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Interview

04.04.2021

Architekturhistorikerin: "Gute Bausünden sind absolut originell"

Obernberg (Österreich): Bayerisches Barock trifft auf Tausundeine Nacht.
Foto: Turit Fröbe/DuMont

Plus Zwiebeltürmchen, Stuck und Plastikhecken: Für ihr Buch „Eigenwilligen Eigenheime“ hat sich die Architekturhistorikerin Turit Fröbe Bausünden angesehen.

Frau Fröbe, Sie unterscheiden zwischen guten und schlechten Bausünden. Sind die Übergänge nicht fließend?

Turit Fröbe: Überhaupt nicht! Die guten Bausünden finden die Leute hässlich, da kommt sofort eine Reaktion auf: Wie konnte das passieren?! Das sind aber oft Dinge, die eine gewisse Originalität haben, die von Fantasie zeugen. Die schlechten Bausünden sehen Sie nicht. Die sind so banal und so langweilig, dass das Auge abrutscht.

Haben Sie Beispiele?

Fröbe: Das sind die einfallslosen Investorenarchitekturen an unseren Einfallstraßen. Auch diese ganzen Fertighäuser mit kleinen oder gar keinen Fenstern gehören dazu. Sie sind austauschbar, das ist das Entscheidende. Gute Bausünden sind dagegen absolut originell, es gibt sie nur einmal. Und besonders in der Innenstadt verraten sie oft viel über die Stadt selbst, mit der sie untrennbar verbunden sind.

Nun werfen Sie einen Blick auf „Eigenwilligen Eigenheime“ und plädieren erst einmal für Verständnis. Muss man das auch für die Toskana-Villen aufbringen, die bald in jedem Dorf anzutreffen sind?

Fröbe: Grundsätzlich hilft Humor. Man sollte überhaupt Bausünden mit mehr Gelassenheit begegnen. Sie sind ja im Privaten meistens liebevoll gemacht, also darf man für Bauherren durchaus Verständnis haben. Und in unserer Gesellschaft ist die baukulturelle Bildung nicht sonderlich ausgeprägt.

Architekturhistorikerin: "Gute Bausünden sind absolut originell"
10 Bilder
Bausünden: Vom Toskana-Schloss bis zur Mülltonnenparade
Foto: Turit Fröbe, Dumont

Worauf spielen Sie an?

Fröbe: Es geht weniger um das historische Wissen als den Umgang mit unserer aktuellen Architektur. Vielen, die zur Toskana-Villa oder ähnlichem greifen, ist in der Regel gar nicht klar, was sie sich da hinstellen. Mein Verständnis ist aber sehr begrenzt, wenn es um die Bauindustrie geht, die solche Lösungen von der Stange bietet. Die Häuslebauer verlassen sich doch darauf, dass das Angebotene in Ordnung ist. Irgendwann wird eine Mode daraus.

Was erzählen diese „exotischen“ Eigenheime?

Fröbe: Sie zeigen oft, wo sie lieber stünden. Bei den Toskana-Villen ist das sehr eindeutig, dann gibt es diese blockhüttenhaften Schwedenhäuser oder Mississippi-Häuser wie aus „Vom Winde verweht“. In piefigen Wohngebieten kann man damit auch seine Weltläufigkeit ausdrücken. Außerdem zeigen die Häuser häufig, was sie eigentlich gerne wären: ein Fachwerkhaus, eine Ritterburg, eine Villa. All diese Bauten senden Nachrichten in den Außenraum, deshalb darf man sie ruhig als Street-Art begreifen.

Viele Bausünden sind auch den finanziellen Möglichkeiten geschuldet.

Fröbe: Natürlich ist es immer einfacher, wenn Geld keine Rolle spielt. Aber diese Bausünden sind in allen Segmenten zu finden. Und wenn die Mittel für die großen Lösungen der Bauindustrie fehlen, geht man in den Baumarkt. Abgesehen davon kann man wirklich jedes qualitativ hochwertige Gebäude in eine Bausünde verwandeln. Anbau, Umbau, Überformung, Dekoration – die Baumärkte bieten unendlich viele komische Dinge.

