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Berlinale

26.02.2020

"Berlin Alexanderplatz" ist ein Film von epischer Wucht

Welket Bungue spielt Franz in „Berlin Alexanderplatz“.
Bild: Gregor Fischer, dpa

Plus Einen wie „Berlin Alexanderplatz“ hat man im deutschen Kino lange nicht mehr gesehen. Der Konzept der Modernisierung geht voll auf.

Wirklich großes Kino hat man im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb während der ersten sechs Festivaltage nicht sehen können. Aber das änderte sich gestern mit dem fulminanten, deutschen Beitrag „ Berlin Alexanderplatz “ von Burhan Qurbani – ein Film, der wie kein anderer Mitbewerber auf der ganzen Klaviatur des Kinos zu spielen versteht.

Natürlich ist die Fallhöhe bei einem solchen Projekt enorm. Alfred Döblins 1929 erschienener, fast 600 Seiten starker Roman gehört zu den wichtigsten Werken der deutschen Moderne und an vielen Schulen zur Pflichtlektüre auf dem Weg zum Abitur. Piel Jutzis Verfilmung mit Heinrich George aus dem Jahre 1931 ist ebenso wenig aus der deutschen Filmgeschichte wegzudenken wie Rainer Werner Fassbinders 14-teilige TV-Adaption von 1980.

Ähnliches wird man wohl auch von Qurbanis Version der Geschichte des Franz Biberkopf in einigen Jahren sagen. Sein „ Berlin Alexanderplatz “ widersteht der Versuchung dem Hype um die 1920er Jahre, der derzeit um die oftmals verklärte Dekade tobt, mit einem aufwendigen Historienfilm nachzugeben. Stattdessen katapultiert Qurbani den Romanklassiker bedingungslos in die Jetztzeit.

"Berlin Alexanderplatz" ist ein Film von epischer Wucht

Genau wie bei Döblin schwört der Geflüchtete, ein guter Mensch zu werden

Der Film beginnt mit einem gehetzten Atem. Ein Atem mit dem Francis (Welket Bungué) und seine Geliebte im Mittelmeer ums Überleben kämpfen. Aber aus den von Leuchtraketen blutrot gefärbten Fluten taucht nur Francis wieder auf und wird an die Küste Europas gespült. Genau wie Döblins entlassener Häftling Franz Biberkopf schwört auch der Geflüchtete aus Afrika ein neuer, guter und anständiger Mensch zu werden.

Das Scheitern an seinen Vorsätzen und den Verhältnissen in der neuen Heimat füllt die nächsten drei Kinostunden mit einer epischen Wucht , wie man sie schon sehr lange nicht mehr im deutschen Kino gesehen hat. Wie viele Neuankömmlinge ohne Pass landet auch Francis zunächst in den Katakomben einer Berliner Großbaustelle, wird nach einem Unfall gekündigt und schließlich von dem Drogenhändler Reinhold ( Albrecht Schuch ) aufgenommen, der seine kriminellen Mitarbeiter gerne in den Flüchtlingsunterkünften rekrutiert.

Francis will seinem Schwur jedoch treu bleiben und lässt sich nur als Koch einstellen, der den Dealern im Park in einem Kinderwagen das Mittagessen bringt. Aber Reinhold ist ein moderner Mephisto von psychopathischer Kraft, der den Francis in Franz umtauft und den Freund mit hinabziehen will in die Unterwelt. Auch als Franz sich in die Prostituierten Mieze ( Jella Haase ) verliebt, kann er sich nicht aus Reinholds Fängen befreien.

Das Modernisierungskonzept geht auf

Weg am Alexanderplatz in die Neuköllner Hasenheide, raus aus der Mitte hin zur Peripherie der Stadt hat Qurbani die Geschichte verlegt – und das ist mehr als eine geographische Veränderung. Denn dem Regisseur geht es darum, den legitimen Kampf der Marginalisierten zu zeigen, die vom Rand in die Mitte der Gesellschaft vordringen wollen. Auf dem Papier mag dieses Modernisierungskonzept vielleicht etwas angestrengt erscheinen, aber auf der Leinwand geht es vollkommen auf.

Das liegt daran, dass Qurbani nicht nur die Romanhandlung in die Gegenwart verlegt, sondern Döblins expressionistischen Stil in einen eigene, expressive Visualität übersetzt. Der Wechsel von grellbunten und düsteren Farbkompositionen lässt das Berliner Nachtleben Vorhöllengemälde erscheinen. Der Park ist mal Märchenwald mal Drogentristesse.

Musik und Sonddesign geben dem Film einen dynamischen Beat. Das alles wirkt in keiner Sekunde manieriert und lenkt nie von den plastischen Charakteren ab, die durchgehend ideal besetzt sind. Der in Guinea-Bissau geborene und in Lissabon lebende Welket Bungué hält mit seiner emotionalen Präsenz den Film zusammen. Albrecht Schuch verleiht dem psychopathischen Schurken eine diabolische Vielschichtigkeit, Jella Haase unterwandert scheinbar mühelos alle Prostituiertenklischees der Filmgeschichte und Annabelle Mandeng erstrahlt als Club-Besitzerin Eva in kraftvoller Integrität.

An „ Berlin Alexanderplatz “ dürfte bei der Bärenvergabe am Samstag kein Weg vorbeiführen, gerade auch weil Jury-Präsident Jeremy Irons betont hat, dass für ihn die emotionale Wirkkraft das zentrale Bewertungskriterium darstellt. Wirklich berührende, aufwühlende Werke von cineastischer Wucht waren im diesjährigen Wettbewerb bisher nämlich Mangelware.

Der Film läuft in Deutschland voraussichtlich am 16. April an.

Die Berichterstattung über die Preisverleihung finden Sie hier.

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