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Berliner Philharmoniker
02.05.2019

Als mitten im Weltkrieg große Musik entstand

Das Orchester ist gebannt, das Publikum nicht weniger: Wilhelm Furtwängler dirigiert die Berliner Philharmoniker in der Alten Philharmonie in Berlin, die 1944 im Bombenhagel unterging.
Foto: Foto: Rudolf Kessler/BPH

Das „Reichsorchester“ und sein Dirigent Wilhelm Furtwängler waren Günstlinge der Nazis. Zwischen 1939 und 1945 wurden zahlreiche Konzerte mitgeschnitten, die jetzt neu veröffentlicht werden. Ein Ereignis

Dirigenten kommen, Dirigenten gehen, wenige bleiben über die Zeiten hinweg im Gedächtnis. Zu ihnen gehört zweifellos Wilhelm Furtwängler (1886–1954). Viele sahen und sehen in ihm den größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts, dem allenfalls noch Arturo Toscanini das Wasser reichen konnte. Furtwänglers Kunst, Musik zum Leben zu erwecken, fasziniert noch heute dank erhaltener Tondokumente, die trotz ihrer antiquierten Aufnahmequalität immer mal wieder zur Veröffentlichung gelangen. Nun aber setzen die Berliner Philharmoniker, deren Chefdirigent Furtwängler über zwei Jahrzehnte hinweg war, einen Paukenschlag. Auf 22 CDs präsentieren sie auf ihrem hauseigenen Label ein Konvolut von Rundfunkaufnahmen unter Furtwänglers Leitung. Das ist aufregend, weil es Dirigent und Orchester auf dem Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit zeigt. Aufregend – und brisant – aber auch, weil diese Aufnahmen in den Jahren zwischen 1939 und 1945 entstanden. Dass Wilhelm Furtwängler und die Berliner Philharmoniker Lieblinge der Nationalsozialisten waren, ist nie ein Geheimnis gewesen.

Furtwängler: attraktivfür die NS-Propaganda

In der Weimarer Republik war das Orchester noch als GmbH organisiert, gleich in den ersten Jahren der NS-Herrschaft aber wurde es vom Staat übernommen und dem Goebbels-Ministerium unterstellt. Furtwängler, seit 1922 Chef der Berliner, war gewiss alles andere als ein Blut- und Boden-Fanatiker. Aber er war schon in den 1920ern der unbestrittene Star unter den deutschen Dirigenten – das machte ihn und sein Orchester für die NS- Propaganda attraktiv. Mit der Konsequenz, dass jüdische Orchestermitglieder gezwungen wurden, die Philharmoniker zu verlassen.

Furtwängler und das „Reichsorchester“ profitierten beträchtlich von der Nähe zu den Machthabern. Vor allem, als 1939 der Krieg begann: Die Musiker – damals noch ein reiner Männerverein – wurden sämtlich „uk“ gestellt, waren also vom Kriegsdienst befreit; für ihren „gottbegnadeten“ Dirigenten galt das sowieso. Dafür spielten die Philharmoniker neben ihren regulären Konzerten auch in Werkshallen, für die Wehrmacht im besetzten Ausland und natürlich auf Parteiveranstaltungen, darunter die alljährlichen Feierstunden zu Führers Geburtstag. Als im Herbst 1944 aufgrund des „totalen Krieges“ das kulturelle Leben im Reich so gut wie zum Erliegen kam, durften die Berliner als eines der ganz wenigen Ensembles noch weiterspielen. Noch drei Wochen vor der Kapitulation gaben sie ein Konzert.

Goebbels: eine sehr eigenwillige und starrköpfige Persönlichkeit

Furtwängler wurde von den Amerikanern zur Rechenschaft gezogen. Der Dirigent und die Nazis – eine vielschichtige Beziehung, die später den Stoff hergab zu dem Theaterstück „Takin Sides“, das wiederum István Szábo als Vorlage für seinen gleichnamigen Film nahm (deutscher Titel: „Der Fall Furtwängler“). Aufschlussreich eine Notiz von Goebbels aus dem Jahr 1942: „Bei Furtwängler handelt es sich um eine sehr eigenwillige und starrköpfige Persönlichkeit. Er nimmt gern die Machtmittel des nationalsozialistischen Staates für sich selbst in Anspruch, wenn sie ihm dienen können.“ Der Dirigent wurde schließlich freigesprochen und durfte ab 1947 wieder die Berliner Philharmoniker leiten. Freilich triftt der Vorwurf, sich zum Kollaborateur gemacht zu haben, auch das Orchester – zumal ein knappes Fünftel des hundert Mann starken Klangkörpers das Parteibuch besaß. Andererseits: Es gab Halbjuden, die in all den Jahren der Diktatur ungeschoren ihren Dienst im Orchester verrichteten.

