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Krumbach

13.07.2019

Warum Pflegeeltern im Landkreis Unterstützung brauchen

Pflegeeltern haben ganz eigene Probleme. Ein Verein im Landkreis Günzburg bietet ihnen eine Plattform.
Bild: Ken Liu/dpa

Plus In einem Verein tauschen sich Pflegeeltern aus. Es geht um besondere Probleme und um den Alltag. Neue Mitglieder sind willkommen.

„Man sieht ja den Unterschied gar nicht“, diesen Satz wird Gabi Däxle niemals vergessen. Vor vielen Jahren, als sie und ihr Mann Anton noch „frisch“ Pflegeeltern waren, hörte sie ihn von einem Pflegekind bei einem Pflegefamilientreffen in der Kreisheimatstube in Stoffenried. Während die Erwachsenen sich austauschten, spielten die Kinder gemeinsam. Als sie zurückkamen, stellte ein Pflegekind fest, dass es gar nicht unterscheiden könne, wer ein Pflegekind und wer ein leibliches Kind sei. „Das macht mich bis heute sprachlos. Die Kinder fühlen sich wirklich so, als würde man es sehen, dass sie Pflegekinder sind“, berichtet Gabi Däxle.

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Zu Erlebnissen wie diesen kommt es bei Treffen und Veranstaltungen der „Interessensgemeinschaft der Pflege- und Adoptiveltern im Landkreis Günzburg“, kurz „Pflegeelternverein“, immer wieder. „Es ist wichtig, dass es eine Plattform für Eltern und Kinder gibt, um sich über die jeweils besondere Rolle austauschen zu können“, fasst Isabella Kammel, die Erste Vorsitzende, die Zielsetzung zusammen. Dazu wird in der Regel einmal pro Monat ein Treffen oder ein Ausflug organisiert. Jedes Jahr trifft man sich im Frühjahr auch zum traditionellen Osterfrühstück. An den Veranstaltungen kann die komplette Familie teilnehmen: Eltern und Kinder – Pflegekinder und leibliche Kinder.

Besonders dankbar sind die beiden Mütter für die regelmäßige Teilnahme des Fachdienstes für Pflegekinder des Amtes für Kinder, Jugend und Familie im Landkreis Günzburg: „Es gibt ihnen die Möglichkeit, uns Familien in einem anderen, ’normalen’ Umfeld zu erleben“, meint Gabi Däxle. „Einfach nur mal so, ohne dass es ein Problem zu besprechen gibt. Das ist unglaublich wertvoll“, ergänzt Isabella Kammel, die seit drei Jahren Pflegemutter zweier Kleinkinder ist.

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Dem Verein fehlen aktive Mitglieder

Doch der Pflegeelternverein hat ein Problem: Ihm fehlt es an aktiven Mitgliedern. „Der Verein steht immer wieder kurz vor der Auflösung“, sagt Isabella Kammel besorgt. An den monatlichen Treffen nehmen stets dieselben fünf bis sieben Familien teil. Die Treffen seien sehr gewinnbringend für alle Teilnehmenden, aber: „Wir brauchen einen breiteren Schnitt an Alter der Kinder und an Familien“, erklärt Isabella Kammel.

Warum die Vielfalt so wichtig ist, weiß Gabi Däxle genau. Sie und ihr Mann haben zwei leibliche Kinder und sind seit 16 Jahren Pflegeeltern. In dieser Zeit haben sie insgesamt zehn Kinder bei sich aufgenommen – vom Säuglings- bis ins junge Erwachsenenalter, für wenige Monate bis hin zu vielen Jahren. „Da ergeben sich ganz unterschiedliche Fragestellungen.“ Während Säuglinge und Kleinkinder tendenziell weniger „Geschichte“ mitbrächten, gebe es bei älteren Kindern meist vieles an Negativerfahrungen aufzuarbeiten – alles neben dem Alltag, zum Beispiel in Kindergarten oder Schule, der auch „laufen“ müsse.