Komisch ist gut. Man staunt ja wirklich, was man alles auffrisieren kann.

Fröbe: Jedes Vordach, jeden Briefkasten, jede Treppenstufe, jeden Türgriff. Allein dieser Gestaltungswille ist faszinierend. Ich beobachte das jetzt seit 20 Jahren und dachte immer, dass das Thema für mich irgendwann durch ist. Aber nein, die Leute lassen sich ständig etwas Neues einfallen. Es bleibt weiterhin spannend.

Die Architekturhistorikerin Turit Fröbe.
Foto: Philip Birau

Was ist denn gerade angesagt?

Fröbe: Früher hat man eher die Fassade umgestaltet, inzwischen verlagert sich das immer häufiger auf den Garten. Will man ihn nicht zeigen, kann das genauso der Zaun, die Mauer oder die vorgesetzte Garage übernehmen. Der Trend geht auch weg vom Grün.

Ist das Umweltbewusstsein denn nicht stärker geworden?

Fröbe: Sollte man meinen. Stattdessen nehmen die reinen Schottergärten zu. Oder Gabionen, diese mit Steinen gefüllten Drahtkörbe. Relativ häufig sieht man allerdings chilenische Araukarien oder zugeschnittene Buchsbäume. Und da Letztere sehr anspruchsvoll in der Pflege sind, gibt es sie längst aus Plastik. Ich komme immer wieder in sterile versteinerte Siedlungen, in denen kein Insekt überleben kann, weil kein echter grüner Halm mehr steht. Die zweite Mode, die ich wirklich fürchterlich finde, sind Fototapetenzäunen mit vorgetäuschten Hecken, Mauern oder sogar Gabionen.

Gibt es Ecken in Deutschland, die besonders bausündengefährdet sind?

Fröbe: Spitzenreiter ist das Saarland, dort ist das Bastel- und Heimwerkertum bestens verankert. Genau das hatte ich in Baden-Württemberg erwartet. Das Gegenteil ist der Fall. Es gibt vereinzelte Bausünden, aber die bleiben allein. Normalerweise schaukeln sich die Nachbarn gegenseitig hoch, jeder packt noch mehr vors Haus. Hier tanzt man dagegen nicht gerne aus der Reihe.

Wie sieht es in Bayern aus?

Fröbe: Bislang bin ich bei meinen Streifzügen in Bayern nie enttäuscht worden und habe schon jede Menge überraschende und originelle Bausünden gefunden. Das eine oder andere Motiv hat es auch in das neue Buch geschafft. Grünwald ist stark vertreten, aber es sind auch Fundstücke aus Ingolstadt oder Bad Füssing dabei.

Und sonst?

Fröbe: Nordrhein-Westfalen hat ein paar ganz stark bausündenträchtige Regionen, genauso ist Berlin bausündenaffin. Ich war aber auch überrascht, dass es im zurückhaltenden Norddeutschland doch einige überzeugende Bausünden gibt. Steingärten zum Beispiel.

Das Problem liegt doch auch in der Einheitssoße, die über weite Bereiche der Baugestaltung gekippt wird. Fehlt der Mut?

Fröbe: Beim Eigenheim eher nicht, da schlägt schon auch die Fantasie durch. Aber ganz allgemein fehlt unserer Baukultur der Mut. Ich vermisse ein klares Bekenntnis zur modernen Architektur, und damit ist eine Fortentwicklung gemeint. Die allgegenwärtigen Rekonstruktionstendenzen und der Pseudo-Historismus sind hochproblematisch. Das ist der neueste, und ich meine, der fürchterlichste Trend. Denn diese Architektur ist nicht mehr aufs Hinsehen ausgerichtet. Das ist aber der Schlüssel zur Architektur. Das Schlimmste, was man ihr antun kann, ist, sie aus dem Augenwinkel zu betrachten – dann erscheint alles hässlich. Wenn man aber hinsieht, beginnen die Bauwerke in der Regel sich zu erschließen und zu sprechen.

Auch die Bausünden?

