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Augsburger Friedensfest

07.08.2018

An welche Zukunft wollen wir glauben?

Eine jetzt zum Augsburger Friedensfest durch den Künstler Guido Zimmermann Bild gewordene Vision: Versöhnung zwischen den Menschen aus aller Welt, zwischen den Generationen, zwischen dem natürlich und dem künstlichen Leben.
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Eine jetzt zum Augsburger Friedensfest durch den Künstler Guido Zimmermann Bild gewordene Vision: Versöhnung zwischen den Menschen aus aller Welt, zwischen den Generationen, zwischen dem natürlich und dem künstlichen Leben.
Bild: Foto: Silvio Wyszengrad

Düstere Szenarien bestimmen den Blick auf das Kommende. Weil das realistischer wirkt. Warum es gerade jetzt Zeit ist für positive Utopien.

Müssen wir nicht realistisch sein? Gerade angesichts der gigantischen, globalen Herausforderungen, einer Welt im Umbruch? Wozu da noch von einer güldenen Zukunft träumen? Hat, der etwa an der Geschichte des Kommunismus gewachsenen Weisheit zufolge, denn nicht noch jeder Versuch, irgendein vermeintliches Paradies auf Erden herzustellen, in die Hölle geführt? Ran an die konkreten Probleme also, Finger weg von verklärend Utopischem! Einerseits.

Andererseits: Setzt eine solche Haltung nicht auch die Axt direkt zu den Grundfesten unseres Landes und der Weltgemeinschaft an? „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, deutsches Grundgesetz – eine Zustandsbeschreibung ist das jedenfalls nicht. Und dann erst: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 70 Jahre her – wirkt deren Inhalt nicht auch im 21. Jahrhundert noch immer: utopisch?

In der Politik wird die Utopie zur Waffe

Eine Utopie ist das, was der griechischem Wortwurzel nach keinen Ort hat, was es also nicht gibt. Noch nicht? Augsburg aber versucht sich im Programm zum heutigen Großen Friedensfest seit Wochen darin, zumindest ein Ort für ein neues Befragen der Utopie zu sein. War der Religionsfrieden von 1555, dem dabei gedacht wird, nicht eigentlich auch utopisch? Jedenfalls hat nun etwa ein internationales Theaterprojekt am Fuße des ehrwürdigen Renaissance-Rathauses eine Installation aufgebaut, die zwei Zukunftsvisionen gegeneinanderstellt: die grenzenlose Gesellschaft und die komplett geschlossene Gesellschaft. Das Gegeneinander verweist auf eine der beiden Formen, in der Utopien aktuell noch eine Rolle spielen.

An welche Zukunft wollen wir glauben?

Diese eine Form ist die ideologische Zugespitzung der politischen Auseinandersetzung. Eine Waffe. In Deutschland etwa: Wie Kritiker von rechts gerade auch der Merkel-Regierung vor vorwerfen, für der offene Grenzen zu stehen – und mag diese noch so sehr Deals selbst mit afrikanischen Diktatoren zur Kontrolle der Migration abschließen – so lautet der Vorwurf in die Gegenrichtung eben auf die totale nationale Abschottung … Der jeweilige Gegner steht für die düsteren Verkehrung der Utopie, den Albtraum von Zukunft, für die Dystopie – die Mission der Guten ist, Land und Welt davor zu bewahren. Der starke Kontrast genügt, da muss noch nicht mal klar werden, in welche seligere Vergangenheit der Kampf gegen diese düstere Zukunft denn führen soll. Siehe USA: „Make America Great Again!“ Wieder wie wann?

Und auch die zweite aktuelle Form der Utopie ist eine negative. 500 Jahre nach Thomas Morus’ Roman „Utopia“ herrscht in Literatur und Film längst die Dystopie, aber auch in der Gesellschaft und ihrer Bespiegelung. Wer Klima sagt, reimt Katastrophe, wer Umwelt sagt Zerstörung, wer Migration sagt, Krise. Und wer über die Digitalisierung spricht, warnt meist vor totalitärer Kontrolle, vor Menschendesign, Unsterblichkeitswahn. Tatsächlich sind diese Gefahren in den technischen Entwicklungen unserer Zeit ja bereits gegenwärtig. Aber ebenso sind es doch auch Chancen wie die, Krebs und Alzheimer zu besiegen. Und die Automatisierung kann ja nicht nur Arbeitslosigkeit und soziale Verwerfungen nach sich ziehen, sondern auch eine Befreiung des Menschen. Nur: Wer außer den ja selbst profitierende Apologeten des Fortschritts aus dem Silicon Valley glaubt noch, der Mensch würde aus den künftig ihm zuwachsenden Möglichkeiten aus Verantwortung und Vernunft das Gute und Richtige machen?

Und jetzt? Mut zur Utopie aus Verzweiflung?

Neue Aufklärer formieren sich. Der Philosoph Richard David Precht in seinem Bestseller „Jäger, Hirten, Kritiker“ die Erkenntnis: „Die Zukunft kommt nicht, sie wird von uns gemacht! Die Frage ist nicht: Wie werden wir leben? Sondern: Wie wollen wir leben?“ Der Wissenschaftsjournalist Thomas Schulz, der im Buch „Zukunftsmedizin“ skizziert, wie der enorme Wandel durch Transparenz beherrschbar sein könnte. Aber auch der Augsburger Umweltforscher Jens Soentgen, der in „Ökologie der Angst“ zeigt, wie der Mensch aus der Erkenntnis seiner verheerenden Wirkung auf Tier und Natur ein neues Verständnis entwickeln könne – und müsse. Eine Hoffnung auf Bewusstseinswandel gerade in Zeiten der sich zuspitzenden Krise? Mut zur Utopie aus Verzweiflung?

Die für heute noch gültige Antwort ist exakt 100 Jahre alt. Damals, ausgerechnet im Sommer 1918 und nach vier alles Menschliche verheerenden Kriegsjahren, meldete sich ein damals 33-jähriger deutscher Denker erstmals eigenständig zu Wort. In „Geist der Utopie“ entwickelte ein gewisser Ernst Bloch den Begriff der konkreten Utopie erstmals, den er nicht von ungefähr wohl während des Zweiten Weltkriegs dann im Exil zu seinem Großwerk „Prinzip Hoffnung“ ausarbeitete. Nach Bloch geht es nicht um die Schaffung eines Paradieses als politische Systemfrage. Sondern um die wesentliche Notwendigkeit der Utopie für den Menschen. Konkret.

In seinem Schaffen bildet sich schon der Entwurf der Zukunft ab und die weitere Entwicklung des Menschlichen sucht nach Ausdruck. Die uneingelösten Versprechen der Vergangenheit bleiben uns so erhalten. Denn natürlich sollte die Würde des Menschen unantastbar sein, sollten alle Menschen frei und gleich geboren werden, wollten wir in einer solchen Welt leben, wollten wir als Menschen eine solche Zukunft. Die Utopie kann uns erinnert, dass der kühle Blick auf Realitäten blind ist für Wesentliches am Leben: die Hoffnung. Das bedeutet hier: Glauben an den Menschen.

Zum Weiterlesen

- Thomas Schulz: Zukunftsmedizin. dva, 288 S., 20 Euro

- Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Goldmann, 288 S., 20 Euro

- Jens Soentgen: Ökologie der Angst. Matthes & Seitz, 160 S., 14 Euro

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