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Interview

30.01.2021

Arbeit im Lockdown: Ist das Homeoffice ein Kreativitätskiller?

„Auch Bill Gates und Albert Einstein haben ihre grundlegenden Ideen allein ausgebrütet“, sagt der Kreativitätsforscher. Ob sich daraus für den Lockdown-Alltag lernen lässt?
Foto: Daniel Biskup (Symbolbild)

Plus Die Kunst, aber auch die Wirtschaft lebt von Ideen, die oft gemeinsam entstehen. Deutschlands führender Kreativitätsforscher sagt, wie das im Lockdown gelingt.

Professor Holm-Hadulla, eine Umfrage des Leesman-Instituts unter 145.000 Beschäftigten weltweit hat kürzlich ergeben, dass rund 30 Prozent der Befragten sagen, im Homeoffice und über Videokonferenzen wären sie nicht in der Lage, kreativ mit anderen zusammenzuarbeiten. Deckt sich das mit Ihren Erkenntnissen?

Prof. Rainer M. Holm-Hadulla: Das Homeoffice trägt Chancen und Risiken in sich. Manche können es produktiv und kreativ nutzen, andere werden inaktiv und einfallslos. Das hängt sowohl von den Persönlichkeiten als auch vom Arbeitsbereich ab. Personen, die besser selbstgesteuert nach ihren eigenen Rhythmen arbeiten, profitieren. Andere, die eher von der gemeinsamen Arbeit inspiriert werden, leiden. Entscheidend ist der Arbeitsbereich. Zum Beispiel können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Programmiererinnen und Programmierer oft besser allein Ideen entwickeln, pädagogisch, therapeutisch und sozial Tätige laufen hingegen Gefahr zu verkümmern.

Man denkt bei Kreativität ja gerne an die geniale Idee des einzelnen Talentierten. Inwieweit ist Kreativität denn etwas Kooperatives?

Holm-Hadulla: Das hängt von der Domäne ab. Kreative Ideen stellen sich oft ein, wenn man allein seinen Gedanken nachgehen kann. Dazu muss man jedoch genug Wissen und Können gesammelt haben, um das Erlernte neu und brauchbar, das heißt kreativ, kombinieren zu können. Und der Erwerb von Wissen und Können geht meistens in der Gemeinschaft besser. Das gilt besonders für Domänen, in denen emotionale und soziale Intelligenz gefragt ist. Das habe ich an Beispielen wie Einstein, Picasso, Bill Gates im Buch „Kreativität – Konzept und Lebensstil“ illustriert. Letztlich muss jeder das rechte Maß zwischen sozialem Lernen und eigener Verarbeitung herstellen. Dies hängt allerdings auch sehr vom Alter ab.

 

Inwiefern?

Holm-Hadulla: Kleine Kinder entwickeln sich in beständigem Austausch mit ihren Bezugspersonen. Auch in Schule, Berufsausbildung und Studium sind persönliche Begegnungen nicht nur zum Wissenserwerb, sondern für die Persönlichkeitsentwicklung und soziale Verantwortungsübernahme unerlässlich. In höherem Alter kann man sich leichter zurückziehen, um das Erfahrene und Erlebte allein zu durchdenken und sich zum Beispiel in Literatur und Musik unaufgeregt zu vertiefen. Deswegen treffen ja auch die sozialen Kontaktbeschränkungen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene wesentlich härter als Ältere, deren berufliche und familiäre Laufbahn „in trockenen Tüchern“ ist.

Nicht nur die Kunst, auch die Wirtschaft lebt ja vom Finden und Erfinden von Neuem und Originellem. Der Wirtschaftsprofessor Nicholas Bloom von der Stanford University sagt, dass die Geschäftsführer, die sich derzeit an ihn wenden, sich vor allem um den Verlust an Kreativität durch die Verlagerung ins Homeoffice sorgten – weil zu sehr nur noch nach Plan und Terminen gesprochen und gedacht werde. Eine berechtigte Sorge?

Holm-Hadulla: Ja und nein. Albert Einstein und Bill Gates haben ihre grundlegenden Ideen allein ausgebrütet. Allerdings haben sie diese mit Freunden und Kollegen vertieft und mit ihnen Anwendungen ausprobiert. Mathematikern und Physikern schadet beständige Kommunikation. Erzieher, darstellende Künstler und die meisten Handwerker und Sportler sind auf persönlichen Kontakt angewiesen.

 

Wie funktioniert Kreativität überhaupt?

