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Interview

12.06.2020

Augsburger Künstler Philipp Fürhofer: "Seriös planen kann keiner"

In der Kunsthalle München hat Philipp Fürhofer zwei Räume gestaltet. Es geht darin um „Gynoid Couture“ von Thierry Mugler.
Bild: Christa Sigg

Plus Das Atelier ist die Keimzelle – egal, ob sich Philipp Fürhofer mit seiner Kunst beschäftigt oder Bühnenbilder entwirft. In der Corona-Krise ist vor allem Flexibilität gefragt.

Herr Fürhofer, für die Münchner Opernfestspiele haben Sie das Bühnenbild zu Jean-Philippe Rameaus „Castor et Pollux“ entworfen. Mit der Mugler-Schau in der Kunsthalle und einer Galerieausstellung wäre das ein sehr erfolgreicher Sommer geworden.

Philipp Fürhofer: Mag sein, aber viele Kollegen trifft es deutlich härter. Mich machen nur die abgesagten Opernfestspiele traurig, bei allem anderen bin ich flexibel und entsprechend positiv gestimmt.

Was haben Sie die letzten Monate in Berlin gemacht?

Fürhofer: Ich konnte ganz gut im Atelier arbeiten. Das ist mein großer Vorteil als freischaffender Künstler und im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen, die zu 100 Prozent fürs Theater arbeiten und jetzt nichts verdienen.

Oft bestreiten freie Künstler ihren Lebensunterhalt mit angewandter Kunst. Bei Ihnen scheint das Gegenteil der Fall zu sein.

Fürhofer: Ja, die freie Kunst ist mein Rettungsanker. Aber das war schon immer so, nicht nur in finanzieller, sondern auch in konzeptioneller Hinsicht. Alles, was ich mache, entsteht bei mir im Atelier und hat mit meiner freien Kunst zu tun. Auch die Bühnenbilder oder die Installationen, etwa für Ausstellungen. Der Kurator der Mugler-Schau Thierry-Maxime Loriot hat mich sogar ausdrücklich um eine Installation gebeten, die auf meiner Kunst basiert.

Und wie ist das mit den Bühnenbildern?

Fürhofer: Um davon leben zu können, sind sie viel zu aufwendig. Das war auch nie eine Option, denn zuallererst bin ich Künstler. Um genügend Zeit für meine eigenen Projekte zu haben, bin ich deshalb an höchstens zwei Theaterproduktionen im Jahr beteiligt.

Besteht denn eine Chance, dass „Castor et Pollux“ doch noch auf die Bühne kommt?

Fürhofer: Ich höre eigentlich nur Gegenteiliges. Meine Kollegen am Theater sind mehr oder weniger verzweifelt. Seriös planen kann keiner. An einer Staatsopernproduktion sind so unglaublich viele Menschen beteiligt, dass man sie zu einem späteren Zeitpunkt einfach nicht mehr zusammenbekommt. Denken Sie nur an die Sänger, die zum Teil über Jahre ausgebucht sind. Und wir sprechen jetzt noch nicht einmal von der Umsetzung. Wie das zum Beispiel beim Chor oder im Orchestergraben mit den Abstandsregeln konkret aussehen soll, weiß im Grunde keiner.

Wie wird eigentlich eine abgesagte Produktion honoriert?

Fürhofer: Das ist noch offen, wir sind gerade bei den Vertragsabwicklungen. Die Bayerische Staatsoper versucht, sich mit den Künstlern gütlich zu einigen. Doch es wird für beide Seiten ein großer Verlust. In vielen Fällen gibt es nicht die komplette Gage, und das Theater hat immense Einnahmeausfälle. Was mich betrifft, ist der große Teil der Arbeit ja bereits getan, mit Hans Neuenfels war ich seit zwei Jahren am Planen. Schon vor einem Jahr habe ich mein Konzept, technische Pläne und ein Bühnenmodell abgegeben – mit dem Bau wurde ja längst begonnen.

Der Künstler Philipp Fürhofer
Bild: Max Abadan

Sie haben auch für den neuen „Hamlet“ am Königlichen Theater in Kopenhagen das Bühnenbild entworfen. Die Premiere hätte im September stattfinden sollen.

Fürhofer: Reale Proben auf der Bühne dürfen noch nicht stattfinden, aber die Schauspieler machen bereits Leseproben über Zoom und andere Videokonferenz-Programme. Ich schalte mich dann immer wieder dazu. Parallel wird mein Bühnenbild gerade in Polen gebaut, ich bin also viel in virtuellen Be-sprechungsräumen unterwegs. Der „Hamlet“ wird ein Repertoirestück und kommt auf alle Fälle. Es sind ja auch nur zehn Leute auf der Bühne, das kann man mit einer großen Oper gar nicht vergleichen.

