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Filmgeschichte

16.02.2021

Als der Film das Sprechen lernte: Kinorevolution auf Umwegen

Der Durchbruch des Tonfilm war erst „The Jazz Singer“, 1927.
Bild: Warner

Plus Es war ein Kulturbruch: Charlie Chaplin sprach davon, dass sich der Film versündige. Vor 100 Jahren fand die erste Vorführung eines Tonfilms statt.

Die Begeisterung war einhellig, der Coup perfekt, der Triumph überwältigend: Als 2011, mitten hinein ins boomende Zeitalter des Animations- und Effekt-Blockbusterkinos, mit „The Artist“ der Stummfilm wiederbelebt wurde, räumte er unter anderem auch die wichtigsten Oscars ab. Ein kurzes, nostalgisches Aufblühen, eine kunstvoll charmante Reminiszenz an eine Ära, deren Ende vor jetzt genau 100 Jahren eingeläutet wurde – auch mit einem Coup, der aber auf deutlich weniger einhellige Reaktionen stieß.

Legendär ist die Wut des Charlie Chaplin, der wetterte, die „Sprechfilmkunst“ versündige sich gegen „das Wesen des Films“, denn dieses sei: „das Schweigen“. Berühmt ist „The Jazz Singer“, der erste Tonfilm, der zu einem kommerziellen Erfolg wurde und selbst, mit viel Musik, den Bruch zwischen Tradition und Moderne zum Thema hat. Aber das war erst 1927, als Fritz Lang ja mit dem epochalen „Metropolis“ auch noch Stummfilmgeschichte schrieb. Der Pionier des 17. Februar im Jahr 1921 – da arbeitete Chaplin gerade erst an „The Kid“, seinem Debüt mit abendfüllendem Kino, und Murnaus „Nosferatu“ wie Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ waren noch Zukunft –, der hieß Sven Berglund. Wer?

Der Erfinder des Tonfilms war ein ambitionierter Elektroingenieur

Berglund war kein visionärer Filmemacher, sondern ambitionierter Elektroingenieur, der in Berlin studiert und in Dresden bei einer Firma gearbeitet hatte, die optische Linsen und Kameras herstellte. Er erfand, zurück in der Heimat, durch die Klammblende die Vereinigung von Bild und Ton. Und an jenem Donnerstag führte Berglund das, was als Lichttonverfahren eine Revolution vorwegnehmen sollte, nahe Stockholm erstmals einem Publikum vor. Wo sonst Musiker im Vorführsaal zu projizierten Bildern spielten oder Tonaufnahmen möglich parallel zu den Filmaufnahmen abgespielt wurden, war das die Premiere der durch Verwendung desselben Mediums zuverlässigen Lippensynchronizität!

Bloß wurde gar kein Triumph daraus, obwohl Presse und Filmbranche versammelt waren. Was aber nicht daran lag, dass jemand Berglund den Verstoß gegen das Schweigen vorgeworfen hätte – sondern an der Technik, Allzu-Menschlichem, der Wirtschaft und dann der Konkurrenz. Berglunds Patent wurde zwar umgehend verkauft, nach Dresden, an die Firma Ernemann, und der Erfinder auch engagiert, um Demonstrationsmaterial zu produzieren. Aber dann ging es nur langsam voran, gab’s Streit, folgte Inflation.

Wettbewerber schufen ein neues Verfahren

Während das Projekt nach gut einem Jahr wieder eingestellt wurde, reüssierten die Wettbewerber mit ihrem für die Firma auch namensgebenden Tri-Ergon-Verfahrens: Hans Vogt, Joseph Masolle und Joseph Benedict Engl in Berlin. Aber auch deren Durchbruch 1922, nach vier Jahren Arbeit, versandete. Zunächst. Sie verkauften alles in die Schweiz. Erst dann wurde die Ufa aufmerksam, was aber bei der Premiere 1925 mit „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ im technischen Fiasko endete.

Und so konnte eben in den USA Varieté-Star Al Jolson in „The Jazz Singer“ noch 1927 die berühmten Worte sprechen: „You ain“t heard nothin’ yet!“ – „Ihr habt noch nichts gehört!“ Dass das dafür von Warner Bros. und Western Electric entwickelte Vitaphone-System sich dann nicht durchsetzte, sondern eine Weiterentwicklung von Tri-Ergon ist dann leider nur noch Technikgeschichte. Wie Sven Berglund.

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