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Brechtpreis

18.02.2020

Brechtpreisträgerin Sibylle Berg: "Kämpfen lohnt sich"

Romane, Essays, Kurzprosa, Theaterstücke und Hörspiele schreibt Sibylle Berg seit den 1990er Jahren. Im Goldenen Saal erhielt sie am Dienstagabend für ihr Werk den Brechtpreis.
Bild: Diana Zapf-Deniz

Plus Am Dienstag wurde Sibylle Berg in Augsburg ausgezeichnet. Sie glaubt nicht, dass Worte den Drang der Menschheit zur Selbstausrottung aufhalten können.

Das Staatstheater Augsburg hatte wohl einen „Riecher“, als es im Oktober Sibylle Bergs Stück „Und jetzt: die Welt!“ auf den Spielplan setzte. So kommt es nun zu dem glücklichen Umstand, dass man ein Werk der diesjährigen Augsburger Brechtpreisträgerin, der zehnten insgesamt, just auf der Bühne (in der Soho Stage) erleben kann. Und in einem Ausschnitt am Dienstagabend auch anlässlich der Preisverleihung an Berg im Goldenen Saal.

Mit der in Weimar geborenen und in Zürich und Tel Aviv lebenden Berg zeichnet die Stadt eine Autorin aus, die – und das verbindet sie mit dem Namensgeber des Preises – überzeugt ist, dass Literatur nicht dem Trost oder der gefälligen Verschönerung der Welt dient, wie es in der Jurybegründung heißt.

Brechtpreis: Sibylle Berg hat ein Gespür für menschliche Abgründe

„Der Zustand der Welt ist das, was sie interessiert, und das, was sie diese Welt manchmal kaum aushalten lässt“, erklärte Julia Encke, Literaturchefin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in ihrer Laudatio. Perversionen, Ungerechtigkeiten und Verbrechen thematisiere Sibylle Berg in ihren souverän rhythmisierten Texten – scheinbar unbeteiligt, jedoch mit starker Empathie. „Berg scheint mit einer dieser Sonnenbrillen durch die Welt zu gehen, mit denen man den Sonnenbrand der anderen schon wahrnimmt, bevor ihn diejenigen, die ihn gerade kriegen, zu spüren begonnen haben“, sagte Encke.

Brechtpreisträgerin Sibylle Berg: "Kämpfen lohnt sich"

Die Welt erklären könne diese Schriftstellerin, mit einem Gespür für das Menschliche, für Verletzlichkeiten und für menschliche Abgründe. In ihrem jüngsten Roman „GRM – Brainfuck“, der um vier Jugendliche in einem englischen Ort kreist, gehe es praktisch um alles, was uns gegenwärtig umtreibt: Überwachungsstaat, Brexit, Gentrifizierung, das zerfallende Europa. Ohne falsche Hoffnungen auf ein gutes Ende zu wecken. „Warum Licht erfinden, wenn es nicht vorhanden ist“, stellte Encke dar.

Die Fähigkeit, unverblümt und auf den Punkt gebracht, die Gesellschaft an ihren Schwachstellen zu greifen, hatte zuvor schon Eva Weber, die Zweite Bürgermeisterin der Stadt, hervorgehoben. Ihre Kolumnen, die Berg regelmäßig für Spiegel Online verfasst, seien ein Kompass in politisch aufgewühlten Zeiten.

Sibylle Berg verzichtet beim Brechtpreis auf eine Brandrede

In ihrer Dankesrede wollte Sibylle Berg dann aber keinesfalls eine der zu diesen Anlässen so gern gehaltenen Brandreden über die großen Fragen der Weltpolitik halten. Die Fälle, in denen sich Diktatoren die Preisreden von SchriftstellerInnen zu Herzen genommen hätten, seien schließlich überschaubar, meinte Berg sarkastisch. „Ich glaube nicht mehr daran, dass Worte den Drang der Menschheit zur Selbstausrottung aufhalten können. Ich bin weiblich, und darum nicht größenwahnsinnig. Oder nur ein bisschen.“

Denn dass die weibliche Perspektive in Theater und Literatur gegenüber der männlichen im Hintertreffen sei, habe sie schon mit Erscheinen ihres ersten Buches in den frühen 1990er Jahren feststellen müssen, als ihr der Unmut der Kritiker wegen ihres männlichen Schreibens entgegenschlug. Immer noch sei es so, „dass Werke von Schriftstellern als welthaltiger und universal gültiger gelten“, stellte Berg fest: Rezensionen von männlichen Kritikern würdigten Werke von männlichen Autoren, die weitgehend über Männer schrieben. „Die Kanons werden nach wie vor von Männern mit männlichen Autoren befüllt.“

Selbiges gelte für die Theaterszene, in der es zu wenig Intendantinnen gebe und in der die Stücke von Autorinnen meist in den kleinen Studiobühnen und Kellerräumen zu sehen seien. Diese mangelnde Sichtbarkeit des Weiblichen wirke sich auf die Rollenbilder in Theaterstücken aus, bemängelte Berg. „Das Theater spiegelt die Gesellschaft, aber es geht nicht als Beispiel voran.“

Statt auf zweifelhafte Rezepte für die Weltrettung, setzt Sibylle Berg auf die „unglamouröse Möglichkeit, Dinge in unserem Umfeld zu verändern“. Als Autorin versuche sie, neue Rollenbilder zu schaffen – auch wenn ihr deshalb oft der Hass vorwiegend von Männern entgegenschlage. „Es ist mir egal“, erklärt die Brechtpreisträgerin des Jahres 2020, „denn ich weiß, dass jede nicht männliche Person, die aushält, durchhält, weitermacht, dabei hilft, Unterrepräsentierten Mut zu machen. „Im Kleinen, im Rahmen des Möglichen, zu kämpfen, lohnt sich.“

Und dafür gebe es sogar Preise.

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