Fröbe: Ja! Weil man plötzlich die Intention des Erbauers erahnen kann. Manchmal entwickeln diese Bausünden mit einem Mal eine ureigene Schönheit oder zumindest einen gewissen Charme.

Nun kommt ja auch die echte Gründerzeitarchitektur wieder gut an.

Fröbe: Klar, inzwischen sind die Wohnungen flächendeckend saniert. Die flexiblen Grundrisse passen hervorragend zu unseren Wohnwünschen. Aber ursprünglich wurden sie jahrzehntelang als Bausünden, als reine Fassadenarchitektur wahrgenommen. Die gesamte Architektur der Moderne ist eine einzige Reaktion auf diesen Historismus. So gesehen ist das wirklich der Treppenwitz der Geschichte, dass jetzt als Reaktion auf die Moderne diese Pseudo-Gründerzeit-Investorenarchitektur aufploppt.

Kennen Sie Architekten solcher Bausünden?

Fröbe: Nein, an der Universität wissen die Studierenden spätestens nach der Aufnahmeprüfung, dass zum Beispiel das Thema Satteldach tabu ist. Zwischen Architekten und Bauherren liegen Welten, und es gibt ein großes Missverständnis. Da müsste man drangehen. Am schönsten sieht man die Missverständnisse übrigens an den umgestalteten Bungalows. Viele Eigentümer leiden so sehr unter dem fehlenden Dach, dass sie alles tun, um wenigstens beim Blick aus dem Fenster das Gefühl zu haben, in einem ganz normalen Haus zu wohnen. Da bekommen die Fenster Butzen, Säulen werden davorgesetzt und irgendwo noch Dachziegel untergebracht. Das fehlende Dach scheint wirklich ein Trauma zu sein.

Und wann schreiben Sie ein Buch über gelungene Eigenheime?

Fröbe: Ich habe über 1300 Bausünden publiziert, aber ich würde kein Buch über gute Architektur zusammenbekommen. Maximal 15 gelungene Gebäude sind mir in diesen 20 Jahren begegnet, meistens aus den 50er und auch 60er Jahren, aber aus der Gegenwart: nichts. Wenn gute Architektur da wäre, würden mich die Bausünden doch gar nicht mehr interessieren.

Haben Sie trotzdem eine Lieblingsbausünde?

Fröbe: Ja! Das ist in Bielefeld ein Stromkasten, der von einem Stelenfeld umgeben ist. Was für eine Inszenierung! Das habe ich vor genau 20 Jahren bei einem Spaziergang entdeckt. Mein Berufsleben wäre ganz anders verlaufen, wenn ich die andere Straßenseite genommen hätte. Ich war nämlich eine vollkommen bornierte Architekturhistorikerin und habe mir nur ausgewiesen Gutes angesehen. Bausünden waren eine Zumutung für mich. Doch dann stellte sich heraus, dass das eine völlig verkannte Gattung ist.

Eigentlich müssten Sie in einer Bausünde wohnen.

Fröbe: Gründerzeit. Also eine Bausünde der alten Schule. Aber das Wohnen ist kein Problem, schlimm ist es, ständig auf eine Bausünde zu schauen.

Turit Fröbe: „Eigenwillige Eigenheime. Die Bausünden der anderen“ (DuMont, 160 Seiten, 20 Euro)

Zur Person

Die Architekturhistorikerin und Urbanistin Turit Fröbe hat Kunstgeschichte und Klassische Archäologie in Marburg studiert. Es folgte ein Masterstudium Europäische Urbanistik an der Bauhaus-Universität Weimar und an der Universität Hamburg die Promotion über „Die Rezeption der Akropolis im Werk von Le Corbusier“. Von 2005 bis 2017 war Fröbe wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität der Künste Berlin. Zur ihren Schwerpunkten zählt die baukulturelle Bildung, als Urbanistin ist sie immer auch am Alltäglichen interessiert. Ihr Buch „Die Kunst der Bausünde“ von 2013 wurde zum Bestseller. Mit ihrem Büro Die Stadtdenkerei entwickelt sie unkonventionelle Konzepte zur Baukulturvermittlung.

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