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Antisemitismus heute
25.10.2020

Die Hemmschwelle ist gesunken

Vor wenigen Tagen erst wurden die Sicherheitsvorkehrungen für die Augsburger Synagoge verstärkt.
Foto: Foto: Silvio Wyszengrad

Kloster Irsee Dem Antisemitismus der Gegenwart widmete sich eine Tagung zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben. Jetzt wieder gefordert sind: Bildung und Haltung

Von Jürgen Gerstenmaier

Irsee „Was sucht ein Jude im Aschenbecher?“ – Als Alexander Mazo mit leiser Stimme schildert, was eine Mitschülerin seiner Tochter an den Kopf warf, herrscht in dem großen Tagungssaal der Schwabenakademie im Kloster Irsee gelähmtes Schweigen. Ein Schweigen, das anhält, als der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Schwaben-Augsburg weiter erzählt, dass er bei dem Schulleiter des Augsburger Gymnasiums weder Gehör noch Verständnis fand, als er diesen ungeheuren Vorfall ansprach. Der Mitschülerin geschah nichts, seine Tochter wechselte die Schule.

Antisemitismus ist nicht nur ein Phänomen grölender Glatzen

Antisemitismus, das wurde bei der mittlerweile 32. Tagung zur Geschichte und Kultur der Juden in Schwaben deutlich, ist heute so präsent wie ehedem. Und „Antisemitismus heute“, so der genaue Titel, ist kein Phänomen rechtsradikaler, grölender Glatzen. Er zeigt sich als rechter Antisemitismus ebenso wie als linker, als intellektuell verbrämter ebenso wie als islamistisch geprägter. „Die Fratze des Antisemitismus zeigt sich in immer größerer Frechheit“, brachte es Ludwig Spaenle, der ehemalige bayerische Kultusminister und heutige Beauftragte der Staatsregierung für jüdisches Leben, auf den Punkt.

Das Anliegen der Tagungsreihe seit 1989 sei es immer gewesen, „jüdische Geschichte wieder in die schwäbische Geschichte zu integrieren“, sagte Bezirksheimatpfleger Peter Fassl, der die Reihe seinerzeit initiiert hatte. Für ihn gebe es nur ein probates Mittel gegen den historischen Antisemitismus und den in seiner aktuellen Ausprägung: mit „Bildung, Bildung, Bildung“ dagegen anzugehen.

Der Antisemitismus sei nie tot gewesen, auch nicht nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes, wie das so viele gehofft hatten, sagte Ludwig Spaenle. Bis zu einem Viertel der Gesamtbevölkerung sei „zumindest ansprechbar“, was Hass auf Juden angehe. Seit etwa 2017, 2018 stelle sich die Lage nun wieder schlimmer dar als die Jahrzehnte zuvor. Dabei grenze es ohnehin an ein Wunder, dass es in Deutschland überhaupt noch so ein vielfältiges jüdisches Leben gebe. Doch angesichts der Zuspitzung gebe es immer mehr Juden, die sich „auf gepackten Koffern sitzend“ überlegten, diesem Land den Rücken zu kehren.

Blanker Judenhass, da gaben Spaenle auch viele der folgenden Referenten der zweitägigen Fachtagung recht, werde oft genug als Kritik am Staat Israel getarnt unter dem Motto „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Extreme Parteien wie die AfD beflügeln dies nach Spaenles Einschätzung genauso wie die digitale Welt, in der es immer leichter falle, andere anzufeinden, ohne mit Gesicht und Namen dafür einstehen zu müssen. Dies führe erschreckenderweise dazu, dass „kein Tag in diesem Land vergeht, an dem kein Jude angegangen oder angepöbelt wird“, so Spaenle. Seine Forderung: „Wir müssen eine Kultur des Hinschauens entwickeln und pflegen.“

Wie ist es möglich, dass Türkenbrutal gegen Juden hetzen?

Der studierte Jurist Alexander Mazo, der 2003 aus Usbekistan nach Deutschland kam, ist seit 2005 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Schwabens. Neben dem tradierten Antisemitismus beobachtet er mit zunehmender Sorge den arabischen und muslimischen Antisemitismus. Nach einer aktuellen Umfrage wollten 64 Prozent aller Türken keinen Juden als Nachbarn. Bei einer Demonstration im Sommer 2014 hätten 600 Türken mitten in Augsburg ungestraft „Juden ins Gas“ skandieren können. „Wie ist so etwas möglich?“, fragte Mazo sich und die Tagungsteilnehmer.

In ihrem Referat „Antisemitismus von links“, das wegen der Erkrankung der Berliner TU-Professorin Monika Schwarz-Friesel verlesen wurde, sprach die Forscherin davon, dass es „völlig falsch“ sei, bei dem Thema den Fokus nur auf den Rechtsradikalismus zu legen und dabei zu leugnen, dass es daneben den nicht weniger gefährlichen linken und linksintellektuellen Antisemitismus gebe: „Die Hemmschwelle, antisemitische Äußerungen zu tun, ist auch in der Mitte der Gesellschaft gesunken.“

Jim G. Tobias vom Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts ging unter dem Stichwort „Israelkritik oder Antisemitismus auf die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment und Sanctions) ein, die global in vielen Schattierungen vertreten sei, der es aber immer um die Isolierung des Staates Israel gehe. Barbara Staudinger vom Jüdischen Museum Augsburg-Schwaben und Nicola Wenge vom Ulmer Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg schilderten aus der Praxis, mit welchen Herausforderungen – und teilweise Gefahren – die Wissens- und Erinnerungsarbeit in Sachen Judentum verbunden ist. Claudia Reinert von der Dienststelle des Ministerialbeauftragten für die schwäbischen Gymnasien und Christa Steinhart, Geschäftsführerin der Volkshochschule Augsburger Land, gingen auf Nöte und Anforderungen bei der Aufklärung über Antisemitismus in der (Erwachsenen-)Bildung ein.

Nicola Wenge griff noch einmal die Worte Ludwig Spaenles auf – um diese zu ergänzen: „Neben Bildung, Bildung und Bildung braucht es immer auch eines: Haltung.“

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