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Literaturtipp

09.11.2019

Chaos und riesige Freude: So erinnern sich berühmte Zeitzeugen

Ein Blick zurück auf den historischen Moment – eine Frau an der aktuellen Open-Air-Ausstellung zum Mauerfall auf der Straße des 17. Juni in Berlin.
Bild: Paul Zinken, Anette Riedl, dpa

Das Kanzleramt hat der Fall der Mauer kalt erwischt. Danach ging alles schnell. Zeitzeugen erzählen, wie sie einen abgewirtschafteten Staat umbauen und zugleich stabilisieren mussten.

Die im Bonner Kanzleramt versammelten Herren waren völlig überrascht, als am 9. November 1989 abends die Tür aufgerissen wurde und der Pressesprecher Eduard Ackermann hereinstürzte mit den Worten „Die Mauer fällt, die Mauer ist offen!“. Rudolf Seiters, damals Chef des Kanzleramtes, erzählt die Anekdote in dem aktuellen Erinnerungsband „30 Jahre Deutsche Einheit – Wir sind dabei gewesen“.

Die Fraktionsvorsitzenden samt Bundesinnenminister hätten es damals im Kanzleramt besser wissen müssen. Denn schon am 4. November organisierte ein Ostberliner Anwalt namens Gregor Gysi die größte nicht vom SED-Staat veranlasste Demonstration für Freiheit und Bürgerrechte, die 500.000 Menschen unbehelligt auf den Alexanderplatz rief. Am Abend der Maueröffnung blieb Gysi übrigens zu Hause, denn anderntags hatte er einen Mandanten unter Mordanklage zu verteidigen – und die ostdeutsche Justiz ließ sich vom historischen Ereignis in ihrem Lauf nicht beirren.

Auch Angela Merkel überquerte am 9. November 1989 die nun offene Grenze

Eine ging hinüber: Angela Merkel schloss sich den vielen Menschen an, „die teils ungläubig staunend, teils freudetrunken, in jedem Fall hoffnungsfroh“ an den offenen Schlagbäumen vorbeiliefen. „Das werde ich nie vergessen“, schreibt die heutige Kanzlerin. Es sind Erinnerungen wie diese, die der Maueröffnung einen persönlichen Rahmen geben – in ihrer einzigartigen Bedeutung ebenso wie in ihrer Unerwartetheit. So musste Kanzler Helmut Kohl auf Staatsbesuch in Polen telefonisch in Warschau verständigt werden.

Danach ging alles rasend schnell: erste freie Wahlen zur Volkskammer der DDR, neue Gemeindeordnung, Wiedererrichtung der fünf Länder, Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, endlich der Einigungsvertrag. Herzustellen war darin „ein Adapter zwischen zwei Systemen, die nicht miteinander funktionieren können“, hatte Ministerpräsident Lothar de Maizière von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble gefordert. Keinesfalls sollte es ein Kaufvertrag werden.

20 Kunstprojekte begleiten die Feiern zum 30. Jahrestag des Mauerfalls. Hier: Schwimmende Stabbojen von Rainer Walter Gottemeier entlang des ehemaligen Grenzverlaufs auf der Spree.
Bild: Paul Zinken, Anette Riedl, dpa

Theo Waigel erinnert sich an die Bemühungen, die DDR am Leben zu halten

Auch für Theo Waigel, den Bundesfinanzminister, begann eine intensive Zeit. Minutiös beschreibt er die dramatischen Monate, als es galt, das östliche Deutschland lebensfähig zu erhalten. Allein im Januar und Februar 1990 verließen 137.000 Menschen die DDR. Was war der abgewirtschaftete Sozialistenstaat noch wert? Dabei durfte seine Bevölkerung nicht ein zweites Mal zu den Verlierern gehören. Bittere Wahrheiten mussten auf den Tisch; die Arbeitsgruppe leitete Ministerialrat Thilo Sarrazin. Dem CSU-Chef Waigel war klar, dass halbherzige Zugeständnisse der DDR-Führung die Straße nicht beruhigen würden.

Parteizugehörigkeit spielte übrigens im Prozess der Wiedervereinigung keine Rolle. Ingrid Matthäus-Maier (SPD) zerbrach sich mit Kurt Biedenkopf (CDU) den Kopf über die Währungsfrage. Es galt laut Seiters, „das Richtige zu erkennen und das Richtige auch gegen Widerstände nachhaltig durchzusetzen“ – also genau das Gegenteil einer populistischen Politik. Schwer tat sich der Sport mit der deutschen Einheit. Formell war sie nach der Schilderung von Alfons Hörmann, dem Allgäuer Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbunds, schon am 17. November 1990 vollzogen. Es seien jedoch völlig falsche Erwartungen geweckt worden, als würde sich der Medaillenspiegel aufaddieren. Stattdessen zeigten sich Gegensätze: die staatliche Instrumentalisierung des Sports und das Zwangsdoping junger Sportler; beides war lange schmerzhaft aufzuarbeiten.

Kunstaktion zum Mauerfall in Berlin: Der amerikanische Künstler Patrick Shearn zeigt mit der Installation "Visions in Motion" 30.000 Botschaften auf bunten Zetteln.

Papst Johannes Paul II. machte sich für die oppositionelle Solidarnosz stark

Erstaunlich weitsichtig erwies sich Papst Johannes Paul II. Bei seiner ersten Reise in die Heimat habe der polnische Pontifex im Juni 1979 mit seinem Eintreten für die oppositionelle Solidarnosz eine Lunte gezündet, die langsam, aber stetig zum Zusammenbruch des Kommunismus in Europa führen sollte. Immer habe er die geistige Einheit Europas betont, das auf zwei Lungenflügeln in West wie Ost atmet, schreibt Prälat Bertram Meier aus Augsburg. Er leitete von 1996 bis 2002 die deutsche Abteilung des vatikanischen Staatssekretariats. Gedanklich hatte Johannes Paul bereits 1987 die deutsche Einigung vorweggenommen. Zu Kardinal Joachim Meisner, den er von Berlin nach Köln versetzte, sagte er: „Sie werden der erste von vielen Ostdeutschen sein, die nach Westdeutschland gehen.“

30 Jahre Deutsche Einheit – „Wir sind dabei gewesen“ von Ferdinand Bintz und Manfred Speck (Herausgeber). Olzog Edition/Lau Verlag, 428 S., 24,95 Euro.

 Lesen Sie anlässlich des Mauerfalls vor 30 Jahren auch unsere große Multimedia-Reportage: Zwei Reporter unterwegs auf dem ehemaligen "Todesstreifen"

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