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Oskar Maria Graf

10.06.2017

Aufrecht wie ein Baum

Der Exot und Erzähler ging mit Krachledernen ins Exil nach New York

Da hängt sie wie eine Devotionalie an ihren Trägern in der Vitrine: die Original-Lederhose von Oskar Maria Graf, ein ausladendes Exponat, in dem der mächtige, über zwei Zentner schwere Mann unterkam. Graf, 1894 als neuntes von elf Kindern in Berg am Starnberger See geboren, liebte seine Lederhose. Fotos mit ihr und ihm begegnen dem Besucher immer wieder in der Schau im Münchner Literaturhaus: der emigrierte Schriftsteller rauchend auf einer Bank in Wien (1933/34); schlafend im Wald bei Brünn (der nächsten Exilstation in der Tschechoslowakei); stolzierend in den Straßen Moskaus (1934), wo die Kinder mit Stecknadeln durchs Leder zu stechen suchten; schließlich in der kurzen Hose bei seiner Lesung 1958 im Münchner Cuvilliéstheater.

Dort löste der unstandesgemäße Aufzug Empörung beim „feinen“ Publikum aus. Graf, der sich in Bayern als „Heimatdichter“ verkannt fühlte, wollte es den Zuhörern heimzahlen. Von wegen dunkler Anzug! Er hatte Spaß an der Provokation. „Krachlaut“ war eines seiner Lieblingsworte, und diesem gesellte sich die Krachlederne (oft mitsamt Joppe und Samthut) wie von selbst hinzu.

Man würde freilich den leidenschaftlichen Raucher, Biertrinker und Freund echter Steinkrüge ins falsche Eck stellen, wollte man in ihm das bajuwarische Musterexemplar sehen. Dazu war Graf geistig viel zu unabhängig, unberechenbar und unnachgiebig, allergisch gegen Ideologien aller Art, gegen Heuchler und Mitläufer – ein strammer Querkopf eben und, wie er sagte, nur ein „halber Bayer“. Die Ausstellung, kuratiert von Laura Mokrohs und Karolina Kühn, zentriert sich um Grafs Leben und Schreiben in den Exiljahren (1933 bis 1938 in Wien und Brünn, danach bis zum Tod 1967 in New York). Fotos, Briefe, Dokumente, Objekte, Film- und Tonausschnitte exponieren einen aufrechten Mann, den in der Raummitte ein aus Brettern gezimmerter Baum symbolisiert. Graf fand seine Heimat in der Sprache. In New York, „wo fast alle Völkerschaften nebeneinanderleben“, sprach er so gut wie kein Wort Englisch. Er wohnte mit seiner jüdischen Lebensgefährtin und späteren Frau Mirjam Sachs, einer Cousine der Dichterin Nelly Sachs, im Stadtteil Yorkville unter zahlreichen deutschen Emigranten, gründete 1943 im Restaurant „Alt Heidelberg“ seinen berühmten Stammtisch. Dort kamen wöchentlich Künstler und Intellektuelle wie Brecht, Wieland Herzfelde, Johnson und Josef Scharl zusammen. Graf glänzte als versierter Stegreiferzähler – gemäß seiner Überzeugung: „Erzählen ist ohne Zweifel etwas Grundgeselliges.“

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Sein Werk zielt ins Herz gesellschaftlichen Zusammenlebens, auf die Größe, die im Einfachen und Alltäglichen liegt, in der geduldigen Arbeit und „friedfertigen Liebe“. Von all dem gibt er Zeugnis in seinem wunderbaren Buch „Das Leben meiner Mutter“ (1946 auf Deutsch). Der Schriftsteller wusste freilich auch um die Kleinbürger vom Schlage eines „Bolwieser“ und „Anton Sittinger“ (zwei Roman-Titel), die sich politisch wegducken und gerade deswegen anfällig sind für die große Verführung.

Als Graf auf der Lesereise in Wien erfuhr, dass die Nazis (mit Ausnahme seines Buches „Wir sind Gefangene“) sein Werk duldeten, publizierte er nach der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 seinen durchschlagenden Appell „Verbrennt mich!“. Es ist ein Glanzstück deutscher Prosa, in dem Graf diesen pyromanischen Gewaltakt mit unübertroffenem Sarkasmus und all seiner Verachtung überzieht. „Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein, wie eure Schmach!“

bis zum 5. November im Münchner Literaturhaus; Montag bis Mittwoch und Freitag 11–19, Donnerstag 11–21.30, Samstag/Sonntag 10–18 Uhr; Katalog zehn Euro.

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