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Tellkamp vs Suhrkamp

12.03.2018

Autoren sind wichtige Stimmen im politischen Diskurs

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp.
Bild: Sebastian Kahnert, dpa

Eva Leipprand, Vorsitzende des deutschen Schriftsteller-Verbandes, erklärt im Interview, weshalb sie die Diskussion um  Uwe Tellkamp für fruchtbar hält.

Frau Leipprand, was sagen Sie zur Reaktion des Suhrkamp Verlags, der sich per Twitter von seinem Autor Uwe Tellkamp distanziert hat?

Eva Leipprand: Das ist eine ungewöhnliche Reaktion. Man kann sicher unterschiedlicher Meinung sein, wie das zu bewerten ist. Ich denke, der Verlag möchte sein Image wahren und fühlt sich verantwortlich für das, was auf ihn abstrahlen könnte. In diesem Fall finde ich die Reaktion des Verlags aber nicht glücklich und nicht notwendig. Wir müssen diskussionsoffen bleiben.

Ist der Suhrkamp-Verlag überhaupt zuständig für Äußerungen eines seiner Autoren in einer Diskussionsveranstaltung?

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Leipprand: Ein Autor wie Tellkamp sollte seine Meinung schon vertreten können, wie er möchte…

Ohne dass der Verlag sich öffentlich einschaltet…?

Leipprand: Das hängt von der Situation ab. Bei Tellkamp, ich sagte es, fand ich persönlich die Verlagsreaktion unnötig. Aber denken Sie an den Autor Akif Pirinçci und seine notorisch rechtspopulistischen und islamfeindlichen Äußerungen, gegen den die Justiz ja dann auch ermittelte. Er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Dass sein Verlag sich von ihm distanzierte, den Vertrieb seiner Bücher stoppte und die Zusammenarbeit beendete, war notwendig. Der Mann schrieb Katzenkrimis, aber er trat in öffentlichen Reden mit Pegida-Leuten auf und sprach von „KZs, die ja leider derzeit außer Betrieb sind.“

Grundsätzlich streiten Sie also einem Verlag nicht das Recht ab, seinen Autor, salopp gesagt, auch außerhalb von Manuskripten zu lektorieren?

Leipprand: Der Vorfall um Tellkamp zeigt, wie dünnhäutig wir gerade alle sind. Wir spüren, dass das Land sich in einer gewissen Spaltung befindet und möchten alle, Autoren wie Verlage, dass der Diskurs in demokratischen Bahnen geführt wird. Ich denke, Tellkamp muss die Möglichkeit haben, sich zu äußern – der Verlag aber auch, wenn er möchte. Gerade Suhrkamp pflegt mehr als eine Geschäftsbeziehung zu seinen Autoren.

Aber wirkt das ungefragte öffentliche Distanzieren von Tellkamp per Twitter nicht arg eilfertig?

Leipprand: Ich finde die Diskussion, die sich gerade entwickelt, hoch spannend. Da öffnet sich ein Raum für wichtige Fragen. Wie halten wir es mit der Meinungsfreiheit? Die Reaktion von Suhrkamp befeuert diese Debatte. Darf ein Verlag gegenüber seinem Autor, der sich politisch dezidiert äußert, eingreifen oder nicht? Bei Suhrkamp, wo es enge, auch persönliche Beziehungen zu Autoren gibt und ein klares Verlagsprofil, ist die Lage sicher anders als bei einem rein kommerziellen Verlag. Weil Suhrkamp ein bestimmtes Profil hat, wird er ja von bestimmten Autoren auch gewählt und geschätzt. Und es ist ja grundsätzlich auch nicht schlecht, wenn ein Verlag sich für den Autor, aber auch seine Bücher verantwortlich fühlt. Die Meinungsfreiheit muss trotzdem gelten. Vielleicht setzen sich die Beteiligten ja noch einmal zusammen und besprechen die Sache.

Wird jetzt nicht zwangsläufig auch das Werk Tellkamps, konkret „Der Turm“, mit hineingezogen in die Diskussion und am Ende beschädigt – zum Nachteil von Autor und Verlag?

Leipprand: Im Gegenteil. Der Roman könnte wieder auf mehr Interesse stoßen. Tellkamp erzählt darin eine Geschichte aus dem Osten Deutschlands. Aus der Dresdner Diskussion war viel zu lernen über die Gefühle, die im Osten Deutschlands entstehen, wenn „Wessis“ kränkend und pauschal über die Menschen dort reden. Wenn sich ein Autor wie Tellkamp dazu äußert, der sich dort gut auskennt, dann ist das nicht ohne Gewicht.

Eva Leipprand, Bundesvorsitzende des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller.
Bild: Silvio Wyszengrad

Zeigt der Wirbel um die Dresdner Diskussion zwischen den Schriftstellern Uwe Tellkamp und Durs Grünbein, an der fast 1000 Menschen teilgenommen haben, dass die Stimme von Autorinnen und Autoren doch gewichtiger ist, als man meinte?

Leipprand: Die politische Rolle der Autorin, des Autors wurde in den letzten Jahren oft vermisst. Und nun sehen wir, es gibt sie doch, diese politische Stellungnahme, und sie wird in der öffentlichen Diskussion gehört und gebraucht. Das hebt die Bedeutung des Autorenstandes enorm.

Wie erklären Sie sich das?

Leipprand: Die gesellschaftlichen Konflikte sind heute extrem kulturalisiert, mit kultureller Bedeutung aufgeladen. Es geht um Haltungen, Geschichte, Weltdeutung, Werte, hier zum Beispiel auch um das Bild, das die Menschen im Osten aus dem Westen gespiegelt bekommen. Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind deshalb besonders geeignet für eine solche Debatte, weil sie ein Gespür haben für kulturelle Codierungen und anders auf die Probleme schauen als die Politik.

Also werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller auch in naher Zukunft wichtige Stimmen im gesellschaftlichen Diskurs bleiben?

Leipprand: Ganz sicher. Es ist zur Zeit sehr viel im Fluss, wir brauchen neue Narrative. Da ist die Literatur in ihrem Element. 

Eva Leipprand ist seit zwei Jahren Bundesvorsitzende des 3600 Mitglieder starken Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Die 1947 geborene Erlangerin, die seit langem in Augsburg lebt, ist als Autorin mit Prosa und mit Sachbüchern hervorgetreten. Für Die Grünen war sie zwischen 2002 und 2008 Kulturreferentin der Stadt Augsburg.

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