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Thannhausen/Landkreis

21.10.2015

Warum der Dialekt nicht „für d‘ Katz“ ist

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Die Katze spielt im bayerisch-schwäbischen Dialekt eine bedeutende Rolle.
Bild: Peter Bauer

Forscherin Brigitte Schwarz über Dimension und Wandel der heimischen Mundart.

Wenn der Topf ein Hafen ist: Der Gedanke hat in der Tat etwas Amüsantes. Als an diesem Abend im Thannhauser Kulturhaus „Beim Schwung“ das Stichwort „Hafen“ fällt, sorgt dies beim Publikum für Erheiterung. Dass mit „Hafen“ nicht der Schiffshafen, sondern im Schwäbischen der Topf gemeint ist, soll im Unterricht mit heimischen Schülern schon so manchem zugereisten Lehrer Kopfzerbrechen bereitet haben.

Aber wie lange wird es Episoden dieser Art noch geben? Wohin entwickelt sich die heimische Mundart, diese „tolle Sprache“, wie Dialektforscherin Brigitte Schwarz den Dialekt immer wieder umschreibt? Es gebe keine „falsche“ Sprache, betont sie immer wieder. Dialekt sei eine andere Form von Sprache. Welchen Facettenreichtum diese Sprache hat, wird an diesem Abend deutlich. Und es wird spürbar, was verloren gehen könnte.

Die Anstrengungen, die Dimension des Dialektes zu ergründen und wissenschaftlich zu erforschen, sind beachtlich. Dafür steht auch die jahrzehntelange Arbeit der Sprachforscherin Brigitte Schwarz. Mehrfach hat sie in den vergangenen Jahren Einblicke in ihre Tätigkeit gegeben, so auch jetzt im Rahmen der von der Volkshochschule Thannhausen und der Schwabengilde ins Leben gerufenen Reihe „Kulturgespräche“. Die 57-jährige Brigitte Schwarz stammt aus Ettringen im Unterallgäu. Sie erinnert sich, dass Dialekt für sie zuhause etwas Selbstverständliches gewesen sei. Die Frau des Thannhauser Bürgermeisters und Mutter dreier Kinder blieb über alle Lebensphasen hinweg dem Thema Sprache auf eine besondere Weise verbunden. Sie studierte Deutsch und Französisch für Lehramt an Gymnasien. Dann wurde sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Projekt, das viele wohl zu Recht als Jahrhundertprojekt bezeichnen. Zwischen 1984 und 2009 entstand der Sprachatlas für Bayerisch-Schwaben. 8200 Seiten, 14 Bände, insgesamt rund 45 Kilogramm Gewicht: Allein diese Zahlen deuten den gewaltigen Umfang dieser wissenschaftlichen Arbeit an, in der die bayerisch-schwäbische Mundart in allen Details erfasst ist. An diesem Projekt war bekanntlich auch die Niederraunauer Sprachforscherin Dr. Edith Burkhart-Funk über mehrere Jahre beteiligt.

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Im Jahr 2007 erschien mit dem „Kleinen Sprachatlas von Bayerisch-Schwaben“ eine für Laien verständlicher geschriebene, kompakte Kurzfassung. Diese wiederum ist die Basis für den 2013 von Brigitte Schwarz im Schloss Edelstetten vorgestellten „Sprechenden Sprachatlas“ von Bayerisch-Schwaben mit Tondokumenten, die an 30 Orten in Bayerisch-Schwaben und im angrenzenden Oberbayern sowie in Mittelfranken entstanden sind. Mit den entsprechenden Stichworten sei der Sprachatlas im Internet problemlos abrufbar, sagt Brigitte Schwarz.

Ebenfalls 2013 erschien das von Brigitte Schwarz bearbeitete Dialektwörterbuch von Bayerisch-Schwaben. In dem mächtigen, 736 umfassende Buch im Din-A-4-Format sind 3000 Stichworte erfasst. Das wiederum ist nur ein kleiner Teil der ursprünglichen Sammlung von 36000 verschiedenen Stichworten.

Dialekt – das ist zweifellos ein geradezu gewaltiges Sprachgebäude. Vieles aus dem heimischen Wortschatz geht, wie Brigitte Schwarz berichtet, auf das Alt- und Mittelhochdeutsche zurück, sichtbar seien immer wieder auch Einflüsse aus dem Lateinischen, Italienischen oder Französischen.

Was wird bleiben? Nicht zuletzt durch die enorme Technisierung der Landwirtschaft geht der ursprüngliche Dialektwortschatz immer mehr verloren. Sprache bildet, wie Brigitte Schwarz sagt, die Wirklichkeit ab – und diese verändert sich rapide. Dabei sei, so Brigitte Schwarz, Dialekt „kein falsches Hochdeutsch.“ Zuhause Dialekt sprechen sei ein Beitrag, um etwas von seiner Vielfalt zu erhalten.

Wie geradezu fein gesponnen und reich Dialekt ist, macht ein Blick auf das Wort Katze und seine Wendungen deutlich. Im Dialektwörterbuch widmet Brigitte Schwarz dem Wort Katze drei Seiten. Bei der Lektüre dieser Seiten wird man auch auf viel Wohltuendes stoßen. Zum Beispiel: „Wer Katza mag, kriegt a bravs Weib/an brava Ma“. Auch das ist ja eine aufmunternde Botschaft, dass der Dialekt keineswegs „für d‘ Katz“ ist (für d‘ Katz = vergebens). Und im Thannhauser Tierheim gibt es, wie Bürgermeister Georg Schwarz anmerkte, noch einige Katzen zum Abholen.

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