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Literatur

03.06.2020

Comic: Im Schatten der endlosen Schwabinger Party

Erst wird eine große, ausgedehnte Lebensparty in der neuen Graphic Novel von Uli Oesterle gefeiert.
Bild: Uli Oesterle, Carlsen Verlag

Plus In seinem neuen Comic-Mehrteiler „Vatermilch“ befasst sich der Münchner Uli Oesterle mit dem Abrutschen in die Obdachlosigkeit – ein schonungsloser Blick auf seine eigene Familiengeschichte.

„Papa Was a Rollin’ Stone“ – einen besseren Soundtrack gibt es nicht zu dieser Geschichte. Denn was aufs Erste cool wirkt und nach Freizügigkeit riecht, entpuppt sich wie im Erfolgssong der Temptations ganz schnell als Trauerspiel. Freilich mit saukomischen Einlagen, das ist das Angenehme an den Graphic Novels von Uli Oesterle. Und für seinen neuen Mehrteiler „Vatermilch“ braucht es schon eine feine Portion Humor und Ironie.

Es geht schließlich um das Abrutschen eines gewissen Rufus Himmelstoss in die Obdachlosigkeit, umspült von viel Alkohol, man könnte auch sagen, befördert durch einen Cocktail aus Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll. Er kommt ja gut an bei den Damen, dieser geschmeidige Markisenvertreter mit Hang zur intensiven Kund(inn)enbetreuung. Ein Verschnitt aus Stenz, Spieler und Partyhengst ist er Mitte der 70er Jahre, immer lässig mit Schlaghosen und Safari-Jackett überm weit aufgeknöpften Hippie-Hemd. Der PS-starke Jaguar darf nicht fehlen, und fast so schnittig sitzt die Günter-Netzer-Frisur über den Mega-Koteletten. Ein Typ wie aus dem Bilderbuch.

Das Absturz-Drama rückt bei Uli Oesterle ganz nahe

Blöd nur, dass dieser Himmelstoss im unwichtigsten Nebenjob auch noch Vater ist. Vom verzockten Geld lässt sich der Kühlschrank allerdings nicht füllen, das ist das klassische Absturz-Drama, das bei Oesterle ganz nahe rückt: Der Münchner Comicautor verarbeitet die eigene Familienvergangenheit und das mit frappierender Offenheit.

In einer zweiten Ebene hat sich der studierte Grafikdesigner dabei nonchalant selbst eingebaut. Als Sohn Victor Himmelstoss zeichnet er wie ein Besessener, und natürlich ist er wie alle Kreativen mächtig unter Druck – und dabei ein lausiger Vater. Fast so wie Rufus. Aber da gönnt sich der Autor der viel beachteten „Hector Umbra“-Serie einige künstlerische Freiheiten. Es gab ja auch große Lücken im Lebenslauf seines früh sich absentierenden Erzeugers, und die musste Oesterle mit „Erdichtetem verfugen“, wie er im Nachwort bekennt.

Daraus ist eine aufgekratzte Münchner Mischung mit viel wildem Schwabing geworden. Rufus Himmelstoss verkehrt etwa im legendären Yellow Submarine an der Leopoldstraße, wo man die sündteuren Drinks zwischen Haien schlürft, die aus Bullaugen glotzen. Meeresgetier schaut auch beim Koksen auf dem Klo zu, und damit die Mädels hergehen, gibt es Champagnerduschen und Belugahäppchen. Bis Rufus im Rausch eine Mutter mit zwei Kindern in den Tod fährt, lebt er konsequent über seine Verhältnisse.

Entsprechend hart fällt der soziale Abstieg aus. Vor dem Gourmettempel Tantris ist das Betteln sinnlos, und wer mit einem „Nur Scheine“-Schild vor der Asamkirche sitzt, wartet vergeblich auf milde Gaben. Rufus Himmelstoss ist als Enzian süffelnder Penner immer noch ein asozialer Ignorant, das schildert Oesterle mit bitterem Witz („noch vor drei Monaten war ich in den Betten der göttlichsten Frauenzimmer zu Hause, jetzt habe ich nicht einmal mehr ein eigenes“) und präzisen Münchner Details. Die Stadt kann ja so elegant sein, wenn es die pekuniären Verhältnisse erlauben.

Sein Vater Peter hat sich 1975 abgesetzt

Uli Oesterle, dessen Familie Ende der 60er Jahre von Karlsruhe an die Isar gezogen war, konnte das vom Vorort Germering aus gut beobachten. 1975 hatte sich auch sein Vater Peter abgesetzt, um irgendwann auf den Straßen der alten badischen Heimat zu landen. Einmal noch sah ihn der Sohn lebend, 1989 war das bei der Beerdigung der Großmutter. Schwer vom Alkohol gezeichnet sei er gewesen, doch die Bilder sind wieder verblasst.

Darauf folgt der Absturz ins Bodenlose: Die Hauptfigur Rufus Himmelstoss landet auf der Straße und muss sich dort durchschlagen.
Bild: Uli Oesterle, Carlsen Verlag

Als Oesterle dann 2010 vor dem Sarg des Vaters stand, begannen bald darauf die Gedanken in ihm loszurattern. Wie ferngesteuert habe er alles in Skizzenbüchern notiert, „assoziativ, ohne Hintergedanken“. Das half ihm mit diesem Tod und mehr noch mit dem verpfuschten Leben davor umzugehen. In einem langen Prozess – auch mit Selbstversuchen unter Obdachlosen – und mit einiger Fiktion hat Oesterle sein „Material“ zu einem virtuosen Comic gewoben, von dem nun der erste von vier geplanten Bänden erschienen ist. Ob der fahrerflüchtige Himmelstoss gefasst wird, ob er zwischendurch noch eine Chance bekommt oder sich die Spirale immer nur weiter in die Tiefe dreht, wird sich zeigen. Bei einem Rollin’ Stone weiß man auch nie, wohin die Reise geht.

Uli Oesterle: „Vatermilch“, Band 1: Die Irrfahrten des Rufus Himmelstoss, Carlsen Verlag, 128 Seiten, 20 Euro

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