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Interview

22.02.2018

„Wertschöpfung geht nicht ohne Wertschätzung“

Der Landtagsabgeordnete Alfred Sauter sieht die Kreiskliniken in Krumbach und Günzburg gut aufgestellt für die Zukunft. Der Freistaat hat in der Vergangenheit Millionenbeträge in die Häuser investiert. Mit dem neuen Koalitionsvertrag könnte sich die Situation für kleine Krankenhäuser auch wieder verbessern, so Sauter. 

Alfred Sauter über die Zukunft der Kreiskliniken und wie mehr Ärzte und Pflegekräfte aufs Land gelockt werden können.

Herr Sauter, Sie halten heute Abend einen Festvortrag anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Vereins der Förderer und Freunde der Klinik Krumbach. Die Überschrift lautet, „Regionales Krankenhaus – Heimatnahe Versorgung: Luxus oder Notwendigkeit?“ – zu welchem Ergebnis kommen Sie?

Alfred Sauter: Das Krankenhaus ist beliebt und gefragt wie nie zuvor. Allein die Geburtenrate stieg seit 2015 um 30 Prozent. Das ist schon ein Bekenntnis, wenn man weiß, dass die Frage, wo ein Kind geboren wird, in jungen Familien sehr engagiert diskutiert wird. Mehr als 9000 Patienten wurden 2017 im Krumbacher Krankenhaus behandelt, ein Anstieg um 7 Prozent seit 2015. Das zeigt, es ist von entscheidender struktureller Bedeutung, ob man ein Krankenhaus mit einer Behandlungsqualität auf hohem Niveau vor Ort hat. Auch bei der Frage der Lebensqualität stehen Gesundheit und die medizinische Versorgung vor Ort ganz weit oben auf der Liste. Abgesehen davon bietet das Krankenhaus auch Hunderte von Arbeitsplätzen in der Region.

Welche Investitionen sind nötig, um die beiden Krankenhäuser in Günzburg und Krumbach auch für die Zukunft fit zu machen?

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Sauter: Um den Standard zu halten, muss man laufend investieren. In den vergangenen zehn Jahren flossen vom Freistaat 17,4 Millionen Euro Fördergelder in das Klinikum Krumbach. Insgesamt beläuft sich die Summe der Gesamtinvestitionen auf 22,1 Millionen Euro. Die Modernisierung der Intensivstation und der Endoskopie wurde mit 4,1 Millionen Euro gefördert. Vor Kurzem wurde für Krumbach die Förderung von drei Operationssälen und einer neuen Sterilisationsabteilung mit einem Volumen von 6,4 Millionen Euro zugesagt. Insgesamt werden sich diese Gesamtinvestitionen auf rund 11,2 Millionen Euro belaufen.

Geht es bei den Investitionen allein ums Geld oder muss auch an anderen Stellschrauben gedreht werden?

Sauter: Ein langes Leben bei guter Gesundheit ist ein äußerst hohes Gut. Dafür muss man investieren und das kostet natürlich auch Geld, viel Geld. Darüber hinaus gilt es auch andere Weichen zu stellen. Die Krumbacher Klinik hat sich in den letzten Jahren klug aufgestellt, indem man sich neben der Pflicht zur Grundversorgung auch spezialisiert hat. In einigen Bereichen, etwa der Orthopädie, der Inneren Medizin oder Kardiologie, hat sich das Krankenhaus einen guten Ruf weit über die Region hinaus erworben. In Zeiten des Pflegenotstands und Ärztemangels ist eine entscheidende Stellschraube der Zukunft, dass die Kliniken im Landkreis attraktive Arbeitgeber bleiben. Den besten medizinischen Standard können wir auch künftig nur mit guter Belegschaft bieten. Dabei muss man bedenken, dass 70 Prozent der Studienabsolventen Medizinerinnen sind. Ein Klinikstandort muss jungen Ärztinnen und Ärzten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bieten. Sie wollen ihrer medizinischen Berufung nachgehen und Zeit für ihre Kinder haben, dem muss man Rechnung tragen. Da sehe ich die große Chance für unseren Landkreis. Wir haben hier attraktive Lebensbedingungen, insbesondere für Familien.

Laut dem neuen Koalitionsvertrag dürfen künftig auch Kommunen Medizinische Versorgungszentren, wie es etwa am Krumbacher Krankenhaus bereits besteht, einrichten. Ist das mit Blick auf den Fachärztemangel und fehlende Hausärzte eine zukunftsfähige Lösung?

Sauter: Über diese Medizinischen Versorgungszentren lassen sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Ihre Struktur ermöglicht es, dass sich die Ärzte wieder vor allem um die Patienten kümmern. Eine große Chance birgt auch die Uniklinik Augsburg. Sie bringt Lehrkrankenhäuser im Umkreis mit sich. Da wird auch ein stärkerer Austausch des Personals zwischen Augsburg und den Krankenhäusern in Günzburg und Krumbach stattfinden.

Bislang hat der Landkreis das Defizit der Kreiskliniken übernommen. Ist das eine zukunftsweisende Regelung, dass die heimatnahe Versorgung auch durch Steuermittel beglichen werden muss, bzw. wie ist das Defizit in den Griff zu bekommen?

