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Medizinische Hilfsmittel

17.02.2015

Wenn der Mensch nicht an erster Stelle steht

Fachgespräch bei medipro (von links): Hermann und Sven Mayer, Dr. Georg Nüßlein, Björn Viets (Sanitätshaus Ursberg) und Joachim Feix (Sanitätshaus Feix Nördlingen).
Bild: Neuhäusler

Warum die wohnortnahe Versorgung von Patienten immer schwieriger wird. Nüßlein sucht Lösungen

Die Sorge um Patienten, die auf medizinische Hilfsmittel angewiesen sind, stand im Mittelpunkt des Fach-, man könnte auch sagen Krisengesprächs, zu dem Hermann Mayer, Gründer und stellvertretender Geschäftsführer des Sanitätshauses „medi-pro“ Krumbach und Kollegen den Bundestagsabgeordneten Dr. Georg Nüßlein eingeladen hatten. Aktueller Anlass ist, dass Krankenkassen immer mehr dazu übergehen, Hilfsmittel wie Rollatoren oder Rollstühle bundesweit auszuschreiben und diese dann vom billigsten Hersteller beziehen. Dabei entstehen große Nachteile für den Patienten, wie die Initiatoren des Gesprächs betonen.

Das Sozialgesetzbuch erlaubt schon seit 2007 zur Gewährleistung einer wirtschaftlichen Versorgung den Krankenkassen Hilfsmittel durch großräumige Ausschreibungen günstig einzukaufen, führte Mayer aus. Katastrophal sei es, dass der Zuschlag dabei fast zu 100 Prozent an den billigsten Anbieter gehe. Weitere Forderungen des Gesetzes wie Qualität der Hilfsmittel, notwendige Beratung der Versicherten, erforderliche Dienstleistungen sowie wohnortnahe Versorgung würden dabei außer Acht gelassen. Viele Krankenkassen hätten bisher, darunter auch die AOK Bayern, wegen negativer Erfahrungen von derartiger Ausschreibung Abstand genommen. Nachdem nun im vergangenen Jahr eine große Krankenkasse wie die DAK Rollatoren, Inkontinenzmaterial, Standard- und Leichtgewichtsrollstühle sowie Toilettenstühle durch Ausschreibung eingekauft habe, besteht nun die berechtigte Sorge, führte Mayer an, dass auch die anderen Krankenkassen diesem Vorbild im großen Stile folgen. Wenn dies der Fall wäre, beteuerte Mayer, würde dies das Aus für viele mittelständische Sanitätshäuser beziehungsweise wenigstens einen Stellenabbau bedeuten. Eindrucksvoll waren die Beispiele, mit denen Mayer die unheilvollen Folgen der Ausschreibungsmethode für Sanitätshäuser und Patienten anschaulich vor Augen führte.

Zum einen geraten natürlich das finanzielle Überleben der Sanitätshäuser und damit eine wohnortnahe Versorgung der Versicherten in Gefahr. In den letzten zehn Jahren, führte er an, habe es bei keinem einzigen Produkt eine effektive Preissteigerung gegeben, im Gegenteil, teilweise seien die Preise bei gleicher Leistung in diesem Zeitraum bis zu 50 Prozent gefallen. Von den Sanitätshäusern würde aber trotzdem ein sehr hoher Dienstleistungsgrad, dem man nur mit hohem Personalstand gerecht werden könne, erwartet und der auch, um nicht an Ansehen zu verlieren, bisher aufrechterhalten wurde. Mayer zählte eine ganze Reihe typischer Notfalleinsätze über die Weihnachtsfeiertage auf, die von seiner Firma erbracht wurden wie etwa Wechseln von Sonden und Kathetern und Gerätetausch bei technischen Geräten.

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Ein besonders eklatanter Nachteil entstehe für die Patienten, wenn Firmen den Zuschlag erhalten, die oft Hunderte von Kilometern entfernt sind. Da Hilfsmittel wie Inkontinenzwindeln, Rollstühle oder Rollatoren oft erst nach Wochen geliefert würden, sei der Patient, der auf diese schnell und dringend angewiesen ist, gezwungen, sich die Geräte auf eigene Kosten auf dem freien Markt zu besorgen, was natürlich zusätzlich Profit für die Krankenkassen bringe. Weiterhin wäre es ein Unding, dass bei diesen Ausschreitungen oft Preise herauskommen, die sich wirtschaftlich gar nie rechnen könnten. Wer glaubt denn, fragte Mayer, dass man einen Menschen zum Preis von ca. 13 Euro einen Monat lang mit Inkontinenzartikeln versorgen kann? Wenn sich dann noch herausstellt, dass zum Beispiel Windeln im Sanitätshaus weniger kosten, als die Zuzahlung zu den Rezeptgebühren, sehe man, wie das ganze System kranke. Es müsse unterbunden werden, forderte Mayer, dass die Krankenkassen immer mehr auf Zuzahlungen der Patienten setzen. Dies sollte nur noch für diejenigen zutreffen, die Luxusausführungen wünschen.

Dr. Nüßlein nannte es inakzeptabel, dass bei den Ausschreibungen der Preis und nicht der Mensch an erster Stelle stehe. Er, Mitglied des Gesundheits- und Umweltausschusses im Bundestag, versprach, sich mit der DAK in Verbindung zu setzen und im Gesundheitsministerium nach Lösungen zu suchen. Kriterien wie wohnortnahe Versorgung, kurze Lieferzeit, ausreichende Beratung müssten in der Ausschreibung Berücksichtigung finden. Wer den Zuschlag wolle, müsse eben dann Strukturen vor Ort schaffen.

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