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Interview

09.03.2020

Anna Netrebko: „Wir müssen das Zusammensein planen“

Tenor Yusif Eyvazov und Sopran Anna Netrebko.
Bild: Sergei Karpukhin, picture alliance

Als Opernstars besingen Anna Netrebko und Yusif Eyvazov die romantische Liebe. Ihr Eheleben samt Sohn Tiago ist dagegen von Trennungen und Teamarbeit bestimmt.

Der Titel Ihrer aktuellen Tournee, die im Herbst fortgesetzt werden soll, steht unter dem Leitmotto „Italienische Nächte“. Was kann man sich darunter vorstellen? Mögen Sie deutsche oder französische Komponisten nicht?

Anna Netrebko: Bei diesen Konzerten bieten wir eine ganz charakteristische Mischung aus den schönsten Arien der italienischen Oper – einschließlich Duetten und Ensemblestücken. Wir lieben alle Arten von Musik, aber jetzt haben wir speziell diesen Teil unseres Repertoires ausgewählt, weil er so viele legendäre Melodien und Botschaften bietet, die auf der ganzen Welt bekannt sind.

Um welche Botschaften handelt es sich dabei?

Anna Netrebko: „Wir müssen das Zusammensein planen“

Netrebko: Wir werfen ein Schlaglicht auf die Liebe – in all ihren verschiedenen Stadien: der ersten Begegnung, der tiefen Verliebtheit bis hin zur Trauer über eine verflossene Beziehung. Jeder findet hier etwas, mit dem er sich identifizieren kann.

Können Sie erklären, was Liebe bedeutet?

Yusif Eyvazov: Das lässt sich nur schwer definieren, denn Sie müssen Liebe fühlen! Unsere Beziehung ist voller Liebe, aber sie ist auch eine Partnerschaft. Das heißt, wir beide lieben die Musik und unsere Familie, aber gleichzeitig erkennen wir an, dass der Partner auch andere Interessen hat. Wir verstehen, dass wir manchmal voneinander getrennt sein müssen und wie wir das zu regeln haben. Das ist der Schlüssel unserer Beziehung.

Aber wenn beide Partner ihre Karrieren verfolgen, kann das auch Nachteile haben. Schließlich sind sie immer wieder voneinander getrennt.

Netrebko: Ich liebe es, wenn ich mit Yusif arbeiten und auftreten kann, aber gleichzeitig genießt jeder von uns seine eigene Karriere. Wenn wir für längere Zeit an verschiedenen Orten im Einsatz sind, müssen wir unser Zusammensein eben planen.

Eyvazov: Es ist sehr wichtig, dass unsere Familie zusammen ist. Deshalb versuche ich die Zeit unserer Trennung so stark zu begrenzen wie möglich. Das kostet viel Arbeit, aber das ist es auch wert.

Familienleben? „Wir haben ein wunderbares Team, das uns hilft“

Dann müssen Sie sich ja noch um Ihren elfjährigen Sohn Tiago kümmern. Wie lässt sich das bewerkstelligen?

Eyvazov: Dafür brauchen wir ein ganzes Dorf! Im Klartext: Wir haben ein wunderbares Team, das uns hilft, mit den ganzen Anforderungen unseres Lebens und unserer Karriere klarzukommen. Mit seiner Hilfe haben wir so viel Zeit wie möglich für unsere Liebsten. Und wann immer Tiago keine Schule hat, schauen wir, dass wir ihn mitnehmen.

Trotz alledem dürfte das mit Stress verbunden sein. Wie kommen Sie damit zurecht?

Eyvazov: Wenn wir nicht an unserer Musik arbeiten, dann verbringen wir einfach Zeit mit unserer Familie und unseren Freunden. Wir gehen raus, erkunden die Stadt, in der wir uns gerade aufhalten, bleiben aktiv und gehen gut essen. Das reicht schon.

Doch manchmal scheint die Beanspruchung zu groß zu werden. Letztes Jahr mussten Sie, Frau Netrebko, Ihren Auftritt in Bayreuth auf Anraten Ihres Arztes absagen. Wie bewerten Sie solche Rückschläge?

Netrebko: Du musst einfach verstehen, dass die Stimme ein Teil deines Körpers ist. Wenn der müde ist, dann gilt das auch für deine Stimme. Stress und Krankheit können wir nur vermeiden, wenn wir uns Pausen nehmen. Das lässt sich einfach nicht ändern, auch wenn wir uns das vielleicht anders wünschen würden. Natürlich hasse ich es, mein Publikum mit einer Absage zu enttäuschen, aber manchmal will das Leben es eben anders.

Positiv lief es ja dagegen unlängst mit Ihrer Turandot in München. Was war das für eine Erfahrung? Gibt’s vielleicht da Ähnlichkeiten zwischen Ihnen und dieser mächtigen Prinzessin?

Netrebko: Das war eine große Herausforderung für mich. Ich musste hier meine beste Technik einsetzen, sonst hätte das nicht funktioniert. Aber ich habe mit Turandot nichts gemeinsam. Sie ist nur eine Figur, die ich interpretiere.

Königliche Hoheiten? „Wir sind nur Menschen!“

Indes werden Sie von manchen Ihrer Fans wie königliche Hoheiten behandelt. Fühlen Sie sich als solche?

Netrebko: Wir sind nur Menschen! Wir arbeiten sehr hart und wir sind immer glücklich, wenn wir einen großartigen Auftritt hatten. Aber am Ende des Abends gehen wir einfach nach Hause und legen uns schlafen – so wie alle anderen auch.

Was sind denn angenehme Erfahrungen außerhalb Ihres Berufs?

Netrebko: Ich kann sie gar nicht alle aufzählen. Wir verbrachten Weihnachten und Neujahr zusammen als Familie in New York, dann feierten wir den 85. Geburtstag meines Vaters in Krasnodar. Außerdem waren wir zweimal in Florida, um unseren Urlaub mit Strand und Sonne zu genießen.

Haben Sie eigentlich auch Ängste?

Netrebko: Ich versuche einfach im Moment zu leben, denn in der Zukunft warten immer neue Herausforderungen und Enttäuschungen auf uns. Aber ich kann frei entscheiden, ob ich mir deshalb den Kopf zerbreche oder nicht.

Im letzten Jahr wurde ja die Klassikwelt von Skandalen erschüttert, die im Rahmen der MeToo-Kampagne angeprangert wurde. Was sind Ihre Erfahrungen und Ansichten dazu?

Eyvazov: Wir hatten beide das große Glück, dass wir mit sehr respektvollen und professionellen Leuten gearbeitet haben – Kollegen, Regisseuren und Managern. Aber uns ist auch klar, dass nicht jeder die gleichen Erfahrungen gemacht hat.

Netrebko: In jedem Falle musst du dich sicher fühlen, nur so kannst du die beste Arbeit abliefern. Und wir unterstützen die Maßnahmen, die jetzt eingeführt wurden, um alle Beteiligten zu schützen.

Gleichzeitig leben Sie in einer Welt voller Konflikte und Krisen. Was würden Sie an dieser ändern, wenn Sie könnten?

Netrebko: Das ist aber eine sehr komplexe Frage, und es ist schwer, sich eine Sache herauszupicken. Wir wünschen uns einfach, dass jeder glücklich ist – ob im Leben, in der Karriere, in der Beziehung und mit der Familie. Einfach nur glücklich.

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