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Burg

11.04.2015

Warum früher alles besser war

Kultfahrzeuge sind beim Stück „Früher was alles besser“ in Burg im Einsatz: Der wuchtige Pfarrer rollt in der BMW Isetta auf die Bühne.
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Kultfahrzeuge sind beim Stück „Früher was alles besser“ in Burg im Einsatz: Der wuchtige Pfarrer rollt in der BMW Isetta auf die Bühne.
Bild: Stefan Reinbold

Der Thannhauser Ortsteil Burg steht wieder ganz im Zeichen des Theaterfiebers.

In der schwarzen Soutane ist der Dorfpfarrer eine gewaltige Erscheinung. Gewichtig schwankend steht er mit erhobenem Zeigefinger vor zwei Buben, die er gerade dabei erwischt hat, wie sie über den Zaun hinweg eine leicht bekleidete Dame beim Sonnenbad beobachten. Nachdem sich die beiden Halbstarken geläutert entfernt haben, wirft der Pfarrer sicherheitshalber auch noch einen prüfenden Blick über den Zaun, nur um sich zu vergewissern, ob sich dahinter tatsächlich solch sündige Szenen abspielen. Eine lustige Geschichte aus einem mittelschwäbischen Dorf, mitten in den wilden 1960er-Jahren. So oder so ähnlich hätte sie sich tatsächlich zugetragen haben können. Doch die Geschichte stammt aus der Feder Bernhard Horns, eines der Regisseure des Burgstalltheaters in Burg. „Früher war alles besser“, nennt sich die neueste Produktion des Dorftheaters, die an diesem etwas kühlen Aprilabend geprobt wird.

Horn lässt in seiner Geschichte ein altes Ehepaar zurückschauen und greift verschiedene Episoden der Zeit zwischen 1945 und Anfang der 1980er-Jahre auf. Darunter Schmerzliches, wie die Verarbeitung der Kriegserlebnisse und ihre Auswirkungen auf die Dorfgesellschaft, aber auch immer wieder Erheiterndes.

So etwa als Hippies mit langen Haaren, bunten Klamotten und allerlei lustigen Kräutern im Gepäck in der verschlafenen Dorfidylle aufschlagen und für Verwirrung sorgen. Perfekt ist das Verwirrspiel, als die vermeintlich so liederlichen und gottlosen Streuner dem vorurteilsbeladenen Gemeinderat einen Koffer voller Geld hinterlassen. Horn spielt gekonnt mit dem nostalgischen Gefühl des Früher-war-alles-besser-Klischees. Dazu tragen auch die Auftritte alter Kultkarossen bei. So rollt der wuchtige Pfarrer mit der Knutschkugel BMW Isetta auf die Bühne. Ein nicht ganz so ehrenwerter Professer wird mit einem silberglänzenden BMW 508 V8 vorgefahren. Sogar einen alten, ziemlich laut röhrenden Opel Manta hat Horn aufgetrieben. Einen VW-Käfer haben die Schauspieler selbst zum krachbunten Hippiegefährt umlackiert.

Die Musik fiedelt zwar während der Proben nur aus einem schwachen Lautsprecher, für einen kurzen Gänsehautmoment sorgt sie trotzdem, als die Hippies zu dem Lied „If You’re going to San Francisco“ durch das große Tor die Bühne verlassen. Genau auf diese Emotionen setzt Horn. „Im Publikum sitzen sicher viele, die diese Zeit selber erlebt haben. Einige werden sagen „Genau so war’s“, hofft Horn. Für dieses Erlebnis haben die Burger keine Kosten und Mühen gescheut. Fast das gesamte Dorf bringt sich in die Theaterproduktion ein. Zimmerer haben für die Kulissen eine Kirche aufgebaut, die den Größenvergleich mit so mancher Kapelle nicht zu scheuen braucht. Über den Winter hindurch fertigten sie Kirchenbänke. Ein Maler hat die Fassaden der Häuserkulissen detailverliebt in Szene gesetzt. Der Schlosser kümmerte sich um die verschiedensten Tormechaniken. Ein Mammutprojekt, das mehr als 20000 Euro verschlingt und nur mit einer so gefestigten Dorfgemeinschaft, wie sie in Burg herrscht, zu meistern ist. Sponsoren unterstützen die Laienschauspieltruppe zusätzlich mit kleinen Finanzspritzen. Insgesamt 120 Schauspieler werden im Verlauf des Stücks über die Bühne ziehen. 59 Sprechrollen hat Horn vorgesehen. Gut ein halbes Jahr hat der gelernte Polsterer an seinem Werk geschrieben und getüftelt. Horn wirkt ruhig und gelassen. „Die Aufregung kommt erst kurz vor der Aufführung“, sagt er. Ein bisschen Stolz schwingt in seiner Stimme, als er die Kulissen zeigt.

Zur Seite steht ihm an diesem Probenabend als Co-Regisseur Anton Waldmann. Ein älterer Herr, der, den Gehstock lässig an den Stuhl gelehnt, etwas knurrig die Szenerie überblickt und zwischendurch Kommandos gibt oder einschreitet, wenn die Schauspieler zu übermütig werden. Noch hat auch die Souffleuse einen relativ anstrengenden Job und muss den Schauspielern noch häufiger auf die Sprünge helfen. Horn lässt das noch kalt. Bis zur Aufführung am 19. Juni ist noch viel Zeit. Am Rande tummeln sich Helfer und Zuschauer aus dem Dorf und unterhalten sich bei einem Feierabendbierchen über das Stück, vielleicht aber auch darüber, was früher einmal alles besser war.

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