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Rockmusik

11.02.2020

Böhse Onkelz, Freiwild und Goitzsche Front: Musik in der Grauzone nach rechts?

Mit ihrem zweiten Hit-Album „Ostgold“ auch in Augsburg gewesen (v. l.): Ulze, Bocki und Maxi von Goitzsche Front.
Bild: Alexander Prautzsch, dpa

Plus Die Böhsen Onkelz haben 40-jähriges Jubiläum. Und in ihrer Nachfolge feiern nach Freiwild nun auch Goitzsche Front mit patriotischem Punkrock Erfolg. Eine Live-Erkundung.

Die Problemzone zeigt sich schon, da ist noch kein Akkord gedröhnt, kein Wort gegrölt. Es sind die T-Shirts beim Konzert von Goitzsche Front, einer Punkrock-Band aus Bitterfeld in Sachsen-Anhalt, die es mit dem aktuellen Album „Ostgold“ zum zweiten Mal in Folge nach ganz oben in den deutschen Hitparaden geschafft haben.

Erfolg der Punkrock-Band Goitzsche Front ist für viele bedenklich

Betritt man bei der Tour-Station in Augsburg den Spectrum Club, sind da gleich zwei Fans – der eine klassisch kahlrasiert, der andere modern strubbelig – mit Deutschlandwappen zentral auf der Brust, darüber in Tannenberg-Schrift um den Kragen das Wort „Nationalgarde“. Eine Kollektion des – gelinde gesagt – umstrittenen Aktivisten Tim Kellner.

Für zumindest bedenklich halten ja auch manche den Erfolg der Goitzschen Front. Deren Name soll im ersten Teil, so die Selbstauskunft, an den abgewickelten Braunkohlebergbau in der Heimat stehen, und im zweiten für Zusammenhalt. Er nimmt aber auch das „Oi!“ des klassischen Skinhead-Punk-Stils mit. Und dann kommt als erster der Band der Schlagzeuger Tom „TT“ Neubauer auf die Bühne – und trägt auf dem T-Shirt das in Konsonanten verkürzt zur Marke gewordene Bekenntnis „FCK NZS“: Fuck Nazis.

Album der Böhsen Onkelz ist schon vor Veröffentlichung ein Bestseller

Dieses Spannungsfeld ist die Aktualisierung eines nun 40 Jahre alten Phänomens. Das Jubiläum nämlich feiern die Böhsen Onkelz in zwei Wochen mit einem neuen Album, das bereits durch Vorbestellungen ein Bestseller ist – wie auch die Tour mit zwei ausverkauften Abenden im April in der Münchner Olympiahalle.

Klar, bei dieser Band, die nach ihrer Wiedervereinigung 2015 auch einen deutschen Rekord aufstellte, indem sie bei zwei Konzerten hintereinander auf dem Hockenheimring vor jeweils mehr als 100.000 Zuschauern spielte.

Andreas Gabalier will einen Zuschauer-Rekord brechen

Ein Rekord, den nun, 2020, mit einem Event für bis zu 170.000 Zuschauer in der Münchner Messe ein gewisser Andreas Gabalier brechen will. Und damit ist man unweigerlich bei der Breite von Stil und Debatte, die mit steigender Konjunktur das Onkelz-Problem in der Gegenwart angenommen hat. Wie reaktionär, wie rechts ist der Steirer Volks-Rock’n’Roller, inwiefern waren es schon damals die Böhsen Onkelz, und wie sehr sind es heute deren ebenfalls sehr erfolgreiche Epigonen, zu denen die Südtiroler von Freiwild gehören und auch die Goitzsche Front?

Da mahnt zum Beispiel Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler der Uni Mainz: Dieser so erfolgreiche „neue Deutschrock“ bewege sich oft im Graubereich zum Rechtspopulismus. Es werde kämpferisch der Zusammenhalt beschworen, die eigene Identität, und häufig werde gegen möglichst unbestimmte Feinde angesungen, oft die Mehrheit oder der Mainstream, gegen die es sich zu behaupten gelte. Hindrichs: „Das macht manche Bands auch für rechtspopulistische Einstellungen anschlussfähig.“

Aber war das – als Szene gegen Pop und Normalität gerichtete Außenseiter-Kultur – nicht immer Punk-Attitüde? Ist sie darum vielleicht heute, da der „Mainstream“ im Protest gerne als links-liberal beschrieben wird, tendenziell eher rechts-reaktionär?

