„Schwesterherz! Frauen retten Bayern“ ist der Titel der Bayerischen Landesausstellung, die 2027 in Ursberg stattfinden wird. Darin rücken Frauen in den Fokus, die in den letzten zweihundert Jahren mit ihren Entscheidungen und ihrem Handeln die Welt ein Stück weit besser machten. 1943 waren es Generaloberin Schwester M. Ernesta Weser CSJ und ihre Mitschwestern der Ursberger St. Josefskongregation, die in Zeiten großer Gefahr 100 geistig und körperlich behinderte junge Menschen von Haus Hall, einer zur Caritas gehörenden bischöflichen Stiftung im Münsterland in Nordrhein-Westfalen, bei sich aufnahmen.
Die Aktion T4, die staatlich organisierten Krankenmorde im Nationalsozialismus, war offiziell bereits seit 1941 beendet. Dennoch ging das Morden von Menschen mit Behinderungen oder psychischen Beeinträchtigungen bis zum Ende des Krieges 1945 verdeckt und dezentral weiter. So war auch die Sorge in den damaligen Pflegeeinrichtungen durchaus berechtigt, wenn eine Forderung an sie erging, ihre Schutzbefohlenen in anderweitige Aufnahmeorte zu übersiedeln. Es war stets zu befürchten, dass der Abtransport eine Fahrt in eine der eigens eingerichteten nationalsozialistischen Tötungsanstalten war.
Diese Gefahr hatten auch die Clemensschwestern, ein katholischer Frauenorden im Bistum Münster, im Blick, als das von ihnen betriebene Haus Hall in Gescher im Juni 1943 vom Reichsinnenministerium aufgefordert wurde, 100 ihrer geistig und körperlich behinderten „Pfleglinge“ ins 600 Kilometer entfernte Ursberg zu verbringen, um in Gescher Platz für ein Lazarett und ein Entbindungsheim zu schaffen.
Schwestern der Sankt Josefskongregation kämpfen mit Bettenmangel
Fast zeitgleich, am 19. Juni 1943, erhielten die Schwestern der Sankt Josefskongregation in Ursberg eine telefonische Anordnung vom Reichsinnenministerium München, 100 „Pfleglinge“ aus Gescher in Nordrhein-Westfalen aufzunehmen. Im Austausch mit dem Reichsinnenministerium und Haus Hall informierte Generaloberin Schwester M. Ernesta über die aktuell angespannte Personalsituation und den Mangel an Betten: „…diese mussten wir an die vier von uns betreuten Lazarette geben. Deshalb können für die Gäste aus Westfalen lediglich Strohsäcke zur Verfügung gestellt werden.“
Die Antwort von Caritasdirektor Monsignore Dr. Holling könnte nicht bezeichnender sein für die damaligen Umstände. In einem Brief an Generaloberin Schwester M. Ernesta schreibt er: „Es kommt nicht darauf an, dass es in jeder Weise erstklassige Plätze sind. Es schadet nichts, wenn die Kinder enger zusammenrücken müssen. Das wird sich auch bei gesunden Menschen, die jetzt zu Hunderttausenden evakuiert werden, nicht vermeiden lassen. Mir liegt daran, dass diese Kinder in ein katholisches Heim kommen. Die Gründe werden sie verstehen, auch wenn ich nicht näher darauf eingehe.“
Lediglich auf diese Weise angedeutet, gab Holling zu verstehen, dass viele deutsche Bischöfe den Nationalsozialisten im Hinblick auf deren Tötungsprogramme zutiefst misstrauten und man daher nicht sicher sein konnte, dass die Betroffenen anderenorts tatsächlich in Sicherheit untergebracht waren. Auch Clemens von Galen, Bischof von Münster und bekannt für seine Predigten gegen die Tötung „unwerten Lebens“ in der Münsteraner Lambertikirche, traute der Zwangsverschickung nicht.
Verwechslung verzögert Ankunft in Thannhausen
Zwei Tage lang ließ er den Zug, der für die Verschickung bestimmt war, nicht abfahren, bevor ihm persönlich das Reiseziel bestätigt wurde. Auch so war die 600 Kilometer lange Fahrt mit 100 geistig und körperlich beeinträchtigten Menschen und nur neun Pflegepersonen bei brütender Sommerhitze und einer anvisierten Fahrzeit von 32 Stunden nicht ohne Risiko.