Sauter: Wir haben hier ein Finanzproblem, für das die Kliniken nicht verantwortlich sind. Krumbach hat im vergangenen Jahr erstmals ein Defizit eingefahren. Das liegt in erster Linie daran, dass Steigerungen in den Tarifverträgen nicht mehr so aufgefangen werden konnten, wie bisher. Die Erstattung über den Bund hat zuletzt nicht mehr mit den Lohnsteigerungen mitgehalten. Ich bin froh, dass Georg Nüßlein in den Koalitionsverhandlungen in Berlin erreicht hat, dass die Tarifsteigerungen künftig vollumfänglich erstattet werden. Bedingung ist, dass die Erstattungen ausschließlich dem Personal zugutekommen.

Kritik wird auch immer wieder an dem System der Fallpauschalen laut. Die Kliniken werden nicht mehr für die Liegezeit eines Patienten bezahlt, sondern je nach Indikation gibt es Geld pro Fall. Das setzt Ärzte unter Druck, die sowohl die medizinische Notwendigkeit als auch die Wirtschaftlichkeit ihres Hauses im Blick behalten müssen. Wie unternehmerisch darf oder muss ein Krankenhaus arbeiten?

Sauter: Da müssen wir einen gesunden Mittelweg finden. Es gab früher zum Teil überlange Liegezeiten. Man muss sich aber immer die Frage stellen: Reicht die Fallpauschale für die Zeit, in der der Patient in der Klinik ist oder sein sollte? Es gibt sicher Bereiche, in denen die Fallpauschale vorteilhaft ist. Das kann aber in einem Krankenhaus der Grundversorgung nicht immer umgesetzt werden. Wir sind das vergangene Jahrzehnt ganz gut klar gekommen mit diesem System. Trotzdem muss man überlegen, wie Fallpauschalen angepasst werden können.

Wo sehen Sie Ansätze, wie künftig mehr Mediziner motiviert werden können, sich für kleine Häuser wie in Günzburg und Krumbach zu bewerben? Wie kriegen wir mehr Hausärzte aufs Land?

Sauter: Wir haben hier in der Region sehr attraktive Lebensbedingungen – das gilt es rüber zu bringen und auch in attraktive Arbeitsbedingungen umzumünzen. Familienfreundlichkeit und Teilzeitmodelle sind ein Teil davon, aber wir brauchen auch Arbeitsplätze mit Potenzial. Das bedeutet zum einen, Karrierechancen zu bieten. Zum anderen aber auch die Möglichkeit, dass ein Arzt sich fortbilden und im Krumbacher Krankenhaus spezialisieren kann. Und es geht um attraktive Niederlassungsmöglichkeiten. Das MVZ am Krumbacher Klinikum ist der Schritt in die richtige Richtung.

Der Personalmangel und die Arbeitsbedingungen im Bereich der Pflege sorgen für Unmut, nicht nur unter dem Pflegepersonal. Durch welche Maßnahmen soll dieser Missstand beseitigt werden?

Sauter: Wertschöpfung geht nicht ohne Wertschätzung. Das geht weit über den Geldbeutel hinaus. Das Pflegepersonal muss besser bezahlt werden. Da ist in den vergangenen Jahren eindeutig zu wenig geschehen.

Beim Gedenktag für die Opfer des NS-Euthanasieprogramms wurde verkündet, dass an der Uniklinik Augsburg möglicherweise ein Lehrstuhl für Behindertenmedizin eingerichtet wird. Wie konkret sind die Pläne dazu und welche Effekte erhoffen Sie sich daraus für die Krumbacher Klinik?

Sauter: Es scheint gut voranzugehen. Man muss das aber in aller Ruhe mit den universitären Gremien in Augsburg und dem Parlament sowie den zuständigen Ministerien in München angehen. Das darf kein Schnellschuss werden. Ich bin zuversichtlich, dass wir hier noch vor der Landtagswahl im Herbst zu einem guten Ergebnis kommen. Das wäre ein weiteres Alleinstellungsmerkmal für die Kliniken in Ursberg und Krumbach. Da steckt ja auch ein unglaubliches Forschungspotenzial drin. Wir werden das jetzt behutsam in die Landtagsgremien einbringen. Wichtig ist, dass an der Uniklinik in Augsburg zusätzliche Stellen dafür geschaffen werden. Da zeichnet sich eine vernünftige Entwicklung ab.

Wenn wir schon bei vernünftigen Entwicklungen sind. Beim Thema ärztlicher Bereitschaftsdienst stand zuletzt die Forderung des Kreistags im Raum, dass die Ärzte an der Krumbacher Klinik Fälle, die in diesen Bereich fallen würden, zu den Bedingungen niedergelassener Ärzte abrechnen können. Tut sich in dieser Beziehung schon was?

Sauter: Wichtig ist für uns, dass die Krumbacher Klinik nicht draufzahlt. Das darf auf keinen Fall über die Notfallmedizin abgerechnet werden, weil das Entgelt hier bei Weitem nicht kostendeckend ist. Wir versuchen mit der KVB in eine engagierte Diskussion zu treten, haben aber bislang noch nicht die Zahlen, die wir brauchen, um alles nachrechnen zu können. Da mangelt es bisher an der Transparenz.

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