Immerhin haben Sie Ihre Arbeiten in einem realen Künstlerbuch zusammengefasst, das man auch in die Hand nehmen und durchblättern kann.

Fürhofer: Und es ist tatsächlich erschienen! Natürlich fielen die Buchvorstellungen ins Wasser, aber ich bekomme wunderbare Rückmeldungen, die Leute hatten jetzt Zeit zum Lesen. Wann gibt es das schon?

Thierry-Maxime Loriot hat Ihr Buch verlegt – und Sie für die Mugler-Ausstellung engagiert.

Fürhofer: Loriot hatte für jeden Raum eine ganz eigene Vorstellung, deshalb wurden auch sehr unterschiedliche Künstler angefragt. Das reicht von spektakulären Animationen von RodeoFX, die unterer anderem bei „Avatar“ oder „Game of Thrones“ animiert haben, bis zum Einsatz von Hologrammen. Die Ausstellung hatte in Kanada Premiere und fast 300000 Besucher. Schon die Eröffnung war wie ein Popkonzert. Überall kreischende Teenies! Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Thierry Mugler Bühnenkostüme für David Bowie, Beyoncé und Lady Gaga entworfen hat.

Wegen der vielen Hygienevorschriften geht es in München sehr viel ruhiger zu. Mussten Sie umplanen, damit man besser Abstand halten kann?

Fürhofer: Nein, meine beiden Räume sind dezent gefüllt. Ich widme mich der äußerst präzisen „Gynoid Couture“. Das sind Bodysuits komplett aus Metall, für die Mugler endlose Versuche unternommen hat, damit das Material richtig am Körper sitzt. Es sind vielleicht seine bedeutendsten und am meisten fotografierten Kreationen. So etwas sollte man in der Ausstellungsinszenierung auch entsprechend würdigen und nicht durch Masse verstellen.

Dafür stehen Sie dann – etwas später als geplant – in der Münchner Galerie von Sabine Knust im Mittelpunkt. Was zeigen Sie?

Fürhofer: Man wird unter anderem meine bisher größte Arbeit sehen, die füllt in der Galerie eine komplette Wand aus. Das Thema Wald steht im Mittelpunkt, allerdings bietet die Waldlandschaft nur die Oberfläche. Wer genauer hinschaut, kann noch in ganz andere Welten eintauchen. Und es wird eine Edition geben, die in den Fenstern hängt.

Glasmalerei?

Fürhofer: Ja, die beschäftigt mich, seit ich denken kann. Ich bin in Augsburg aufgewachsen, wo im Dom seit 900 Jahren die berühmten Prophetenfenster leuchten. Den Glasfenstern kommt man dort also nicht aus. Aber jeder Künstler verarbeitet letztlich auch das, was ihn geprägt hat und umgibt.

Könnte das auch Corona sein?

Fürhofer: Kunst, die sich an tagespolitischen Schlagzeilen orientiert, ist schnell von gestern. Und es ist noch gar nicht absehbar, wie stark uns Corona gesellschaftlich oder kulturell prägen wird. Aber das damit verbundene Thema der körperlichen Fragilität, der Verletzbarkeit des Menschen und der Abhängigkeit von der modernen Technik und der Medizin beschäftigt mich seit langem. Der Auslöser war eine lebensbedrohliche Herzklappenerkrankung während meiner Studentenzeit. Damals las ich Texte des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy, der sich ähnlich wie ich einer Herztransplantation unterziehen musste. Nancy schrieb über diese Grenzerfahrung. Das half mir sehr, und diese Gedanken sind bis heute maßgeblich für meine Kunst. Umso mehr freut es mich, dass er das Vorwort zu meinem Buch geschrieben hat. Und Corona bestätigt mich nur noch mehr, über die essenziellen Themen nachzudenken und zu arbeiten.

Die Ausstellung „Thierry Mugler. Couturissime“ läuft bis 30. August in der Kunsthalle München; Einzelausstellung von Philipp Fürhofer in der Galerie Sabine Knust, Ludwigstraße 7, München, ab 11. Juli. Das Buch: Philipp Fürhofer. (Dis)Illusions. Hrsg. Thierry-Maxime Loriot, mit Texten von Jean-Luc Nancy, Norman Rosenthal, Rufus Wainwright u. a., 176 Seiten, nai010 publishers Rotterdam, 44,95 Euro.

Zur Person: Philipp Fürhofer, 1982 in Augsburg geboren, hat an der Universität der Künste Berlin studiert. Seine Werke wurden u. a. in der Frankfurter Schirn, in Paris, Mailand und Hong Kong ausgestellt. Parallel dazu arbeitet Fürhofer seit 2008 als Bühnen- und Kostümdesigner mit Regisseuren wie Kaspar Holten und Stefan Herheim in Amsterdam, Bern, Helsinki. Fürhofer lebt in Berlin.

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