Telegramme gingen hin und her. Am 28. Juli die Nachricht, dass der Transport verschoben werde. Am 29. Juli, dass der Zug losgefahren sei und am 30. Juli in Thannhausen eintreffen solle. Doch die Ursberger Schwestern warteten vergebens am Bahnhof. Kein Zug traf ein. Nach Stunden des bangen Wartens kam schließlich am Folgetag die Nachricht, dass der Zug im schwäbischen Thannhausen angekommen sei. Er war fälschlicherweise nach Thannhausen in der Oberpfalz geleitet worden und letztlich 52 Stunden unterwegs, bevor er am richtigen Zielort eintraf.
In nachfolgenden Briefen an Caritasdirektor Monsignore Dr. Holling brachte Generaloberin Schwester M. Ernesta ihre Erleichterung zum Ausdruck: „Heute Vormittag sind nun die Pfleglinge aus Gescher sehr matt und nach Irrfahrten angekommen … die Schwestern und Pflegebefohlenen haben viel, viel in dieser langen Reise durchgemacht. … Unsere Schwestern waren ergriffen, als sie die ,Kinder‘ – so nennen wir alle unsere alten und jungen Schützlinge – sahen, die genauso hilfsbedürftig sind wie jene, die wir 1940 und 1941 hergeben mussten.“
Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehrere hundert Menschen von den Nationalsozialisten aus den Ursberger verschleppt und ermordet worden. Eine Verschärfung bei der Meldepflicht der Patienten führte auch deswegen zur erneuten Beunruhigung, wie Generaloberin Schwester M. Ernesta in einem Brief an Caritasdirektor Monsignore Dr. Holling schrieb: „…sie werden verstehen, wie uns diese Sache bewegt und mit Sorge erfüllt.“ Einem Antwortschreiben von Monsignore Dr. Holling war zwar zu entnehmen, dass er die Gefahr einer weiteren Deportation zwar aktuell für gering einschätzte, er jedoch über alle weiteren anstehenden „Untersuchungen“ unterrichtet zu werden bat.
Was die Schwesterngemeinschaft der Sankt Josefskongregation in den folgenden Jahren leistete, war weit mehr als bloße Fürsorge unter erschwerten Bedingungen. Trotz Lebensmittelknappheit, fehlender Arbeitskräfte und der ständigen Bedrohung durch das Naziregime schufen die Schwestern einen Ort der Sicherheit und Würde. Aus einem regen Briefwechsel mit dem Haus Hall in Gescher, der nicht nur die Kostenrechnungen und Formalitäten regelte, geht auch hervor, wie für die aufgenommenen Schützlinge sinnstiftende Arbeiten und damit eine Sicherheit gebende Tagesstruktur gefunden wurde.
Ursberg bewahrt Pflegebefohlene bis 1945 vor Deportation
Wolfgang Tyrychter, Leiter des DRW-Vorstandsresorts Teilhabe und Assistenz, hat die archivierten Unterlagen gesichtet. Daraus geht hervor, dass bis zum Kriegsende im Mai 1945 alle Pflegebefohlenen aus Gescher vor einer weiteren Deportation bewahrt werden konnten. „Manche blieben dauerhaft in Ursberg wohnen, andere kamen in die Ursberger Filiale nach Maria Bildhausen und wieder andere zog es zurück nach Haus Hall. Als am 8. September 1949 die letzten Gäste aus Gescher in die nun wieder sichere Heimat zurückgebracht werden konnten, endete zwar die Zeit der Inobhutnahme, nicht jedoch die tiefe Verbundenheit einer gemeinsam erlebten, gefahrvollen Zeit zwischen Haus Hall und den Schwestern der Ursberger Sankt Josefskongregation“, so Tyrychter.
Die Generaloberin der St. Josefskongregation, Schwester M. Katharina Wildenauer, sagt dazu: „Wenn wir heute auf diese dunklen Jahre zurückblicken, die unser Land während der Zeit des Nationalsozialismus erschütterten, dann tun wir es mit Schmerz. In dieser Zeit der Bedrohung wuchs zwischen unseren Einrichtungen eine stille, aber starke Gemeinschaft, und es war ein Trost zu wissen, dass wir nicht alleinstanden. Das Gedenken heute soll uns mahnen, weiterhin wachsam zu bleiben und unsere Menschlichkeit zu bewahren.“ (AZ)
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