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Trailer und Kritik

16.07.2020

"Berlin Alexanderplatz" neu im Kino: Francis will ein guter Mensch werden

Fast eine Pieta-Situation: Francis B. (Welket Bungue) und die Prostituierte Mieze (jella Haase)
Bild: Foto: entainment one

Die dritte Verfilmung von Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ ist ein Wurf, den man sich ansehen sollte. Ausgezeichnet worden ist er schon. Die Kino-Kritik.

Die Fallhöhe für Burhan Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“ ist enorm. Alfred Döblins 1929 erschienener, fast 600 Seiten starker Roman gehört zu den bedeutendsten Romanen der deutschen Moderne. Phil Jutzis Verfilmung mit Heinrich George aus dem Jahre 1931 ist ebenso wenig aus der deutschen Filmgeschichte wegzudenken wie Rainer Werner Fassbinders 14-teilige TV-Adaption von 1980. Ähnliches wird man wohl auch von Qurbanis Version der Geschichte des Franz Biberkopf in einigen Jahren sagen. Sein „Berlin Alexanderplatz“ widersteht der Versuchung, dem Hype um die zwanziger Jahre, der derzeit um die oftmals verklärte Dekade tobt, mit einem aufwendigen Historienfilm nachzugeben. Stattdessen katapultiert Qurbani den Romanklassiker bedingungslos in die Jetztzeit.

Regisseur Qurbani versetzt "Berlin Alexanderplatz" in die Gegenwart

Der Film beginnt mit einem gehetzten Atem. Ein Atem mit dem Francis (Welket Bungué) und seine Geliebte im Mittelmeer ums Überleben kämpfen. Aber aus den von Leuchtraketen blutrot gefärbten Fluten taucht nur Francis wieder auf und wird an die Küste Europas gespült. Genau wie Döblins entlassener Häftling Franz Biberkopf schwört auch der Geflüchtete aus Afrika, ein neuer, guter und anständiger Mensch werden zu wollen.

Das Scheitern an seinen Vorsätzen und den Verhältnissen in der neuen Heimat füllt die nächsten drei Kinostunden mit einer epischen Wucht, wie man sie schon lange nicht mehr im deutschen Kino gesehen hat. Wie viele Neuankömmlinge ohne Pass landet auch Francis zunächst in den Katakomben einer Berliner Großbaustelle, wird nach einem Unfall gekündigt und schließlich von dem Drogenhändler Reinhold (Albrecht Schuch) aufgenommen, der seine Mitarbeiter gerne in den Flüchtlingsunterkünften rekrutiert.

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Das Modernisierungskonzept für den Döblin-Klassiker geht komplett auf

Francis will seinem Schwur jedoch treu bleiben und lässt sich nur als Koch einstellen, der den Dealern im Park in einem Kinderwagen das Mittagessen bringt. Aber Reinhold ist ein moderner Mephisto von psychopathischer Kraft, der den Francis in Franz umtauft und den Freund mit hinabziehen will in die Unterwelt. Auch als Franz sich in die Prostituierte Mieze (Jella Haase) verliebt, kann er sich nicht aus Reinholds Fängen befreien. Weg vom Alexanderplatz in die Neuköllner Hasenheide, raus aus der Mitte hin zur Peripherie der Stadt, hat Qurbani die Geschichte verlegt – und das ist mehr als eine geographische Veränderung. Denn dem Regisseur geht es darum, den legitimen Kampf der Marginalisierten zu zeigen, die vom Rand in die Mitte der Gesellschaft vordringen wollen.

Auf dem Papier mag dieses Modernisierungskonzept vielleicht etwas angestrengt erscheinen, aber auf der Leinwand geht es vollkommen auf. Das liegt daran, dass Qurbani nicht nur die Romanhandlung in die Gegenwart verlegt, sondern Döblins expressionistischen Stil in eine eigene, expressive Visualität übersetzt. Der Wechsel von grellbunten und düsteren Farbkompositionen lässt das Berliner Nachtleben als Vorhöllengemälde erscheinen. Der Park ist mal Märchenwald, mal Drogentristesse. Musik und Sounddesign geben dem Film einen dynamischen Beat.

Die Charaktere in "Berlin Alexanderplatz" sind ideal besetzt

Das alles wirkt in keiner Sekunde manieriert und lenkt nie von den plastischen Charakteren ab, die durchgehend ideal besetzt sind. Der in Guinea-Bissau geborene und in Lissabon lebende Welket Bungué hält mit seiner emotionalen Präsenz den Film zusammen. Albrecht Schuch verleiht dem psychopathischen Schurken eine diabolische Vielschichtigkeit; Jella Haase unterwandert scheinbar mühelos alle Prostituiertenklischees der Filmgeschichte, und Annabelle Mandeng erstrahlt als Club-Besitzerin Eva in kraftvoller Integrität.

Bei der diesjährigen Berlinale ging „Berlin Alexanderplatz“ leer aus, aber beim deutschen Filmpreis gehörte er neben „Systemsprenger“ zu den Hauptgewinnern. Außer dem brillanten Albrecht Schuch als bester Nebendarsteller wurde der Film in fast allen ästhetischen Kategorien von Kamera über Szenenbild bis zu Musik- und Tongestaltung ausgezeichnet. Zu recht, denn „Berlin Alexanderplatz“ ist ein starker Streifen, den man sich unbedingt auf der großen Leinwand im Kino anschauen sollte.

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