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Bildung

22.01.2019

Als uns das Schaubild noch die Welt erklärte

Eine großartig gestaltete Lehrtafel um 1920 (Ausschnitt). Sie trug den Titel "Der Mensch als Industriepalast".
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Eine großartig gestaltete Lehrtafel um 1920 (Ausschnitt). Sie trug den Titel "Der Mensch als Industriepalast".
Bild: Prestel Verlag

Bei Generationen von Schulpflichtigen erfolgte Wissensvermittlung mithilfe riesiger Wandbilder. Ein Unterrichtsmittel, das zu den aussterbenden Arten gehört.

Wir verhandeln heute darüber, wie schnell wie viele Milliarden Euro in die Digitalisierung der Schulen fließen sollen. Der Bildschirm wird das Medium der Zukunft, auch wenn es die grüne Tafel und also die Kreidezeit noch immer gibt. Geht es um Bildung, bleibt das Bild als Vehikel unverzichtbar. Ausgedient aber haben die großen farbigen Schaubilder und Schulkarten, die 100 Jahre in den Klassenzimmern entrollt wurden. Diese Infografiken, die als Anschauungsmaterial ein allgegenwärtiges Lehrmittel waren, sind didaktisch eingemottet und zu Trophäen auf Flohmärkten und Vintage-Wandschmuck in Lofts geworden.

Asien – der größte Erdteil“, „Der Kreislauf der Stoffe im Baum“, „Muskeln des Menschen“, „Süßgräser unserer Wiesen“, „Tierwohnungen“, „Die weiblichen Geschlechtsorgane“, „Das metrische Mass- und Gewichts-System“, „Wolkenform und Wetterentwicklung“, „Berlin, zweigeteilte Hauptstadt“ – auf den Schulkarten fand alles Platz. Und weil es oft um Grundlagenwissen ging, waren Schaubilder zum Aufhängen im Klassenzimmer zwar Wechselmedien je nach Unterrichtsfach. Doch hatten sie Bestand und behaupteten sich lange vor dem Beamer als Fels in der Brandung in der Bilderflut.

Das Wesentliche ist hier bewahrt wie in einer Zeitkapsel

Im Grunde waren die entrollten Schulkarten nichts anderes als Konzentrate und Vergrößerungen von Schulbuchabbildungen. Alle Blicke im Raum waren darauf gerichtet – Frontalunterricht vorm Großbild. Im Klick-Zeitalter der digitalen Bilderfluten wirken die statischen alten Lehrmittel beruhigend und gültig. Ihre Aura der Autorität sagt: Das Wesentliche ist hier abgebildet und bewahrt wie in einer Zeitkapsel.

Was einst den Blick auf die Welt schulte und Wissen ohne Tempo visualisierte, ist heute einerseits Nostalgie und Feuerzangenbowlen-Romantik. Aber die Schulkarten und Schaubilder bezeugen auch Zeitgeschichte, Schulgeschichte, Stand der Didaktik. Sie speichern die gesellschaftlichen und politischen An- und Absichten ihrer Zeit. Da, wo indoktriniert werden sollte, wurde auch das Schuldbild instrumentalisiert. Etwa auf einer Märchentafel von 1936, auf der Dornröschen nicht mit einem Kuss aufgeweckt wird, sondern mit dem Hitlergruß.

Als ästhetische wie sprechende Relikte gleichermaßen kommt den Schaubildern über den Erinnerungswert für ganze Generationen von Schülerinnen und Schülern hinaus eine Bedeutung auch für die Forschung zu. Ein prächtiger, kundig kommentierter Bildband widmet sich nun diesem schönen Alltagsmedium, das in der Forschungsstelle Historische Bildmedien an der Universität Würzburg systematisch gesammelt und ergründet wird. Was ins Auge fällt, ist der anrührende Schauwert dieser Drucke, die durchaus Größen von drei auf zwei Metern erreichen konnten.

Von der menschlichen Verdauung bis zum Diesel-Motor

Der Betrachter kann schwelgen in Details und ganzen Bild-Erzählungen. Denn das waren die anspruchsvollen Schautafeln. Mit ihren Querschnitten und Aufrissen bildeten sie nicht nur ab, sondern veranschaulichten in einem einzigen Standbild kunstvoll Zusammenhänge, Abläufe und Funktionsweisen – von der menschlichen Verdauung über die Atomkraft bis zum Otto-Motor („1. Ansaugen. 2. Verdichten. 3. Arbeiten. 4. Ausschieben“). Der Kartenraum in der Schule war eine Art Bild-Bibliothek des Wissens, das kapitelweise vor den Augen der Schüler hereingetragen und „aufgerollt“ wurde.

Manches ist heute liebenswert skurril, anderes auf neue Weise aktuell, wie etwa das Schaubild „Die häufigsten Kinderkrankheiten“ aus den 1950er Jahren zeigt. Natürlich sind die Masern dabei, die sich inzwischen wieder ausbreiten, weil die Zahl der Impfgegner wächst. Aber die „Borkenflechte“? Ein Klassenbuch-Wort, das heute kaum mehr jemand kennt …

Ina Katharina Uphoff, Nicola von Velsen: Schaubilder und Schulkarten. Prestel Verlag, 240 Seiten, 40 Euro

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