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Landkreis Günzburg/Neu-Ulm

24.01.2021

Wie sich das Handwerk in der Region auf die Corona-Krise eingestellt hat

Das Interesse der Jugend an einem Handwerksberuf lässt gegenwärtig nach, aber auch die Zahl der ausbildungswilligen Betriebe geht zurück. Die Kreishandwerkerschaft Günzburg/Neu-Ulm sieht den Grund dafür in einer Verunsicherung, verursacht durch die Corona-Pandemie. Unser Bild zeigt die Auszubildenden Moritz Kopp (kniend) und Tizian Mayer (links) mit Bernhard Graf, Obermeister der Sanitärinnung Günzburg-Krumbach und Chef des gleichnamigen Handwerksbetriebs in Niederraunau.
Bild: Hans Bosc

Plus Warum einzelne Handwerksbereiche in den Kreisen Günzburg und Neu-Ulm Sorgen haben und andere trotz Pandemie gut leben. Immer wieder gibt es Nachwuchssorgen.

„Für das Handwerk in den Landkreisen Günzburg/Neu-Ulm war 2020 ein verrücktes Jahr mit noch nie da gewesenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten.“ Der Grund dafür liegt für Kreishandwerksmeister Michael Stoll und Ulrike Ufken, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft in Weißenhorn, in erster Linie in der Corona-Pandemie, wenngleich eine gewisse Abschwächung in den metallverarbeitenden Unternehmen und hier besonders bei den Automobilzulieferern schon vorher festzustellen gewesen sei. Als Ursache dafür sehen sie den Dieselskandal und die Umstellung auf die E-Mobilität.

Die Kreishandwerkerschaft Günzburg/Neu-Ulm zieht Bilanz

Mit Beginn der Corona-Krise im März seien dann zusätzlich neue Gewerke wirtschaftlich getroffen worden und hier im besonderen das Friseurhandwerk und die Maßschneider, die ihre Geschäfte spontan komplett für Wochen schließen mussten. Die im Anschluss an die Wiedereröffnung von der Regierung verfügten Hygiene- und Sicherheitsvorschriften brachten und bringen durch die erneute Schließung noch heute erhebliche Probleme für die Friseure. Ulrike Ufken: „Teilweise durften nur noch 50 Prozent der vorhandenen Arbeitsplätze genutzt werden.“ Ebenso sei das Angebot auf Ausbildungsstellen auf Null gesunken, weil es den Friseuren nur erlaubt war, dass eine Person sich um die Kunden kümmert und die Lehrlinge nicht einmal Zuarbeiten oder Handreichungen wahrnehmen durften. Und was noch mehr wiegt: „Dies wird sicher langfristig Auswirkungen auf diesen Beruf nach sich ziehen.“

Zu kämpfen haben inzwischen auch die Bäcker, Metzger und Gastwirte, bei denen die Geschäftsführerin einen Umsatzrückgang zwischen 30 und 50 Prozent errechnet hat. Der Grund: ausbleibende Veranstaltungen, kein Catering und geschlossene Cafés. Etwas besser sei es den Bau- und Ausbaugewerken gegangen. Sie arbeiteten zumeist ihre aus dem Vorjahr stammenden „guten Auftragspolster“ ab, wenngleich, so Kreishandwerksmeister Stoll: „Auch die dicksten Polster werden dünner, wenn es nicht ausreichend Folgeaufträge gibt.“ Momentan zeige sich, dass sich die Auftragslage am Bau „zunehmend eintrübt“ weil aus der Wirtschaft und der öffentlichen Hand die Aufträge ausbleiben, was wiederum den dringend benötigten Bau von Wohnungen verzögere. Das Fazit für den Handwerkssprecher: „Das Bauhandwerk blickt sorgenvoll auf das Jahr 2021. Während der bisherigen Coronakrise war der Baubereich eine wichtige stabilisierende Konjunkturstütze. Mein Appell richtet sich an die öffentliche Hand, die weiter Aufträge vergeben sollte.“

Das Zimmererhandwerk in Neu-Ulm und Günzburg blüht auf

Positive Meldungen präsentiert beim Handwerk in der Region dagegen das Zimmererhandwerk. Deshalb auch sei, aufgrund der vielseitigen Anwendungen, dieser Beruf als Grundlagenausbildung sehr gefragt und stehe bei vielen jungen Menschen hoch im Kurs. Ähnliches gilt für das Sanitär- und Elektrogewerk, das sich nach Meinung Stolls das ganze Jahr über auf einem guten bis sehr guten Niveau halten konnte.

Kreishandwerksmeister Michael Stoll und die Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Weißenhorn Ulrike Ufken.
Bild: Hans Bosch

Neben der wirtschaftlichen Situation bereitet dem Handwerk in den beiden Landkreisen die Aus- und Weiterbildung von Nachwuchskräften große Sorgen. Die Kreishandwerkerschaft meldet für 2020 einen hohen Rückgang, verursacht durch zwei Gründe: Einmal nimmt die Zahl der Betriebe, die Ausbildungsstellen anbieten, ab. Aber auch die Zahl der interessierten Jugendlichen an einer Ausbildung im Handwerk verzeichnet einen erheblichen Rückgang. Für die beiden Handwerksrepräsentanten sind viele Schulabgänger verunsichert und besuchen zunächst einmal lieber eine weiterführende Unterrichtsstätte. Verstärkt werde diese Einstellung durch den Wegfall fast aller überbetrieblichen Ausbildungsverträge, da die Praktika in den Firmen nicht stattfinden und die jungen Menschen wegen abgesagter Messen und Seminare sich nicht informieren konnten. Langfristig befürchten die beiden in einzelnen Gewerken Auswirkungen für den Berufsschulstandort Günzburg und kommen zu dem Ergebnis: „Hier müssen wir dranbleiben und gemeinsam mit der Schulleitung Lösungen für die Zukunft finden.“

Die Corona-Pandemie setzt auch Handwerksbetrieben zu

Kritisch äußern sich Stoll und Ufken auch über die wegen der Pandemie von der Regierung festgelegten Unterstützungsmaßnahmen für die Wirtschaft. Im Klartext: „Leider kommt hiervon wenig in den Handwerksbetrieben an. Der bürokratische und komplizierte Aufwand einerseits und die hohen Anforderungen andererseits stellen zu hohe Hürden dar, sodass in vielen Betrieben die Finanzreserven aufgebraucht sind und sich eindeutige Liquiditätsprobleme abzeichnen. Das werden wir in den kommenden Monaten massiv zu spüren bekommen.“ Die Maßnahmen der Politik beinhalten zwar gute Ansätze. Leider seien sie aber für viele Handwerksbetriebe nicht nutzbar und wenn, dann „hakt es gewaltig bei den Auszahlungen und Unterstützungen“.

Gezeigt habe sich dies im Besonderen bei der Reduzierung der Mehrwertsteuer und deren Rückumstellung zur Jahreswende. Für Stoll und Ufken heißt dies: „Aus unserer Sicht hat dies der Wirtschaft und speziell dem Handwerk nichts gebracht.“ Und doch kommen beide nach dem Gespräch mit der Redaktion zu einem versöhnlichen Abschluss: „Wir sind froh, dass die meisten Handwerksbetriebe kleinere Probleme in der Kita- und Schulbetreuung im ersten Lockdown und bis heute mit den Schul- und Landratsämtern im direkten Gespräch klären konnten und auch auf kommunaler Ebene eine große Hilfsbereitschaft erfahren haben.“

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