyl und Gesundheit“ informieren. Dieses Angebot nutzte auch Selcuk Karakus von der Krumbacher DITIB-Gemeinde. „Das war sehr aufschlussreich“, kommentierte der Mittler zum türkischen Elternbeirat.

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren