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Buchbesprechung
20.09.2018

Lukas Rietzschel erklärt uns die Abgehängten im Osten

Protest der Unzufriedenen: Teilnehmer der rechtspopulistischen Bürgerbewegung Pro Chemnitz versammeln sich in der Stadt.
Foto: Ralf Hirschberger, dpa

Der Schriftsteller Lukas Rietzschel ist erst 24 und kennt doch die Stimmung, die zu Ereignissen wie jetzt in Chemnitz führt. Davon handelt sein Roman-Erstling.

Die Wut, diese maßlose Wut. Wegen dieser Wut trägt der Roman-Erstling von Lukas Rietzschel den Titel „Mit der Faust in die Welt schlagen“. 2017 hat er den Roman geschrieben. Nach Chemnitz 2018 wissen wir, wie einer, der fünf Jahre nach der Wende geboren ist, zu seinem Thema kam. Es braut sich im deutschen Osten eine Stimmung zusammen, die den Frieden im ganzen Land bedroht. Dieser Jünglingsautor, der mit seinen gerade mal 24 Jahren noch kindliche Züge im Gesicht trägt, hat das früh erfasst.

In dem Buch wachsen die Brüder Philipp und Tobias in einer abgelegenen Region in Sachsen auf. Ihre Kindheit verbrachten sie im Plattenbau, nun haben die Eltern ein Haus gebaut. Doch unweit davon ragen marode Fabriken empor, die Tagebauseen sind unheimlich, „mal schimmert etwas hindurch, knapp unter der Oberfläche“, vielleicht sind es die „Schatten versenkter Geheimnisse und schlechten Gewissens“. Die Bewohner im Heimatort haben immerzu schlechte Laune, und als hier Flüchtlinge aufgenommen werden sollen, kommt es zur Eskalation.

Der Anführer schwärmt von einem starken Deutschland

Die Eltern und Großeltern kommen darüber nicht hinweg, dass die schlichten Strukturen des Sozialismus nicht mehr gelten. Sie sind unzufrieden mit der Freiheit, können mit ihr nichts anfangen. Philipp und Tobias haben ältere Freunde. Die parken ihre Autos vor dem Eingangstor der Schule und jubeln, als auf dem Schulhof ein Hakenkreuz entdeckt wird. Anführer der Gruppe ist Menzel, der von einem starken Deutschland schwärmt. Die Brüder sind dabei, als das Haus einer arabischen Familie mit Schweinefleisch beworfen wird.

Warum stehen in Sachsen die Menschen in großer Zahl auf den hübsch renovierten Marktplätzen ihrer Städte und beschimpfen Politiker? Warum hat das Bundesland mehr Rechtsradikale als andere, bis hin zu Neonazis? Und warum haben Pegida, AfD und ähnliche fremdenfeindliche Bewegungen dort ihre Basis?

Lukas Rietzschel, der in Kassel Politikwissenschaft studierte, weiß es. Seine Eltern erlebten die Unsicherheit, als in den frühen neunziger Jahren die DDR abgewickelt wurde. Die Familie lebte in der Oberlausitz, heute wohnt Rietzschel in Görlitz. Er hat zwei Antworten auf den geballten Unmut im deutschen Osten: Erstens hält der Kapitalismus nicht das, was er verspricht. Zweitens ist auf dem Gebiet der Ex-DDR noch ein Gedankengut lebendig, das grundsätzlich antistaatlich ist. Das hat mit der verdrängten Nazivergangenheit zu tun. Laut Rietzschel gab es in der DDR nur eine „antifaschistische Oberfläche“, wie er in einem Interview sagte. Darunter brodelt es.

Im Buch grenzt sich Philipp von seinen rechtslastigen Kumpanen ab, auch mit der Familie hat er, nachdem er einen Ausbildungsplatz ergatterte, nicht mehr viel zu tun. Tobias dagegen demonstriert mit Pegida und radikalisiert sich, als seine alte Grundschule in ein Flüchtlingsheim umgewandelt wird. Als die Familie die Laube, Lieblingsort seiner Kindheit, an einen Ausländer verkauft, wendet er sich ganz von ihr ab. Er ist dabei, als die alte Schule in Brand gesetzt wird. Da haben sich die Wege der beiden Brüder längst getrennt.

Sie suchen Schuldige für ihre Misere

Lukas Rietzschel kennt solche Lebensläufe. Er hat sich selbst mit dem eigenen Bruder auseinandersetzen müssen und mit seinem im Arbeitermilieu verankerten Vater. Er hat den Roman geschrieben aufgrund seiner Erfahrungen und Gespräche. Es ist das Unaufgearbeitete in der ostdeutschen Geschichte, die Rasanz der Marktwirtschaft, das Abgehängtsein der Dörfer und kleinen Städte, die er beschreibt. Zugleich sieht er in den Sympathien für den rechten Rand auch einen Jugendprotest. Sie verhalten sich rebellisch, weil sie aus ihren Milieus nicht herausfinden, und sie suchen Schuldige dafür: Merkels Politik und die Flüchtlinge.

Ullstein-Verleger Gunnar Cynybulk hatte das Manuskript sofort angenommen. Er hält das Buch, das jetzt erschienen ist, für einen deutschen Spitzentitel dieses Jahres.

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen. Ullstein, 320 S., 20 €

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