Energie in Ursberg: TU München entwickelt nachhaltige Versorgung aus Abfall
Ursberg
Was bisher Abfall ist, könnte in Ursberg künftig Energie liefern
Ein Forschungsprojekt der TU München beschäftigt sich mit der Versorgungssicherheit der Zukunft. Schon jetzt versorgt sich die Sozialeinrichtung weitgehend selbst.
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Das Ursberger Energiezentrum (rechts im Bild) versorgt die Gebäude des Dominikus-Ringeisen-Werks und der St. Josefskongregation mit Wärme und Strom. Ein Forschungsprojekt der TU München beschäftigt sich jetzt mit der Energieversorgung der Zukunft.Foto: Oliver Franke/DRW Ursberg
Der großflächige Stromausfall über mehrere Tage in Berlin hat gezeigt, wie schnell selbst moderne Infrastrukturen an ihre Grenzen kommen können. Nicht nur, wenn Pflege-, Gesundheits- und Sozialeinrichtungen davon betroffen sind, kann es um Leben und Tod gehen: medizinische Geräte, Versorgungssysteme, Kommunikation und Sicherheit hängen unmittelbar von einer stabilen Energieversorgung ab. Versorgungssicherheit ist deshalb essenziell. Genau an diesem Punkt setzt ein Forschungsprojekt der Technischen Universität München in Ursberg an – mit dem Ziel, Energie unabhängig, krisenfest und nachhaltig direkt dort zu erzeugen, wo sie gebraucht wird. In einer Pressemitteilung hat das Dominikus-Ringeisen-Werk jetzt die Details des Projekts vorgestellt.
Rund 1000 Menschen mit Behinderung leben im Dominikus-Ringeisen-Werk in Ursberg. Täglich kommen mehrere tausend Menschen zur Arbeit oder zur Schule. Wie kann für diesen Ort eine sichere, bezahlbare und klimafreundliche Energieversorgung in Zukunft aussehen? Dieser Frage gehen künftig die Technische Universität München (TUM) und das Dominikus-Ringeisen-Werk (DRW) mit dem Forschungsprojekt „TUM goes DRW“ gemeinsam nach. Am Hauptsitz der sozialen Einrichtung in Ursberg entsteht ein sogenanntes Reallabor für zirkuläre Bioökonomie, also Forschung unter realen Alltagsbedingungen. Anders als im klassischen Labor werden die Technologien direkt dort untersucht, wo Energie täglich gebraucht wird.
In Ursberg können aus Abfällen Energie, Strom und sogar Wasserstoff gewonnen werden
Was kompliziert klingt, folgt einem einfachen Prinzip: Was bisher als Abfall galt, wird zur Energiequelle. Bioabfälle, Gülle oder Speisereste sollen künftig vor Ort so aufbereitet werden, dass daraus Strom, Wärme, nutzbare Gase und sogar Wasserstoff entstehen. Dieser Wasserstoff kann Erdgas ersetzen. Batteriespeicher sorgen dafür, dass die Energie auch dann verfügbar ist, wenn sie gerade nicht produziert wird.
Thomas Roth, Leiter des Zentralbereichs Energie und Technik im Dominikus-Ringeisen-Werk, an einem der vier Blockheizkraftwerke, die derzeit mit Erdgas betrieben werden.Foto: DRW Ursberg
Das Ziel ist klar definiert: „Wir möchten die Versorgungssicherheit steigern. Der großflächige Stromausfall in Berlin hat eindrücklich gezeigt, wie verletzlich unsere Infrastruktur ist“, sagt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Dominikus-Ringeisen-Werks, Michael Winter. Dabei geht es zum einen um Menschen mit Unterstützungsbedarf, die im DRW leben. „Wir denken aber explizit auch an die umliegenden Orte und Gemeinden und stellen uns die Frage, ob und wie man diese an der künftigen Energieversorgung beteiligen kann“, so Winter weiter. „Zudem könnten die Forschungsergebnisse modellhaft auf andere Kommunen, Betriebe oder Einrichtungen übertragen werden.“ Michael Winter sieht auch positive Nebeneffekte. Emissionen aus der Verbrennung von fossilen Energieträgern können ebenso wie laufende Kosten reduziert und kalkulierbarer werden.
In Ursberg entstehen derzeit mehrere Photovoltaik-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 1500 Kilowatt-Peak (kWp). Die dadurch erzeugte Leistung deckt an sonnenstarken Tagen den kompletten Strombedarf im Dominikus-Ringeisen-Werk.Foto: DRW Ursberg
Für die Region soll das Projekt nach Angaben des DRW einen mehrfachen Nutzen haben: Die Wertschöpfung bleibt vor Ort, anstatt über hohe Energierechnungen abzuwandern. Die Region wird technologisch sichtbar und für Fachkräfte, Partner und Investoren attraktiv. „TUM goes DRW“ ist den Projektpartnern zufolge das erste und derzeit einzige Reallabor im Bereich Energie und Kreislaufwirtschaft in Deutschland. Deshalb unterstützt das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) den Aufbau als ersten Baustein eines größeren Transformationsvorhabens. Die begleitende wissenschaftliche Arbeit der TUM stellt sicher, dass die Ergebnisse belastbar sind und im weiteren Prozess skalierbar werden.
DRW baut auf dem Viehweidhof Pfaffenhausen ein Nahwärmenetz auf
„Das DRW steht als größter sozialer Träger in der Region täglich in der Verantwortung für zahlreiche Menschen mit Unterstützungsbedarf. Die Energie- und Rohstoffversorgung ist deshalb keine abstrakte Industriefrage, sondern Teil der Daseinsvorsorge“, sagt Michael Winter. Aus diesen Erwägungen heraus baut das Dominikus-Ringeisen-Werk derzeit gemeinsam mit dem Viehweidhof, einem großen landwirtschaftlichen Betrieb in Pfaffenhausen, ein Nahwärmenetz auf, das neben den Liegenschaften des DRW auch zahlreiche private und gemeindliche Gebäude mit nachhaltig erzeugter Energie versorgt.
Erste Heizprobe am 17. Oktober 1956 im Ursberger Heizkraftwerk durch Sr. M. Sr. Augusta Traublinger CSJ.Foto: Archiv St. Josefskongregation
Als die Sozialeinrichtung 1884 vom katholischen Priester Dominikus Ringeisen gegründet wurde, war nachhaltiges Wirtschaften ein gesellschaftliches Grundprinzip. Energie war spärlich vorhanden und wurde deshalb sparsam eingesetzt. Ringeisen versuchte, möglichst viel vor Ort zu produzieren. Schon mehr als 100 Jahre setzt das DRW auf eigene Energieerzeugung: von Wasserkraft über ein Nahwärmenetz bis hin zu Blockheizkraftwerken, Hackschnitzel- und Photovoltaikanlagen. Diese gewachsenen Strukturen werden nun mit moderner Forschung weiterentwickelt. (AZ)
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