Goitzsche Front widmet den Song “Schweinepriester“ den "Nazi-Wichsern

Die Onkelz, auf deren neuer, selbstbetitelter Platte ein Song etwa „Du hasst mich! Ich mag das!“ heißt, sagen ja von sich, sie wären eher links als rechts, bei Freiwild-Konzerten skandieren auch die Fans „Nazis raus!“ – und bei Goitzsche Front gibt es nur ein einziges politisches Statement während des knapp zweistündigen Konzerts. Sänger Pascal „Bocki“ Bock widmet den Song „Schweinepriester“ unter anderem den „Nazi-Wichsern“. Noch Fragen also? Aber was ist dann mit den Freunden der „Nationalgarde“?

Tatsächlich behauptet ja auch der Gründer des Widerstandslabels, der Ex-Polizist Tim Kellner, von sich, er sei „weder links noch rechts“. Es gehe ja nur um die Heimat und deren Schutz – Patriotismus halt. Patriotismus, gegen den die Links-Liberalen so allergisch und denunzierend reagierten. Aber verbirgt sich dahinter nicht doch Nationalismus, völkisches Denken? Genau in diese Grauzone führt der „neue Deutschrock“.

Martialisch ist der Ton nicht selten bei der Goitzschen Front. Es wird „Wir sind für jede Schlacht bereit“ gegrölt und „ihr brecht niemals meinen Stolz“. Auf Band-Shirts steht „Hass, Schmerz, Leid“ sowie Songzeilen wie „Der Einsatz ist dein Leben“.

Ein ähnliches Programm wie bei Freiwild, die etwa „Unbrechbar“ singen und „Auf zum Schwur“ rufen, und zwar auf die Heimat Südtirol. Wie wiederum die Bitterfelder auch mal mit Humor („Nur Männer aus Stahl fahren Autos aus Pappe“), aber meist voller Inbrunst den Osten und lustvoll das Ossi-Sein feiern. Beide Bands betonen (wie auch Andreas Gabalier unablässig), Jungs von nebenan zu sein, „einer von euch“. Es gibt Hymen an die Freundschaft.

Freiwild beruft sich auf die Unabhängigkeit

Freiwild berufen sich auf die Tradition der Südtiroler Unabhängigkeit und keilen gegen Kritiker mit prekären Bildern: „Geartete Künste hatten wir schon“. Goitzsche Front brechen das Entmündigungs- und Entwertungsgefühl in Ostdeutschland. Sie recken schlicht den Stinkefinger nach oben: „Fickt euch ins Knie, ihr könnt uns mal!“

So wie sich Gabalier als „ganz normal“ ansieht, sehen sich die Bands in der Mitte, zwischen den Extremen. Die Bitterfelder lächeln auch nur, als einer der rund 200 Fans im deutlich nicht ausverkauften Spectrum eine DDR-Fahne auf die Bühne wirft – und lassen sie liegen. Sie fordern stattdessen Unterstützung bei Hilfsprojekten für Kinderhäuser und Depressive. Nette Jungs also, alles ein Missverständnis?

Dass Punkwut mit Heimatliebe-Pathos heute in der Grauzone nach rechts tatsächlich anschlussfähig ist und dass sie davon profitieren, wird ihnen bewusst sein – muss es sie aber korrumpieren, solange die Kante gegen Nazis klar gezogen ist? Soll man von Punks mehr verlangen, als konservative Politiker und Intellektuelle zustande bringen?

Tote-Hosen-Song inspiriert rechten Jugendlichen

Und was die Fans angeht: Der Berliner Szeneforscher Klaus Farin kann schöne Geschichten erzählen wie die von einem rechten Jugendlichen und dessen musikalischen Einflüssen. Ihn hatte „1000 gute Gründe“ von den Toten Hosen nationalistisch erweckt. Ein Song, der Patriotismus gerade von links bricht! Bei ihm kam er als Kritik an den Herrschenden an, die sich gegen die Großartigkeit dieses Landes vergeigen.

Was heute bleibt, ist der Befund: Patriotenmusik ist massentauglich – in wütenden Klangfarben, die gerade nicht Pop sein wollen. Und das kann man schon befremdlich finden.

Lesen Sie dazu auch: So fällt die Politik auf die Tricks der AfD herein

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