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Albumkritik
05.08.2021

Billie Eilish ist glücklich und traurig zugleich auf ihrem neuen Album

Ein Wandgemälde in Dublin, das die US-Sängerin Billie Eilish in der Optik ihrer neuen Platte «Happier Than Ever» zeigt, gemalt von der Künstlerin Emmalene Blake.
Foto: Niall Carson, dpa

In "Happier Than Ever" transportiert die Singer-Songwriterin viel Melancholie. Das dürfte nach dem Geschmack ihrer Fans sein.

Billie Eilish sprengt eine alte Hülle auf. Auf 16 Songs nimmt sie sich auf dem neuen Album dafür Platz, in „Happier Than Ever“ aber gelingt es ihr. Im Song, der den selben Namen trägt wie das neue Album, singt sie beinahe flüsternd zu einer leisen Gitarre. Nach etwas mehr als der Hälfte wird das Tempo schneller, ihre Stimme stärker: ein musikalischer Befreiungsschlag. So wirkt das. Im Video schreit sie im Regen singend alles heraus, was auf ihr lastet. Zum Luftholen und letzten Finale wird es noch einmal leise. Und dann: „Lasst mich einfach in Ruhe“, brüllt sie in die dunkle Nacht, die Gitarre kreischt mit ihr, und so klingt der beste Track der Platte aus. Was nicht bedeutet, dass die anderen Titel schlecht wären.

In einem gewöhnlichen Jugendleben beobachten Eltern, Freunde, vielleicht noch Lehrer oder Trainer das Erwachsenwerden. Aber nicht ein weltweites Publikum – mit dabei verstimmte Fans, Stalker, Paparazzi und Billie-Eilish-Lebensexperten. Jetzt, das ist deutlich auf ihrem zweiten Album und nach der Erfolgssingle „Bad Guy“ zu hören, scheint sie sich einen Panzer gegen all die äußeren Einflüsse zulegen zu wollen. Gegen all das, was eben so geschieht, wenn man der Öffentlichkeit so ausgesetzt ist. Die neue Platte „Happier Than Ever“ kommt deshalb ziemlich traurig daher, wird stellenweise gar recht düster, aber niemals zu schwer. Piano, Gitarre und Bossa Nova unterstreichen den Gefühls-Wumms der 19-Jährigen.

So wie Eilish klingt keine gewöhnliche 19-Jährige

Das Album lässt sich wie eine 16-teilige Therapiesitzung hören, die sie teilen will. Im Song „Getting Older“ beschäftigt sie sich mit dem Älterwerden. Was sie einst zu genießen vermochte, soll für sie zur reinen Arbeit geworden geworden sein. Sie geht davon aus, dass es ihr wieder besser gehen wird, erzählt sie flüsternd. Nein, so klingt keine gewöhnliche 19-Jährige. Mit diesen Erkenntnissen beschäftigt sich zunehmend eher eine Generation, die mindestens zehn Jahre älter ist als sie.

Und so sieht das Original aus: Billie Eilish: Happier Than Ever, erschienen beim Label Universal.
Foto: Universal

Der Track „Billie Bossa Nova“ ist ein vielsagender Titel, der alle Erwartungen erfüllt und dennoch auf der Platte überrascht. Sentimental brasilianische Gitarrenmusik nach Art von Billie Eilish.

Ganz nach der 19-Jährigen klingen schon eher die Stücke „Lost Cause“, „Not My Responsibility“ oder „Everybody Dies“, in denen ihre zarte Stimme vor allem in den hohen Lagen glänzt.

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Sie bedient sich aus dem gesamten Baukasten melancholischer Musikgestaltung: „Goldwing“ beginnt wie choraler Gesang in einer Kirche, bevor die Amerikanerin dann in den Sprechgesang übergeht, ähnlich wie in „NDA“ oder „Overheated“. Zwar dominiert in diesen Liedern hauptsächlich ein treibender Beat wie verschieden schnelle Herzschläge. Ein Stück wie „Bad Guy“ aber sucht man auf dem Album vergebens.

Ihre Musik bleibt nahbar und verletzlich

Billie Eilish ist überglücklich mit ihrem Werk. Sie wollte versuchen, ein zeitloses Werk zu schaffen, erzählte sie kürzlich in einem Interview. Gelungen ist ihr das womöglich vor allem deshalb, weil sie über weite Strecken dem Eilish-Sound treugeblieben ist – Elektro-Pop hat nur Testcharakter. Ihre Musik bleibt nahbar und verletzlich aber nicht depressiv verstimmt, zuweilen sogar hoffnungsvoll. Genau so endet das Album. Gehauchte Liedzeilen zu leiser Akustikgitarre, ein ständig wiederkehrendes Muster. Ein sicherer Hafen.

Hören Sie sich dazu auch unseren Podcast über die Zukunft des Modular-Festivals an:

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