Holm-Hadulla: Für die Kreativitätsförderung ist es wichtig, die fünf Phasen des kreativen Prozesses zu berücksichtigen: Vorbereitung, Inkubation, Illumination, Durchführung und Verifikation. In der Vorbereitungsphase wird Wissen und Können erworben, das in der Inkubationsphase oft unbewusst neu kombiniert wird. In dieser Phase des Nachdenkens ist man zumeist mit seinen Ideen allein und auch die Illumination, das Aha-Erleben, kommt aus den eigenen, neu kombinierten neuronalen Netzwerken. In der vierten Phase, der Ausarbeitung, hängt es wiederum sehr von der spezifischen Tätigkeit ab, ob sie besser allein oder eher gemeinschaftlich abläuft. Die Verifikation, das heißt die Prüfungs- und Bewertungsphase, findet schließlich vorwiegend im Kontakt mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern statt.

Und wie erforscht man Kreativität?

Holm-Hadulla: Kreativität ist ein komplexes Phänomen, das man nur interdisziplinär erforschen kann. Schauen wir uns die fünf Voraussetzungen der Kreativität an, die ich in meinem oben erwähnten Buch beschrieben habe: Begabung und Talent, Wissen und Können, Motivation und Widerstandsfähigkeit, Persönlichkeitseigenschaften wie Reizoffenheit einerseits und Eigensinn andererseits und schließlich fördernde und fordernde Umgebungsbedingungen. Diese fünf Faktoren haben je nach Tätigkeit unterschiedliche Bedeutung. Neurowissenschaftlich wissen wir, dass kreative Prozesse in einem Wechselspiel von Ausbildung kohärenter neuronaler Netzwerke und deren Neukombination stattfindet. Psychologisch entspricht dies einem produktiven Gleichgewicht von fokussiertem Arbeiten und freiem Fantasieren. Praktisch spiegelt sich dies in einem guten Zusammenspiel von Struktur und Freiraum, Ordnung und Chaos.

Was raten Sie Unternehmern, um die Kreativität ihrer Beschäftigten zu fördern? Und auch den Beschäftigten selbst? In normalen Zeiten, aber auch nun unter Lockdown-Bedingungen?

Holm-Hadulla: Einen gesunden Arbeitsstil mit sinnvollen Ritualen wie Arbeitszeit, einer der Tätigkeit angemessene Mischung aus individueller und Teamarbeit, eine geeignete räumliche Umgebung und produktive Pausen mit viel Bewegung. Auch eine kreative Freizeitgestaltung trägt zum Arbeitserfolg bei. Und schließlich ist es besonders wichtig, die verbliebenen persönlichen Kontakte achtsam zu pflegen. Studien zeigen, dass man Kreativität durch gezielte Aktivitäten, Achtsamkeit und Training von Widerstandsfähigkeit fördern kann. Überhaupt ist Kreativität kein Luxus, sondern auch im Alltag ein Lebenselixier. In der Wirtschaft ist die Bereitschaft zur Erschaffung neuer und brauchbarer Lösungen bei der Entwicklung, Ausgestaltung und Vermarktung ein Wettbewerbsvorteil.

Ist es essenziell, dass wir bald möglichst wieder aus der Homeoffice-Situation verabschieden? Oder wäre es angesichts einer sich ohnehin verändernden Arbeitswelt vielmehr an der Zeit, gerade jetzt Modelle für ein möglichst kreatives Miteinander in räumlicher Ferne zu entwickeln und einzuüben?

Holm-Hadulla: Natürlich eröffnet das Homeoffice in vielen Bereichen Freiräume. Dabei sind Modelle von großer Bedeutung, wie man diese Freiräume den Tätigkeiten entsprechend produktiv und kreativ gestalten kann. Aber die kreativitätsfördernden Pausen mit informellen Gesprächen am Kaffeeautomaten oder in der Kantine sind für viele nicht zu ersetzen. Letztlich ist es auch eine kreative Aufgabe, ein gutes Gleichgewicht zwischen individuellen Freiräumen und betrieblichen Strukturen zu finden. Dabei kann Coaching durch erfahrene Experten sehr hilfreich sein.

Zur Person: Prof. Rainer M. Holm-Hadulla ist Kreativitätsforscher. Der 69-jährige Mediziner und Psychoanalytiker lehrt an der Universität Heidelberg und leitet das Heidelberger Institut für Coaching (hic). Von ihm erschienen sind unter anderem die Bücher „Kreativität – Konzept und Lebensstil“ und „Kreativität zwischen Schöpfung und Zerstörung“ (jeweils im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht).

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