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Augsburg

06.02.2019

Bibliothek der zerstörten Bücher: Nazis verbrannten selbst Kinderbücher

Bücherverbrennung der Nationalsozialisten auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai 1933.
Bild: UB Augsburg

Plus Seit zehn Jahren bewahrt die Universität Augsburg die Bibliothek der verbrannten Bücher. Seither haben Forscher die einzigartigen Sammlung untersucht.

In dieser Bibliothek lassen sich überraschende Entdeckungen machen. Vor dem Furor der Nazis, „undeutschen“ Geist auszumerzen, war in den Dreißigern nicht einmal die Kinderliteratur gefeit. Erich Kästners Klassiker „Pünktchen und Anton“ galt den Machthabern als „zersetzende“ Geschichte über die Freundschaft zwischen zwei Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten. Der Autor hatte „Nachdenkereien“ eingestreut, etwa diese: „Mut beweist man nicht mit der Faust allein, man braucht den Kopf dazu.“ Wegen der „Schwächlichkeit seiner Charaktere“ wurde im Dritten Reich auch „Das fliegende Klassenzimmer“ verworfen.

Darüber schreibt die Germanistin Theresia Dingelmaier in einem umfangreichen, heute erscheinenden Band über die „Bibliothek der verbrannten Bücher“, die vor zehn Jahre der Sammler Georg Salzmann (1929–2008) an die Universität Augsburg verkauft hatte. Aus privaten Antrieb hatte er systematisch die Werke aller verfemter Autoren zusammengetragen. In Antiquariaten und auf dem Flohmarkt stöberte der Immobilienkaufmann rare Erstausgaben derer auf, die ab 1933 auf einer schwarzen Liste landeten, aus den öffentlichen Büchereien entfernt wurden und größtenteils den Bücherverbrennungen zum Opfer fielen, wovon es insgesamt 93 im Deutschen Reich gegeben hat.

Auch „Bambi“ kam auf die schwarze Liste

Selbst „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ kam auf die Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums, da sie der jüdische Schriftsteller Felix Salten verfasst hatte. Sofort auf den Scheiterhaufen flog der Antikriegsroman „Die Katrin wird Soldat“ (1930) der jüdischen Jugendautorin Adrienne Thomas. Im Exil publizierte sie weiter. Später schrieb sie: „Vielleicht konnte man zu Kindern noch reden. Mit den Erwachsenen hatte ich keine gemeinsame Sprache mehr.“

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Georg Salzmann gehörte zu der verführten Generation. Nach Hitlerjugend und Volkssturm gingen ihm im Juli 1945 die Augen auf, als er erst das befreite KZ Buchenwald besuchte und dann in Weimar eine Buchhandlung, die verbotene Literatur versteckt hatte. Der Aufbau seiner Sammlung erfolgte indes erst drei Jahrzehnte später. Den Anstoß gab 1976 eine kleine literarische Runde, die Salzmann Zugang zu Antiquaren in Köln, Amsterdam, Bern und Zürich verschafft. Gezielt sammelte er zu circa 90 Autoren, die im Dritten Reich als undeutsch verfemt waren. Am Schluss quoll sein Haus in Gräfelfing bei München über. „Im Keller, in der Küche, im Wohn- und Arbeitszimmer und auf der Treppe – überall standen und lagen die Bücher“, erinnert sich Bibliotheksdirektor Ulrich Hohoff.

Die Universitätsbibliothek Augsburg hat Salzmanns Herzensanliegen realisiert und den Bestand frei zugänglich gemacht, sodass damit nicht nur wissenschaftlich geforscht, sondern auch einfach in den Büchern geschmökert werden kann. Rund 8000 Bände stehen im Regal, nur die Doubletten und besonders wertvolle Erstausgaben und Widmungsexemplare liegen im Magazin. Mit Nachkäufen wurden inzwischen einige Lücken geschlossen.

Als „zersetzend“ verurteilten die Nazis Erich Kästners Kinderbuch „Pünktchen und Anton“ (1932). 
Bild: UB Augsburg

In der Gestaltung zeigt sich die Moderne

Es lohnt sich, die Bücher in die Hand zu nehmen und ihre moderne Gestaltung zu bewundern. Die Avantgarde brach die Symmetrie auf und erzeugte Spannung, indem sie Überschriften verschob und zu illustrierendem Flächendesign überging, erklärt der Typografie-Professor Michael Wörgötter. Neue Stile wie Bauhaus, Expressionismus oder Dada fanden Eingang. Mit seinen Studenten der Hochschule hat Wörgötter kongenial den neuen Band außerordentlich gestaltet.

Exemplarisch zeigen die Aufsätze auf, welche Schätze dort zu heben sind. Etwa Hans Sahl als Zeuge des 20. Jahrhunderts. Oder Erich Mühsam als Anarchist und Humanist. Bertolt Brechts Selbstverständnis im Exil („Ich habe alle Tugend satt und weigere mich ein Held zu sein“) beleuchtet Bettina Banasch. Mathias Mayer geht auf Stefan Zweigs „Jeremias“ unter dem Titel „Prophetisches Scheitern“ ein.

Die grundsätzliche Frage, ob man Bücher verbrennen könne, um sie aus der Welt zu schaffen, erörtert Stephanie Waldow. Die Sammlung Salzmann ebenso wie der „Parthenon der Bücher“ auf der Documenta 14 in Kassel 2017 seien ein wichtiger Beitrag zur Rehabilitation der Autoren einerseits und zur Humanisierung des kulturellen Gedächtnisses andererseits. Indem sie deren Zirkulation wiederherstellten, die von den Nazis brutal unterbrochen wurde. Die Bibliothekare der Uni Augsburg taten ein übriges und katalogisierten erstmals die fast 13000 Bände Salzmanns, der selbst allenfalls zwei Drittel auffindbar geordnet hatte. Gesondert erfasste die Bibliothek die Umschläge samt ihrer Klappentexte – worauf die Wissenschaft sonst weniger achtet.

Die Bibliothek der verbrannten Bücher. Hrsg. von Andrea Voß, Gerhard Stumpf, Ulrich Hohoff. Allitera Verlag, 204 S., 24,90 €

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