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Langer Schatten der Geschichte

08.12.2018

Belgiens Afrikamuseum wiedereröffnet

Das Afrika-Museum will sich unter dem Begriff «Entkolonialisierung» ideologisch neu positionieren.
Bild: Thierry Roge/belga (dpa)

Das umstrittene Afrikamuseum bei Brüssel hat sich einer millionenteuren Renovierung unterzogen. Doch die Spuren einer rassistischen Vergangenheit lassen sich nicht überall zurückdrängen.

Sie stehen an der Wand und halten die Hände in die Höhe, so als warteten sie auf ihre Hinrichtung. Die kopflosen Skulpturen an der Fassade des Afrikamuseums stammen von dem kongolesischen Künstler Freddy Tsimba.

Er ist einer der Künstler, deren Werke in dem neu eröffneten Afrikamuseum in Tervuren bei Brüssel zu sehen sind. Nach rund fünfjährigen Umbauarbeiten will die Einrichtung, die vor mehr als 100 Jahren als Kolonialmuseum gegründet worden ist, nun ein Museum für das Afrika von heute sein.

Für über 65 Millionen Euro hat das rund 15 Kilometer von Brüssel entfernt liegende Museum seine Fläche von 6000 auf 11 000 Quadratmeter fast verdoppelt. Dabei wurden der Eingangsbereich und das Restaurant in einen riesigen Glasbau ausgelagert, der mit dem Altbau durch einen unterirdischen Gang verbunden ist.

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Unter dem Begriff "Entkolonialisierung" will sich das Museum vor allem aber ideologisch neu positionieren. Das Haus sei einst als Propaganda-Maschine entworfen worden, sagte der Direktor Guido Gryseels in einer Pressekonferenz. Heute werfe die Einrichtung einen kritischen Blick auf die koloniale Vergangenheit Belgiens.

Das Museum im neobarocken Stil ist Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Als Kongo-Museum hatte es der belgische König Leopold II. (1835-1909) bei dem französischen Architekten und Baumeister des Pariser Petit Palais, Charles Girault, in Auftrag gegeben.

König Leopold ließ den Kongo - in den ersten Jahren noch sein Privatbesitz - zwischen 1885 und 1908 brutal ausbeuten. Unter dieser Terrorherrschaft wurde das Land systematisch ausgeplündert. Millionen Afrikaner kamen ums Leben. Um die Jahrhundertwende kamen die Gräuel nach und nach ans Licht und lösten international Entsetzen aus. 1908 übernahm der Staat den Kongo. Das zentralafrikanische Land - 80 mal so groß wie Belgien - gehörte noch bis 1960 zu dessen Kolonialreich.

Die Wiedereröffnung des Museums ist für Gryseels nur eine Etappe eines langen Aufarbeitungsprozesses. Man habe lange damit gewartet, wie der Akademiker meinte, der seit 2001 Generaldirektor der Einrichtung ist. Der Kolonialismus als Regierungssystem sei unmoralisch. Man müsse sich von ihm völlig distanzieren.

Eine große Herausforderung: Das Museum steht unter Denkmalschutz, seine Geschichte spiegelt sich in allen Ecken und Winkeln wider. Kaum etwas konnte verändert werden, auch nicht die Ausstellungsvitrinen. So ist die Bronzeskulpturgruppe nicht verschwunden, die einen Belgier zeigt, zu dem ein kleiner Afrikaner bewundernd hochblickt. Auch ihr Titel heißt weiter: "Belgien bringt die Zivilisation in den Kongo."

Der Stern des "Kongo-Freistaates" ziert ebenso noch den Boden der Rotunde. So hieß der zentralafrikanische Staat zwischen 1885 und 1908. Der Geschichte des Gebäudes zu entkommen, sei schwer gewesen, sagte Gryseels. Gleichzeitig wollte der 66-Jährige sie auch nicht verleugnen. Als Ausweg hat er eine neue museale Vision versucht.

Neben Ausstellungsbereichen mit Masken und Musikinstrumenten finden sich nun in den Sammlungen vereinzelt Werke zeitgenössischer afrikanischer Künstler und Säle zur kongolesischen Diaspora und der Kolonialgeschichte des Landes, das in den 60ern unabhängig wurde. Als Schockmoment gibt es einen Raum, in dem Skulpturen vereint wurden, die einst in dem Museum standen: Afrikaner als halbwilde Menschen.

Der Neuansatz klappt nicht immer. Viele der Kunstwerke sind in ihrer Ausdruckskraft zu schwach um ein Gegengewicht zu bilden. Die Kopf-Skulptur aus Holz und Bronze von Aimé Mpane wird in der großen Rotunde durch die Bronzeskulpturen erdrückt, die Belgier als Wohltätige und Überbringer der Zivilisation zeigen.

Die Eröffnung des Museums findet zu einem Zeitpunkt statt, zu dem das Thema um Kolonialkunst neu entfacht ist. Bereits kurz vor der offiziellen Eröffnung an diesem Samstag hat der Präsident der Republik Kongo, Joseph Kabila, der belgischen Zeitung "Le Soir" gegenüber wissen lassen, dass er von Belgien die Rückerstattung von Werken aus seinem Land fordern werde. Die Sammlungen des Museums in Tervuren besteht größtenteils aus Werken aus dem Kongo. (dpa)

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