Ein Sonntagnachmittag auf dem Donauradweg: Familien mit Kindern im Anhänger, Seniorenpaare auf Pedelecs, Gravelbiker mit knalligen Helmen auf dem Kopf. Radfahren boomt. Dazu hat auch das E-Bike beigetragen, indem es Strecken für alle Altersklassen möglich macht, die früher dem Auto vorbehalten schienen. So werden im Landkreis Günzburg laut der bundesweiten Studie „Mobilität in Deutschland“ rund zehn Prozent aller Wege mit dem Fahrrad zurückgelegt, Tendenz steigend. Und während immer mehr Räder auf die Straßen drängen, hinkt die Infrastruktur in vielen Teilen des ländlichen Bayerns hinterher, bemängelt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Bayern: schmale Bankette statt Radwege, unübersichtliche Kreuzungen, Staatsstraßen ohne Schutzstreifen. Doch wie sieht es bei uns in der Region aus? Wie fahrradfreundlich ist der Landkreis Günzburg wirklich?
Vergangenes Jahr gab es 157 Fahrradunfälle im Landkreis Günzburg
Nachgefragt bei Oberkommissar Alexander Heubuch, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. „Grundsätzlich sind uns keine auffällig gefährlichen Stellen für Radfahrerinnen und Radfahrer in der Region bekannt“, sagt der Polizist. 157 Fahrradunfälle zählte das Präsidium im Landkreis Günzburg im Jahr 2025, 55 davon mit Pedelecs, 26 mit schwerem Ausgang. Kein Todesfall, und es seien insgesamt weniger Unfälle als in den Vorjahren gewesen. Auch, wenn der tiefste Wert von 2021 unerreicht bleibt. „In dem Jahr gab es einfach sehr wenige. Wieso, das kann ich aus den reinen Zahlen nicht herauslesen. Ich kann nur vermuten, dass es an stark zurückgegangenem Verkehr am Anfang der Coronazeit gelegen haben könnte.“
Bundesweit ist die Anzahl der tödlichen Stürze im vergangenen Jahr jedoch gestiegen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes kamen 2025 mehr als 460 Radfahrerinnen und Radfahrer bei Unfällen ums Leben – knapp vier Prozent mehr als im Vorjahr. Fast jedes zweite Unfallopfer war mit einem E-Bike unterwegs. Auch im Landkreis Günzburg starb Mitte April ein 65-jähriger Mann bei einem Zusammenstoß mit einem Auto auf der Kreisstraße GZ 4 zwischen Kötz und Bubesheim. Die Staatsanwaltschaft Memmingen hat einen Gutachter mit der Unfallrekonstruktion beauftragt, die Ergebnisse stehen noch aus. Die Stelle ist jedoch in der Radlerszene bekannt, wie mehrere Radfahrerinnen und Radfahrer der Redaktion berichten: Auf einem kurzen Abschnitt endet der begleitende Radweg, die Radfahrerinnen und Radfahrer müssen auf die Kreisstraße ausweichen.
Der Landkreis ist durchaus bemüht, jene Lücken in der Fahrradinfrastruktur zu schließen. Im Landratsamt ist dafür unter anderem der Mobilitätsmanager Sven Wandel zuständig, der sich im Rahmen des Alltagsradverkehrskonzepts und des Nahverkehrsplans engagiert. Der 29-Jährige arbeitet seit Januar 2024 in der Region und ist selbst passionierter Radfahrer. Entsprechend kennt er die Stärken des Landkreises: Rund 700 Kilometer touristische Radwege stehen zur Verfügung, darunter mehrere ausgezeichnete Routen wie der Donau-Täler-Radweg. „Im Vergleich zu ähnlich ländlich geprägten Landkreisen in Bayern ist Günzburg gut ausgestattet“, sagt Wandel. Allerdings seien nicht alle touristisch erschlossenen Wege für den Alltagsverkehr geeignet. „Ein Schotterweg am Wasser ist bei Sonnenschein zwar reizvoll, aber nicht unbedingt ideal für den täglichen Arbeitsweg bei jedem Wetter.“
Damit auch jene Strecken ausgebaut werden, die morgens im Berufsverkehr stark frequentiert sind, soll das geplante Alltagsradverkehrskonzept sorgen. Dieses muss der Landkreis im Zuge seiner Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen in Bayern (AGFK Bayern) erarbeiten. Ziel ist es, das Konzept bis zum Herbst kommenden Jahres fertigzustellen, so Wandel. Zuvor steht noch die sogenannte Hauptbefahrung mit Expertinnen und Experten der AGFK an, die als Grundlage für die Zertifizierung dient. Was dafür noch erforderlich ist? „Wichtige Faktoren für den Alltagsradverkehr sind unter anderem asphaltierte Hauptverbindungen und sichere Übergänge in den Mischverkehr“, erklärt der Mobilitätsmanager.
Dass das Konzept nun doch in Angriff genommen wird, war nicht von vornherein sicher. Im vergangenen Jahr hatte der Kreistag die dafür vorgesehenen Mittel in Höhe von rund 150.000 Euro zunächst gestrichen und dies mit der angespannten Haushaltslage begründet. Zwar beschloss der Kreisausschuss in seiner Juli-Sitzung einstimmig, die AGFK-Mitgliedschaft beizubehalten, das notwendige Alltagsradverkehrskonzept sollte jedoch zunächst nicht fristgerecht umgesetzt werden. Inzwischen scheint sich die finanzielle Lage etwas entspannt zu haben, immerhin steht das Jahr 2027 für das Konzept wieder.
ADFC lobt Verbesserungen bei der Fahrradsicherheit im Landkreis Günzburg
Für ADFC-Sprecher Ulrich Abmayr war die Entscheidung des Kreistags ohnehin schwer nachvollziehbar: „Zuerst beantragt er die Mitgliedschaft, dann lehnen sie die dafür notwendige Grundlage ab.“ Der 62-Jährige ist seit rund 25 Jahren im Fahrrad-Club aktiv und demnach ein Mann, der die Fahrradwege hier gut kennt. Sein Urteil über den Status quo ist gespalten: „Außerorts sieht es gut aus, innerorts sieht es schlecht aus.“ Denn dort, wo Tempo 50 gilt, Lieferwagen rangieren und Schulkinder unterwegs sind, fahren Radlerinnen und Radfahrer oftmals auf Fahrbahnen, die nicht für sie, sondern für Autos gebaut wurden.
Und dennoch steht der Landkreis Günzburg laut den drei Experten nicht schlecht da. Gerade in den vergangenen zwei Jahrzehnten habe sich in der Region in puncto Fahrradsicherheit viel getan, sagt Abmayr. „Radverkehr wird hier definitiv ernst genommen.“ Ein Grund dafür sei recht pragmatisch: In den Gemeinde- und Stadträten sowie im Kreistag würden mittlerweile mehr Entscheidungsträgerinnen und -träger sitzen, die in ihrer Freizeit auch gerne mal den Fahrradsattel unter sich haben, als es noch vor 20 Jahren der Fall war. „Und das liegt sicher auch an den E-Bikes, weil dadurch viel mehr Menschen auf zwei Rädern unterwegs sind. Aber in diesem Falle kommt das eben allen Radfahrerinnen und Radfahrern zugute, also auch dem jüngeren Publikum.“
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