Es tue gut, sich unter Gleichgesinnten über Fragestellungen und Probleme auszutauschen, die es für Kinder und Eltern zu verarbeiten und bearbeiten gilt. „Viele Pflegekinder denken: ’Ich bin der Exot’“, übersetzt Gabi Däxle die Gefühlslage der Kinder. Für sie seien Themen tagtäglich, die andere Kinder im Kindergarten und in der Schule nicht kennen würden und die sie mit diesen auch gar nicht besprechen wollten. „Begriffe wie ’Umgang’ versteht man nicht auf dem Schulhof“, meint Isabella Kammel. Auf den Treffen der Pflegefamilien hingegen haben die Kinder die Möglichkeit, sich über diese Dinge in einem geschützten Rahmen auszutauschen, ohne in die Rolle des „Exoten“ schlüpfen zu müssen.

Pflegeeltern müssen sich mit Vorurteilen auseinandersetzen

Aber nicht nur Pflegekinder fühlen sich als „Exoten“. „Uns Eltern geht es manchmal nicht anders“, sind sich Gabi Däxle und Isabella Kammel einig. Immer wieder sehen sie sich mit typischen Denkmustern und Vorurteilen konfrontiert, mit denen man lernen muss, umzugehen. „Haben die ein großes sozialen Gewissen“, „die nehmen den Eltern die Kinder weg“, „die machen das doch nur wegen des Geldes“ – Sätze, die alle Pflegeeltern des Vereins so oder in ähnlicher Form bereits zu hören bekamen. Da tue es gut zu wissen, dass es allen gleich gehe. Daneben könne man alternative Antwortmöglichkeiten anderer mitbekommen und sich im Team über Aufklärungsarbeit Gedanken machen.

Ein Bedürfnis, sich auszutauschen besteht vielfach auch bezüglich des Kontakts mit der Herkunftsfamilie: In manchen Fällen liegt das Sorgerecht bei den leiblichen Eltern, in anderen bei einem bestellten Vormund. Manche Pflegekinder verbringen regelmäßig Zeit bei ihren leiblichen Eltern, andere sehen diese nur in Begleitung von sozialpädagogischem Fachpersonal. „Auch deshalb brauchen wir einen breiteren Schnitt an Familien“, wissen die beiden. Für viele Pflegekinder mit Geschwistern in anderen Pflegefamilien seien die Treffen des Vereins beispielsweise auch eine Möglichkeit, sich zusätzlich bei den festen Besuchskontakten zu sehen. Ein weiteres Erfahrungsfeld, in dem der Austausch essenziell ist, ist der Abschied von Pflegekindern, was im amtlichen Jargon als „Rückführung“ bezeichnet wird. Die Sachlichkeit des Begriffs steht in keinem Verhältnis zur emotionalen Involviertheit der Pflegeeltern. Dank der intensiven Vorbereitung auf die Pflegeelternschaft durch das Jugendamt wisse man zwar von vornherein genau, dass dies dazugehören kann. Dennoch ist der Abschied dann oft schwer: „Gerade wenn man ein Kind von klein auf bei sich hatte, ist die Bindung so stark, dass es sich anfühlt, als würde man das eigene Kind verlieren“, erklärt Gabi Däxle. Emotionalen Beistand und der Rückbezug auf die sachliche Ebene – auch das finde man unter Gleichgesinnten leichter.

Daneben ergeben sich im Alltag eine ganze Reihe praktischer Fragestellungen, bei denen der Rat erfahrener Pflegeeltern unersetzbar ist. Zum Beispiel, ob die Pflegekinder die Eltern mit „Mama“ und „Papa“ ansprechen. „Wir haben den Kindern das immer freigestellt“, berichtet Gabi Däxle. Manche hätten gleich „Mama“ und „Papa“ gesagt, andere später; aber alle irgendwann. „Ich denke, das ist ein Schritt, sich als dazugehörig zu identifizieren, für sich und für andere“, meint sie. Denn damit ist der „Unterschied“ nicht nur nicht zu sehen, sondern auch nicht zu hören.

Der Jahresbeitrag des Pflegeelternvereins beträgt zwölf Euro. Interessierte Pflege- und Adoptiveltern können über folgende E-Mail-Adresse Kontakt aufnehmen: pflegeelternverein@gmx.de.

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