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Ichenhausen

16.06.2018

Wenn der Körper unter Dauerschmerz steht

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Im Schmerzzentrum der Fachklinik Ichenhausen therapieren Oberarzt Thomas Fett (links) und Chefarzt Günter Baumgärtner einen Patienten mit chronischen Knieschmerzen. Auf den Röntgenbildern sind die Stellen zu sehen, an denen die Schmerznerven verödet wurden.
Bild: Bernhard Weizenegger

An der Fachklinik Ichenhausen wird Patienten mit akuten und vor allemchronischen Beschwerden geholfen. Welche Erfahrungen Betroffene gemacht haben.

Das Stechen im rechten Knie wollte einfach nicht aufhören. Der 55-Jährige, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, hatte sich extra unters Messer begeben und sich am Meniskus operieren lassen. Doch auch nach Operation und Reha und einem halben Jahr später war der Schmerz noch immer da. Seiner Arbeit in einem Tiefbauunternehmen kann er nicht mehr nachgehen, teilweise kann er sich nicht mal mehr alleine den Schuh anziehen. Bücken und Knien sind ein Ding der Unmöglichkeit geworden.

„Das ist doch keine Lebensqualität“, erzählt der Mann von seinem Leiden. Einem, das längst chronisch geworden ist, einem, mit dem viele Millionen Menschen in Deutschland zu kämpfen haben. Nicht immer wird die Ursache erkannt und nicht immer wird richtig behandelt. Der 55-Jährige tingelte von Physiotherapeut zu Orthopäde und zurück, nichts half. Seit kurzem wird er im Schmerzzentrum an der Fachklinik in Ichenhausen betreut. Und spürte dort zum ersten Mal nach vielen Monaten einen „Wow-Effekt“: Der Dauerschmerz wurde plötzlich erträglich. Neben einer sogenannten multimodalen Therapie, einer kombinierten Schmerz-Behandlung, kommt in Ichenhausen in einigen Fällen ein ganz besonderes Verfahren zum Einsatz.

Aber der Reihe nach. Der 55-Jährige landete im Frühjahr, nachdem sich nichts an seinen Knieproblemen geändert hatte, in der Fachklinik zu einer erneuten Reha. Schon die führte erstmals zu einer Verbesserung, noch mehr Linderung brachte jetzt eine Spritze. Eine Testspritze, wie es Thomas Fett, Oberarzt der Orthopädie nennt. Vier Milliliter örtliches Betäubungsmittel hat er an vier verschiedenen Punkten unter Röntgendurchleuchtung ins Knie infiltriert. Die Spritze wirkte. So gut, dass sich der Oberarzt entschied, ein paar Tage später eine Thermoablation durchzuführen. Dabei wird der Schmerznerv verödet, „der Schaden im Knie ist zwar noch immer da, aber der Schmerz wird nicht mehr wahrgenommen“, erklärt der Oberarzt. Der große Vorteil: Man vermeidet eine komplizierte Operation.

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Von einer Sekunde auf die andere konnte er sich wieder bücken

Bei Wirbelsäulenproblemen wird die Technik in Ichenhausen längst angewandt, am Knie spricht Fett von einem „sehr innovativen Verfahren“. In den USA sei es zwar verbreitet, in Deutschland wird es Fett zufolge bisher nur an einer Hamburger Klinik und seit einem halben Jahr in Ichenhausen eingesetzt. Etwa 50 Mal hat der Oberarzt seitdem Nerven im Knie verödet, wie lange der Patient daraufhin schmerzfrei bleibt, ist unterschiedlich. Es reicht von zwölf Monaten bis zu mehreren Jahren. Der 55-Jährige ist auf jeden Fall begeistert, fast von einer Sekunde auf die andere konnte er sich wieder bücken.

Er schöpft sogar Hoffnung, bald wieder in seinen Beruf einsteigen zu können. Nicht mehr so intensiv wie vorher, aber immerhin nach einem Jahr Arbeitsunfähigkeit endlich wieder arbeiten. „Daran war ja nicht mehr zu denken“, freut er sich. Wer jetzt glaubt, die Wunderheilmethode schlechthin für sein Leiden gefunden zu haben, wird enttäuscht. Günter Baumgärtner, seit 2008 Chefarzt in Ichenhausen, betont: „Diese Methode ist nicht für jeden Schmerz geeignet.“