1939 begann der Reichsrundfunk, die Furtwängler-Konzerte in der alten Philharmonie in Berlin aufzuzeichnen, zunächst auf Schelllackplatten, ab 1942 mittels Tonband – das sind die Aufnahmen, die jetzt das Material für die CD-Veröffentlichung bilden. Nach Kriegsende wurden diese zumeist in Livekonzerten erstellten Mitschnitte von russischen Besatzern nach Moskau verbracht, wo in den 50er Jahren einiges im Funk und auf Schallplatte erschien. Kirill Petrenko, der im Herbst sein Amt als Chefdirigent der Philharmoniker antritt, hat erzählt, dass er während seiner Jugendzeit in Russland fasziniert war von den Aufnahmen Furtwänglers.

Sein Dirigierstil wurde auchals „abenteuerlich“ bezeichnet

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 bemühte sich der Berliner Radiosender SFB um Rückgabe, und tatsächlich kehrte zwei Jahre später ein Großteil der Bänder zurück. Doch nach einer einmaligen Sendereihe verschwanden die Aufnahmen erneut für viele Jahre im Archiv, bis die Berliner Philharmoniker 2017 die jetzt vorliegende Edition beschlossen. Das Material wurde dafür nicht nur von den Originalbändern gezogen und digital restauriert; auch die Aufmachung der 22-CD-Box ist opulent mit vielen historischen Fotos und kundigen Essays im großformatigen Booklet.

Was aber macht die Interpretationen eines Wilhelm Furtwängler auch nach einem Dreiviertel Jahrhundert so außergewöhnlich? Noch dazu, da sein Dirigierstil berüchtigt war: Es gibt nicht wenige Musikerstimmen, die das, was Furtwängler gestisch veranstaltete – diese schwingenden, unbeholfen wirkenden Bewegungen mit den Armen –, „abenteuerlich“ nannten. Und doch: Hört man in diese Aufnahmen hinein, so spürt man sofort, dass die Musiker brennen unter diesem Dirigenten, dass sie sich nicht nur mit-, sondern regelrecht fortreißen lassen. Faszinierend Furtwänglers Vermögen, in sinfonischen Sätzen dramatische Knoten zu schürzen, was beileibe nicht nur durch das berühmte Furtwängler’sche Anziehen des Tempos gelingt, sondern ganz allgemein durch das Zuspitzen sämtlicher Möglichkeiten des Ausdrucks. Der Finalsatz aus Brahms’ 4. Sinfonie: Im Innersten flammender kann man das nicht aufwerfen, als es Furtwängler in dieser Aufnahme aus dem fünften schrecklichen Weltkriegswinter tut. Der Schlusssatz von Beethovens Neunter: ein einziger stürmischer und dennoch nie gezwungen wirkender, sondern zwingend hergeleiteter Taumel.

Ein Zwiespalt: die Kunst und das mörderische System

Ja, es sind weit überwiegend Programme mit deutschsprachigen Komponisten, die damals für wert befunden wurden, dem Publikum an den Volksempfängern dargebracht zu werden. Brahms und Bruckner und Schubert und Schumann und immer wieder Beethoven. Und Wagner. Das „Meistersinger“-Vorspiel: Das tönt bei Furtwängler so straff und drängend, dass im Vergleich dazu ein Großteil der heutigen Interpretationen viel eher unter Butzenscheiben-Verdacht gestellt werden müssten. Eine deutschtümelnde Inbesitznahme dieses Favoritenstücks der Nationalsozialisten ist Furtwänglers Deutung in keinem Moment.

Wie sich überhaupt in diesen Aufnahmen nirgendwo eine Klang gewordene politische Doktrin aufspüren lässt, sondern allein der künstlerische Formwille hervorsticht. Hierauf beruht die bleibende ästhetische Qualität. Dass diese Kunst von Repräsentanten eines mörderischen Regimes hervorgebracht wurde, dieser Zwiespalt freilich bleibt bestehen.

Berliner Philharmoniker, Wilhelm Furtwängler: The Radio Recordings 1939-1945. 22 CD/SACD. Berliner Philharmoniker Recordings

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