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Münchner Staatsbibliothek

15.10.2018

Als Bücher noch Individuen waren

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Die Druckplatte von Albrecht Dürers Kupferstich „Christus am Ölberg“ ist erhalten geblieben. Sie stammt aus dem Jahr 1515.
Bild: Bayerische Staatsbibliothek

In der Münchner Staatsbibliothek werden einzigartige Stücke gezeigt. Darunter ein Arzneibuch, das 1200 Jahre alt ist. Auch etliche Werke aus Augsburg sind zu sehen.

Es geschah an einem Montag im Jahr 1527. Zwei Frauen mit dem Namen Agnes Krogerin und Agnes Klemperlin brannten auf dem Scheiterhaufen im Städtchen Hemau. Sie sollen Hexen gewesen sein. Woher man das wissen wollte? In einem Buch von 1496 findet sich eine unscheinbare Notiz über den Vorfall. Dabei muss man sagen, dass dieser handschriftliche Eintrag nicht in irgendeinem Buch steht, sondern im sogenannten „Hexenhammer“ des Dominikanermönchs Heinrich Krämer, verfasst einst zur Legitimation der Hexenverfolgung. Zu sehen ist das Buch samt Notiz in der Ausstellung „Gott, die Welt und Bayern“ in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.

Mit einem Füller in ein Fachbuch zu schreiben, wäre heute undenkbar – für Historiker ist ein solcher Fund dagegen unschätzbar. Bernhard Lübbers, Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg, sagt: „Bis heute habe ich die Faszination nicht verloren.“ Damit meint er die Möglichkeit, in Jahrhunderte alten Büchern zu blättern und überraschende Funde zu machen. „Wahrscheinlich finden sich in jedem fünften Band zusammengeklebte Seiten mit neuen Erkenntnissen“, schätzt Lübbers.

Die Kostbarkeiten stammen aus den Dependancen

Die Ausstellung zeigt in drei Teilen 100 einzigartige Publikationen – vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit. „100 war eine heilige Zahl im Mittelalter“, sagt Lübbers. Sie habe für Unendlichkeit gestanden. Das Besondere der Schau ist, dass die Kostbarkeiten nicht aus der Staatsbibliothek in München stammen, sondern aus deren zehn Dependancen, die in Bayern verteilt liegen. „Diese verstehen sich als Kultureinrichtungen“, so Bettina Wagner, die die Zweigstelle in Bamberg leitet. Manche Filiale besitzt nur 55000 Werke, andere haben mehr als eine halbe Million.

Das Lorscher Arzneibuch entstand um 800 nach Christus. Darin finden sich frühmittelalterliche Rezepte.
Bild: Bayerische Staatsbibliothek

Zu den Dependancen gehören auch die Staatsbibliothek Neuburg, die Studienbibliothek Dillingen sowie die Staats- und Stadtbibliothek Augsburg. Letztere steuerte einige mittelalterliche Handschriften und Drucke bis zur Reformation zur Ausstellung bei. Darunter eine in einem Buchdeckel eingeklebte Seite mit einem lateinischen Gedicht von Sebastian Brant über die epidemieartige Ausbreitung der Geschlechtskrankheit Syphilis im 15. Jahrhundert. Der bekannte Humanist sandte diesen Auszug seinem guten Freund Konrad Peutinger, der zu dieser Zeit Schreiber der Stadt Augsburg war.

Ein unvorstellbar wertvolles Pergament

Die Ausstellung ist schlicht gehalten. In zwei Schatzkammern ruhen hinter schweren Vitrinen die Exponate. Die schwarzen Wände lassen die Kostbarkeiten und ihre besondere Machart umso mehr herausstechen. Farbenfrohe, detaillierte Bilder und Darstellungen finden sich in aufgeschlagenen Bänden. Manche davon zeichnen Besonderheiten wie Blattweiser aus geflochtenem Draht oder getrocknetem Leder aus, die als Lesehilfen mit Knochenleim auf die Seiten geklebt wurden.

Dazu werden einzigartige Stücke wie eine Kupferdruckplatte von Albrecht Dürers „Christus am Ölberg“ und das Lorscher Arzneibuch gezeigt. Was diese medizinische Sammelhandschrift auf Pergament unvorstellbar wertvoll macht, ist ihr Alter. 800 nach Christus entstanden, umfasst sie mehr als 480 medizinische Rezepte sowie die Anwendung der Arzneimittel. Das Buch befand sich einst im Besitz von Kaiser Otto III., nach seinem Tod erhielt es dann Kaiser Heinrich II. Er schenkte die Ausgabe der Dominikanerbibliothek des von ihm gegründeten Bistums Bamberg. Es ist das einzig erhaltene Exemplar des Lorscher Arzneibuchs.

Der Medienwandel des Mittelalters

„Die Bücher waren früher Individuen“, sagt Lübbers und erklärt, dass sie speziell auf Anfrage erstellt und ausgestattet worden seien – je nach Geldbeutel des Auftraggebers und künftigen Besitzers. Wie wichtig und wertvoll die Werke früher waren, sieht man an den Ösen einiger Bücher. „Damit wurden sie an Pulte angekettet“, so Lübbers.

In der Ausstellung wird aber auch der „Medienwandel des Mittelalters“ sichtbar: In einer der Schatzkammern stehen nebeneinander eine handschriftliche und eine gedruckte Bibel. Während die eine einzigartig ist, gab es von der gedruckten Johannes-Gutenberg-Ausgabe einst 180 Exemplare. Heute sind es nur noch 49.

Ein Abriss bayerischer Kulturgeschichte

Neben vielen religiösen Werken finden sich auch weltliche Bücher in der Ausstellung – wie ein Rechenbuch für Kaufleute, ein Medizinband für Feldchirurgen und eine Anleitung für Architekten. „Wir hätten noch 1000 Bände zeigen können, entschieden uns aber für einen exemplarischen Abriss der bayerischen Kulturgeschichte“, erläutert Lübbers.

Der erste Teil der Ausstellung mit freiem Eintritt läuft noch bis zum 13. Januar 2019. Ab dem 21. Januar ist dann der zweite Teil zu sehen: „Aus Orient und Okzident. Bücher, Karten, Globen des 16. und 17. Jahrhunderts“.

Die Ausstellung ist von montags bis freitags von 11 bis 18 Uhr und am Sonntag von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Katalog: 19 Euro

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