Überhaupt gilt in der Schmerztherapie: „Eine Sache allein ist längst nicht alles.“ Es braucht das große Ganze. Will heißen, eine Therapie, die genauso vielschichtig ist wie es chronischer Schmerz sein kann. Als Grenze, wann Beschwerden nicht mehr als akut sondern chronisch gelten, nennt Baumgärtner sechs Monate. Hinzu kommen können dann Schlafstörungen, berufliche oder familiäre Probleme, schlimmstenfalls Depressionen. Chronisch kann alles werden, angefangen bei dauerhaftem Kopfweh, über Wirbelsäulenprobleme und Weichteil-Rheuma bis hin zur Bluterkrankheit.Was diese auslösen kann, ahnte auch die blonde Frau mit den pinken Turnschuhen nicht, die gerade im Behandlungszimmer bei Günter Baumgärtner und seinem Oberarzt sitzt.

Sie kämpft gleich mit mehreren gesundheitlichen Problemen

Wie sie heißt, möchte sie nicht verraten, nur, dass sie 36 war, als sie nach der gefühlten zehnten Knieoperation die Diagnose „Bluter“ bekam. Seitdem kämpft sie mit Knie-, Hüft- und Rückenproblemen und schlimmen Kopfschmerzattacken. „Mein Körper steht unter Dauerschmerz“, erzählt sie. Manche Ärzte hätten ihr einfach nicht geglaubt, alles für Einbildung gehalten. Sie hat ihren Job gewechselt, die Stundenzahl reduziert, doch auch das schafft sie körperlich nicht mehr. Jetzt ist sie mal wieder krankgeschrieben, wird stationär behandelt. Eigentlich müsste sie die Berufssparte komplett wechseln, was in ihrem Alter aber nicht mehr so leicht sei. Ihr größter Wunsch: „Den Schmerz leichter ertragen.“

Die multimodale Therapie in Ichenhausen soll ihr dabei helfen. Neben Medikamenten erhält sie eine umfassende physiotherapeutische und psychologische Betreuung. Auch ihr ständiges Kopfweh wird dabei intensiv behandelt. Das Wichtigste ist laut Chefarzt Baumgärtner: „Der Patient soll lernen, sich wieder zu belasten.“ Die Medizin geht davon aus, dass der Körper, wenn er an seine Grenze geht, Endorphine, also Glückshormone, ausschüttet. Das merkt sich der Körper, das Schmerzgedächtnis wird von positiven Erfahrungen überlagert. „Man muss den Patienten aus seinem Mauseloch herausholen, ihn nicht in Watte packen, aber auch nicht überfordern“, ergänzt Oberarzt Thomas Fett.

Hausärzte ordnen die Schmerzen oft falsch ein

Dass das Schmerzzentrum kaum Akutpatienten betreut, bedauert er. So manchem Patienten könnte in seinen Augen hier deutlich früher geholfen und viel Leid erspart werden. Hauptproblem sei, dass Hausärzte die Schmerzen oft falsch einordnen oder nicht erkennen, den Patienten von A nach B schickten und dadurch viel zu viel Zeit verstreiche und aus einem Akut- schnell ein chronischer Schmerz werde. „Wir bieten den Hausärzten an, dass wir eine Therapie mit Folgereha übernehmen, aber auf dieses Angebot wird nicht so oft eingegangen“, sagt der Oberarzt.

Vielleicht ja eher, wenn die Abteilung ab Herbst aufwendig umgebaut, renoviert und zur „Orthopädie 2.0“ wird, wie es Fett stolz umschreibt. Im ersten Quartal 2019 soll das hochmoderne und vergrößerte Schmerzzentrum an den Start gehen. Chefarzt Baumgärtner hofft, dass damit der Schritt heraus aus der „Reha-Ecke“ gelingt. „Wir wollen ein Schmerzzentrum für akute und chronische Schmerzen sein.“

Das ist das Schmerzzentrum

In der Schmerztherapie der Fachklinik Ichenhausen (Klinikgruppe Enzensberg) werden pro Jahr etwa 600 Patienten stationär behandelt. Es handelt sich um ein interdisziplinäres Schmerzzentrum mit dem Schwerpunkt orthopädischer Schmerzbilder, beispielsweise werden hier chronische Schmerzen an der Wirbelsäule oder am Bewegungsapparat therapiert.

Darüber hinaus werden Patienten betreut, die Phantomschmerzen nach einer Amputation oder neurologische Krankheiten haben. Durch die Zusammenarbeit mit der neurologischen Abteilung des Hauses werden laut Günter Baumgärtner, Chefarzt der Orthopädie, seit einem Jahr auch Patienten mit chronischen Kopfschmerzen intensiv behandelt.

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