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Thannhausen

20.03.2015

Was Google nicht weiß

Herr über historische Papierberger. Noch liegt viel Arbeit vor Bernhard Niethammer
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Herr über historische Papierberger. Noch liegt viel Arbeit vor Bernhard Niethammer
Bild: Markus Landherr

In Thannhausen arbeitet sich Bernhard Niethammer durch alte Handschriften. Was er dabei über Nachhaltigkeit und das Bauwesen erfährt.

„Okay Google“: Es reicht aus, diese beiden Wörter ins Smartphone zu sprechen, um in die Tiefen des Internets einzutauchen. So funktioniert Wissensbeschaffung heute, ob Wettervorhersage, die neuesten Steuergesetze oder auch nur das Rezept fürs Mittagessen. Ohne Internet scheint unser Leben heute kaum vorstellbar und in der Regel findet man auf Google auch das, was man sucht. Aber nicht immer. Trotz der schier unendlichen Datenmenge weiß das Internet noch lange nicht alles. Aufzeichnungen unsere Vorfahren sucht man vermutlich vergebens.

So wie beispielsweise die alten Amtsrechnungen der Thannhauser Obrigkeit. Die Aufzeichnung aus dem Jahr 1574 ist die wohl älteste erhaltene Akte des Thannhauser Stadtarchivs. Melchior Würckens, der damalige Vogt, hat darin die Steuerabgaben der Bevölkerung dokumentiert. Behutsam nimmt Bernhard Niethammer das Dokument aus dem Regal und legt es auf seinen Arbeitstisch im alten Thannhauser Forsthaus. Seit zwei Jahren kümmert er sich um die Neuverzeichnung und Sortierung des Archivs. Irgendwann soll es im Keller des neuen Rathauses seinen Platz finden.

Doch bis dahin ist noch einiges zu tun. Die Akten müssen gereinigt, begutachtet und für die Zukunft gesichert werden. Auf die Frage, warum es Sinn macht, eine Akte von 1574 aufzubewahren, hat Niethammer eine klare Antwort: „Zum einen ergibt sich die Verpflichtung dazu aus der bayerischen Gemeindeordnung und dem bayerischen Archivgesetz. Der Einblick in die historischen Dokumente ermöglicht zum anderen aber einen direkten und unverfälschten Zugang in die damalige Zeit.“ Wie sah beispielsweise der Lebensalltag der Menschen aus, welches Wirtschaftssystem gab es?

Dabei macht der Historiker interessante Entdeckungen: „Die heute so oft propagierte Nachhaltigkeit ist definitiv keine Erfindung unserer Zeit. Gerade im Bauwesen wurden früher sehr viele Materialien einfach wieder verwendet.“ Wurde ein altes Haus abgerissen, war es beispielsweise Pflicht, noch brauchbare Steine oder Balken für den Neubau zu verwenden. Oft wurde dies in die Kalkulation für den Neubau miteingerechnet.

Auch war es den Menschen damals wichtig, Kompetenzen und Knowhow der Menschen vor Ort zu nutzen. Dies stärkte zum einen die Identifikation der Bürger mit ihrem Ort und förderte auch die heimische Wirtschaft. Niethammer hat Aufzeichnungen und Konstruktionspläne für eine Feuerspritze gefunden. „Der damals amtierende Bürgermeister Ignaz Prestele wollte unbedingt, dass dieses Gerät von einem örtlichen Kupferschmid gefertigt wird, obwohl es auch auswärtige Firmen dafür gegeben hätte.“

Engstirnig und kleingeistig waren die Menschen deshalb aber auf keinen Fall. „Wenn etwas nicht vor Ort produziert werden konnte, bediente man sich auch der Fertigkeiten und Fähigkeiten anderer.“ So kam beispielsweise der heimische Baumeister Jakob Zepf bei der Planung des Kirchturmdachs nicht zum Zug. Sein Entwurf für ein neues Satteldach wurde verworfen. Stattdessen entschieden sich die Verantwortlichen für den Entwurf eines auswärtigen Architekten: Die bis heute charakteristische Pyramidenform.

Diese Art der Aufzeichnungen ist es, die Niethammer faszinieren. Für die Aufarbeitung benötigt er ein umfangreiches Wissen über die historischen Zusammenhänge. Nur so kann er beispielsweise Bedeutsames von Nutzlosem unterscheiden und die Dokumente dem richtigen Kontext zuordnen. Dazu kommen die damaligen Handschriften, in die man sich einarbeiten muss. In der Regel sind die Akten in deutscher Schrift verfasst. „Wenn man zehn Texte desselben Schreibers gelesen hat und meint, das Schriftbild verstanden zu haben, kann es durchaus sein, dass der elfte Text ein Rätsel bleibt und aufwendig Wort für Wort bearbeitet werden muss. Vielleicht hatte der Verfasser eine neue Feder benutzt oder einfach nur einen schlechten Tag.“ Seine Arbeit im Stadtarchiv empfindet er als äußerst wichtig: „Wir haben die Verpflichtung, die Historie auch für unsere Nachfahren zu bewahren und ihnen diese Informationen auch zugänglich zu machen. Die Aufgabe eines kommunalen Archivs ist es, alle geschichtlichen und relevanten Unterlagen eines Ortes zu sammeln, auszuwerten und zu archivieren.“ Nachforschungen im Archiv kann übrigens jeder anstellen, der ein berechtigtes Interesse daran hat, sei es im Rahmen der Ahnenforschung oder um die Geschichte eines Hauses nachvollziehen zu können.

Trotz der großen Aufgabe ist Bernhard Niethammer nicht auf sich alleingestellt. Hilfreich bei der Archivierung sind für ihn die Aufzeichnungen von Bürgermeister Prestele. Er hat mit großer Weitsicht Thannhausen vorangebracht und war sich gleichzeitig seiner Verantwortung um die Vergangenheit bewusst. Um 1866 legte er ein Registerbuch für den damaligen Aktenbestand an das heute die Basis für die Archivarbeit bildet. Natürlich handschriftlich und ohne PC. Okay Google?

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